Stuttgart 21
«In der Schweiz könnte so was ned passiere, gell?»

Über Monate protestierten Bürger wie Siegfried Busch (74) gegen das Milliardenprojekt Stuttgart 21. Dann ging die Polizei mit Gewalt gegen sie vor. Zurück bleiben empörte Menschen, die das Vertrauen in den Staat verloren haben.

Benno Tuchschmid (Text) und Chris Iseli (Fotos), Stuttgart
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Eigentlich haben Tobias Tegl und Siegfried Busch nichts gemeinsam. Tegl ist 24, Student, trägt ein Piercing und ist knapp bei Kasse. Busch ist 74, Rentner, trägt Hemd und Gilet und besitzt die Bahncard Comfort, das deutsche 1.-Klass-GA. Tegl und Busch eint wenig ausser einem Gefühl: Empörung. Tief empfundene Empörung über die Regierung, über die da oben, die an den Schalthebeln der Macht, die in Stuttgart das Monsterprojekt Stuttgart 21 durchsetzen wollen, ohne sich um die Meinung des Volks zu kümmern. Empörung gegenüber denen, die am letzten Donnerstag die Polizei mit Wasserwerfern gegen jene Demonstranten vorgehen liessen, die mit einem Sitzstreik die Zufahrt zu einer Baustelle blockieren wollten. Resultat: zwischen 100 und 400 Verletzte.

Siegfried Busch: Jeden Tag eine Pfeilspitze

Siegfried Busch (74), Rentner. Aus Protest gegen Stuttgart 21 ist Busch aus der CDU ausgetreten. In einem viel beachteten Blog listet der 74-Jährige täglich die Probleme des Grossprojekts auf (siehe Online). «Jeder Tag eine Pfeilspitze gegen Stuttgart 21», ist sein Motto.
Blog www.siegfried-busch.de

Busch sitzt auf der Nordseite des Stuttgarter Bahnhofs, neben sich einen Rollkoffer, er ist soeben mit der Bahn aus Hamburg zurückgekommen. «Ich habe kein Vertrauen mehr in die Politik, wer lässt denn die Polizei so auf die eigenen Bürger los?», so Busch. «Schauen Sie sich das an», sagt er und deutet auf den abgerissenen Nordflügel des Bahnhofs. Die Baustelle ist abgesperrt mit Polizeigittern, an dem Tausende Plakate, Poster und Transparente hängen. «Die wollen hier Milliarden in ein Projekt buttern, das den Bahnfahrern am Schluss praktisch keine Vorteile bringt.» Neben dem Bahnhof steht der klotzige Bürokomplex der Landesbank Baden-Württemberg, klassische Allerweltsarchitektur. «Und am Schluss stehen hier solch gesichtslose Gebäude», sagt er und schmunzelt in sich hinein.

Busch schmunzelt und lacht oft, wenn er eigentlich wütend ist. Angeborenen Schalk nennt er es selbst. Busch ist nicht nur witzig, er ist auch ein sehr präziser Mann. Er führt einen Blog, in dem er Argumente gegen Stuttgart 21 sammelt: Es geht um aufquellendes Gestein, um Filz im Politsystem von Baden-Württemberg, um Gutachten und Gegengutachten. Fein säuberlich strukturierte Empörung.

Tobias Tegl: Tiefes Misstrauen gegenüber Polizei

Tobias Tegl (24), Student. Er organisiert Schülerproteste gegen Stuttgart 21 und möchte die 4,1 Milliarden Euro, die das Projekt kostet, lieber in die Bildung stecken. Er war dabei, als die Polizei mit Wasserwerfern auf friedliche Demonstranten losging. «Die Menschen haben jetzt ein tiefes Misstrauen gegenüber der Polizei».

Blog http://jugendoffensive.blogsport.de/

Tegl sitzt im Schlosspark von Stuttgart, auf der Südseite des Bahnhofs. Seine Stimme wird immer wieder übertönt von den Planiermaschinen, welche die Erde einebnen, wo früher Bäume standen. Die Bäume sind ein Grund, wieso der 24-Jährige sich gegen Stuttgart 21 engagiert. Ein grosser Teil des Schlossparks, des grössten Parks in Stuttgart, soll dem neuen unterirdischen Bahnhof und der dazugehörigen Überbauung weichen.

Der zweite Grund sind die Kosten. Tegl gehört zu einem Projekt, das sich «Jugendoffensive gegen Stuttgart 21» nennt. Die Jugendoffensive will, dass die Milliarden in Bildung investiert werden statt in das gigantische Bauprojekt. «Dieses Milliardenprojekt hat man lange vor der Finanzkrise beschlossen, heute ist es nicht mehr tragbar», sagt er. Für Tegl ist klar: «Über wichtige Fragen muss künftig das Volk entscheiden. Bei euch funktioniert es ja auch.»

Es gibt Zehntausende Tegls und Buschs in Stuttgart. Der Schlosspark ist ihr Zentrum. Die Atmosphäre eine seltsame Mischung aus Open-Air-Festival, Hippie-Kommune und Altersheim-Reisli. Vor den Polizeigittern diskutieren Rentner, die Stämme sind bunt eingewickelt mit Schriftzügen und Firlefanz, in der Sonne trocknen Schlafsäcke. Eine ältere Frau fragt in schwäbischem Dialekt: «Kommen Sie aus der Schweiz? So was würde bei Ihnen ned passiere, gell?»