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In Argentinien tickt eine Zeitbombe

Das überschuldete Land hat gewählt und ist nun in zwei unversöhnliche Lager gespalten.
Sandra Weiss aus Buenos Aires
Alberto Fernández lässt sich von seinen Anhängern feiern. (Bild: Keystone (27. Oktober, Buenos Aires))

Alberto Fernández lässt sich von seinen Anhängern feiern. (Bild: Keystone (27. Oktober, Buenos Aires))

Nach vier Jahren ist das liberale Experiment in Argentinien zu Ende. Seit Sonntag ist klar: Die Peronisten, eine linke lateinamerikanische Ideologie mit starker Führung, übernehmen wieder die Macht. Bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag kam der liberale Amtsinhaber Mauricio Macri auf 40,7%. Das reichte allerdings nicht, um den Wahlsieg in der ersten Runde seines Herausforderers Alberto Fernández zu verhindern, der 47,7% der Stimmen auf sich vereinen konnte. Es ist das erste Mal seit der Rückkehr zur Demokratie, dass eine nichtperonistische Regierung ihre Amtszeit regulär beendet. Das Ergebnis war knapper als erwartet und spiegelt ein in nahezu gleich grosse Teile ideologisch gespaltenes Land wider.

In seiner weitgehend inhaltslosen Siegesansprache vor Tausenden jubelnden Anhängern bat Fernández alle um Unterstützung, denn es stünden schwere Zeiten bevor, um aus den hinterlassenen Ruinen wieder ein solidarisches Land zu bauen. Er werde alles tun, um die pleite gegangenen Fabriken wieder in Gang zu setzen und das staatliche Bildungssystem auf Vordermann zu bringen.

Schuldenberge, Armut und Inflation

Der Verlierer der Wahlen, Mauricio Macri, betonte derweil, er übergebe ein Land mit solideren Grundlagen, einer modernen Infrastruktur und einem lebendigen Föderalismus. Argentinien habe seine politische Kultur geändert, die gegnerischen Lager gingen nun respektvoller miteinander um, das sei sein Erbe. Seine Partei werde eine verantwortungsvolle, konstruktive Oppositionsrolle spielen. Dafür erhielt der im Dezember scheidende Amtsinhaber grossen Applaus. Macris liberale Koalition verlor zwar die Präsidentschaft und die wichtige Provinz Buenos Aires, jedoch wurde der amtierende Bürgermeister Horacio Larreta in der Stadt Buenos Aires wiedergewählt. Die Hauptstadt dürfte fortan die konservativ-liberale Bastion sein.

Das Land Argentinien steht vor turbulenten Zeiten. Für Fernández, der als gemässigter Sozialdemokrat gilt, und seine deutlich links von ihm stehende Vizepräsidentin Cristina Fer­nández de Kirchner, wird das Regieren nicht einfach. Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise und ist mit 284 Milliarden US-Dollar im Ausland verschuldet. Hauptgläubiger ist der Weltwährungsfonds (IWF). Argentinien hat ausserdem die zweithöchste Inflation des Kontinents nach Venezuela und 35% Armut. Ein durch die Massenflucht in den Dollar abgestürzter Peso macht die Si­tuation noch komplizierter. «Um eine Strukturanpassung wird Fernández nicht herumkommen», sagt der Ökonom Alejandro Rebossio. «Die Menschen erwarten von ihm eine rasche Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation.» Viel Wachstumsspielraum habe Argentinien in einer immer protektionistischeren Weltwirtschaft jedoch nicht.

«Fernández muss mehrere Bomben entschärfen»

Auch die Gouverneure erwarteten von Fernández eine Belohnung für ihre Unterstützung, sagt die Ökonomin Mariel Fornoni. Hinzu komme der Einfluss radikal linker Gewerkschaften, die zum Lager der Vizepräsidentin Cristina Fernández de Kirchner gehören. Gegen sie laufen ausserdem mehrere Korruptionsprozesse. Der Gouverneur der einflussreichen Provinz Buenos Aires ist ebenfalls ein Vertrauter Kirchners, in deren Händen damit wichtige Fäden der Macht zusammenlaufen. Alberto Fernández ist von diesem Flügel ideologisch distanziert. «Der Präsident muss mehrere Bomben entschärfen und hat dafür weder viel Zeit noch viel Spielraum.»

Für den Wirtschaftsprofessor Rafael Flores liegt das grundlegende Problem aber woanders. ­Sowohl der marktliberale Macrismo als auch der staatskapitalistische Kirchnerismo hätten rund ein Drittel der Bevölkerung hinter sich. «Beide Lager sind unversöhnlich, und dabei bleiben grundlegende Fragen ungelöst – was wir künftig exportieren, wie wir mit China mithalten und welche Jobs unsere Kinder einmal ausüben sollen.» Die argentinische Mentalität mache diesen fehlenden Konsens nicht einfacher: «Wir wollen magische Lösungen. Und unsere Politiker unterschätzen die Probleme und überschätzen sich selbst.»

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