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In Afrika weht punkto Gleichberechtigung ein frischer Wind

In Südafrika tauschten Kämpferinnen Militäruniform gegen Hosenanzug. Auch in anderen Ländern Afrikas stellen Frauen heute die Hälfte des Parlaments.
Markus Schönherr, Kapstadt
Thandi Modise leitet als neue Vorsitzende die erste Parlamentssitzung nach den nationalen Wahlen. (Bild: Nic Bothma/EPA / Kapstadt, 22. Mai 2019)

Thandi Modise leitet als neue Vorsitzende die erste Parlamentssitzung nach den nationalen Wahlen. (Bild: Nic Bothma/EPA / Kapstadt, 22. Mai 2019)

Eine junge schwarze Frau läuft an einem Elektrizitätswerk vorbei. Wenige Tage später flaniert sie vor einer Polizeistation auf und ab. Sie wirkt adrett, vollkommen arglos. Der Anschein wird verstärkt durch Wolle und Stricknadeln, die aus ihrer Handtasche hervorlugen. Tatsächlich macht die jugendliche Widerstandskämpferin gerade potenzielle Ziele für einen Sabotageakt aus. Ihre Mission und die ihrer Kameraden ist es, das Apartheid-Regime zu Fall zu bringen. Thandi Modise, von der südafrikanischen «Weekly Mail» 1989 mit dem Kampfnamen «Stricknadel-Guerilla» versehen, ist seit kurzem Südafrikas neue Parlamentsvorsitzende.

25 Jahre nach dem Ende der Rassentrennung hat Südafrika seit Ende Mai eine neue Führung – und eine Premiere: Das Parlament setzt sich zu 45 Prozent aus weiblichen Abgeordneten zusammen und exakt die Hälfte des neuen Kabinetts von Präsident Cyril Ramaphosa besteht aus Frauen. Der Grund für einen so hohen Frauenanteil, der viele europäische Staaten in den Schatten stellt, findet sich mitunter in der Geschichte der Kaprepublik. Und in jener des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC).

Von Beginn an trugen Frauen eine tragende Rolle in der Befreiungsbewegung und heutigen Regierungspartei des Landes. Das wurde einmal mehr vergangenes Jahr durch den Tod der Freiheitsaktivistin Winnie Madikizela-Mandela spürbar. Tagelang herrschte Trauer. Bewunderer forderten, Strassen nach der Ex-Frau des Staatsvaters Nelson Mandela zu benennen. «Ihr Kampfgeist, ihre Courage und ihr Trotz hielten den Kampf gegen die Apartheid am Leben», lobte der frühere Mitstreiter und Politiker Derek Hanekom.

Geübt an der Maschinenpistole

Der August ist jährlicher «Frauenmonat» in Südafrika. Er erinnert an den Protestmarsch 1956, bei dem 20'000 Frauen für den Fall der drakonischen Rassengesetze demonstrierten. Seither lautet das historische Motto: «Wer eine Frau schlägt, schlägt auf Fels.» Zugleich scheint dies das Lebenscredo etlicher Politikerinnen in Südafrika zu sein. Darunter auch die neue Parlamentsvorsitzende Modise.

Die 59-jährige Politikerin weiss nicht nur, wie man mit Streithähnen im Parlament umgeht, sondern kennt sich auch mit Waffen wie AK47 und Uzi aus. Als Schülerin floh sie ins Nachbarland Botswana, wo sie eine Militärausbildung absolvierte. Bevor sie dem bewaffneten Flügel des ANC beitrat, lernte sie, über Mauern zu klettern, durch Flüsse zu waten – und Gegner zu eliminieren. Ihr Kampf gegen das weisse Minderheitsregime endete schliesslich im Gefängnis. Die acht Jahre Haft nutzte sie für ein Wirtschaftsstudium.

Modises Biografie ist aussergewöhnlich, aber kein Einzelfall in Südafrikas Regierung. Auch die neue Verteidigungsministerin, Nosiviwe Mapisa-Nqakula, absolvierte eine paramilitärische Ausbildung in Angola und der damaligen Sowjetunion, ehe sie ins Parlament einzog. Der neuen Wohnbauministerin Lindiwe Sisulu wurde der Kampfgeist in die Wiege gelegt; sie ist die Tochter der beiden Volkshelden Walter und Albertina Sisulu. Als Antiapartheid-Streiterin engagierte sich auch die Spitzenpolitikerin Nkosazana Dlamini-Zuma – und dies neben ihrem Medizinstudium. Zwischen ihren Amtszeiten als Ministerin wurde die Südafrikanerin 2012 als erste Frau an die Spitze der Afrikanischen Union (AU) gewählt.

Starke Frauen gibt es auch ausserhalb des ANC: Patricia de Lille etwa, die als Parlamentarierin half, Korruptionsskandale aufzudecken, zu Kapstadts Bürgermeisterin gewählt wurde und kürzlich ihre eigene Partei gründete. Zur grossen Überraschung nahm Präsident Ramaphosa sie nun als einzige Oppositionelle in sein Ministerkabinett auf.

Ruanda hat höchsten Frauenanteil weltweit

Es weht insgesamt ein frischer Wind durch Afrika. In der Politik zeigt sich die Veränderung vor allem durch den steigenden Frauenanteil, neben Südafrika auch in Ruanda und Äthiopien. Ruandas Parlament hat mit 64 Prozent den höchsten Frauenanteil der Welt. Kritiker meinen, dass dadurch der repressive Herrscherstil von Langzeit-Präsident Paul Kagame kaschiert werden soll. Trotzdem gibt es immer wieder Lob. Äthiopien wiederum bekam im vergangenen Jahr mit Sahle-Work Zewde seine erste Präsidentin und erstmalig eine Frau als Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs. Daneben besteht das Regierungskabinett nach Amtsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed erstmalig zur Hälfte aus Frauen.

Allerdings gibt es in Südafrika auch Kritik an der neuen Regierung: So präsentiert sich das Kabinett emanzipiert, jedoch habe Ramaphosa bei der Ministerwahl erneut auf die Haudeginnen aus dem Freiheitskampf zurückgegriffen. Abermals wurde die Anschuldigung einer «recycelten Elite» laut. Das will der politische Nachwuchs künftig ändern. Fasihah Hassan ist 25 Jahre alt und wurde als Sprecherin bei Studentenprotesten bekannt. 2016 war sie eine der Kämpferinnen, die erfolgreich für kostenlose Hochschulbildung demonstrierten. Jetzt zog sie als jüngste Abgeordnete in das Parlament der Wirtschaftshochburg Gauteng (Johannesburg) ein. Die Jungpolitikerin ist überzeugt: «Wenn man die Welt als ungerechten Ort begreift, versteht man, wie wichtig sein eigener Zorn ist. Doch der muss richtig gelenkt werden.»

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