In Deutschland demonstrieren Tausende gegen die Coronamassnahmen - Experten warnen vor der Protestbewegung

Mythen über Geheimbünde und andere Verschwörungstheorien: Wie gefährlich sind die Coronademos?

Christoph Reichmuth aus Berlin
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Polizeiaufgebot an einer Demo gegen die Coronamassnahmen in Berlin.

Polizeiaufgebot an einer Demo gegen die Coronamassnahmen in Berlin.

Bild: Keystone (Berlin, 9. Mai 2020)

Auf dem Berliner Alexanderplatz ist eine Demonstration gegen die Coronamassnahmen der Bundesregierung am letzten Samstag ausgeartet. Hooligans des Berliner Regionalligisten BFC Dynamo gingen aggressiv gegen Polizeikräfte vor. Daneben fanden sich Bürger aus der Mitte der Gesellschaft, die Angst vor Arbeitsplatz- und Statusverlust haben und Corona für nicht gefährlicher als eine normale Grippe halten.

Auch Impfgegner waren da. Und jede Menge Menschen, die kruden Theorien einer angeblichen Verschwörung von dunklen Mächten aufsitzen. Zu ähnlichen Szenen ist es auch in Stuttgart und München gekommen. Für das kommende Wochenende sind weitere Demos angesagt.

Bill Gates kontrolliert angeblich Angela Merkel

Demonstrationen gegen die teilweise rigiden Massnahmen zur Eindämmung des Virus sind legitim, sagt der renommierte Soziologe Wilhelm Heitmeyer. Nicht jeder, der besorgt auf die Strasse geht, sei ein Wirrkopf oder Extremist. Dennoch ist der 74-Jährige emeritierte Professor für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld besorgt darüber, was sich auf den Strassen deutscher Grossstädte in diesen Tagen zuträgt: Extremisten und Verschwörungstheoretiker versuchen die Demonstrationen zu kapern.

Das Coronavirus wird als eine Erfindung abgetan. Dem amerikanischen Milliardär Bill Gates, der mit seiner Stiftung die Weltgesundheitsorganisation WHO fördert, wird unterstellt, eine Impfpflicht durchzusetzen. Zum einen, um finanziell davon zu profitieren, zum anderen um die Bevölkerung mit in Wahrheit krank machenden Impfstoffen zu minimieren. Gates, so eine gängige Theorie, kontrolliere die Regierung von Kanzlerin Angela Merkel.

Hinter den Demos könnte etwas anderes stecken

Heitmeyer spricht von einer diffusen Querfront-Bewegung, die sich gebildet hat. «Die gemeinsame Motivation richtet sich nur vordergründig gegen die Einschränkungsmassnahmen. Eine hintergründige Motivation greift die offene Gesellschaft und die liberale Demokratie an. Hier kommen rechte Bedrohungsallianzen ins Spiel.»

Zu den Treibern dieser Bewegung gehöre vor allem die im Bundestag vertretene AfD als Partei des autoritären «Nationalradikalismus», wie Heitmeyer betont. Die Verschwörungsmythen würden bei vielen gerade deshalb verfangen, weil das Bedürfnis gross sei, «einen unsichtbaren Feind wie ein Virus in einen sichtbaren Feind zu verwandeln.»

Bei Verschwörungsmythen müssten stets Gruppen identifiziert werden, welche dem «einfachen Volk» gegenüberstünden. «Dazu gehören oftmals auch Juden und ihre angeblichen Helfershelfer in der Machtelite aus Politik und Medien.» In Krisenzeiten wie jetzt könnten sich Verschwörungsmythen rasend schnell verbreiten.

„Wenn Menschen den Eindruck haben, dass sie die Kontrolle über ihr eigenes Leben verlieren, steigt die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien.“

Verschwörungsmythen zeichneten sich stets durch geschlossene Denksystemen aus, eine Art Freund-Feind-Muster, wo es nur eine Wahrheit gebe. Heitmeyer spricht von „abgedichteten Echo-Kammern, in denen ein Weltbild Bestätigung findet.“ Das Gefährliche an solchen Verschwörungsmythen sei, dass sie nicht zu widerlegen seien und durch das Internet rasend schnell verbreitet werden können.

Geschlossene Denkmuster werden mit dem Recht auf Notwehr verbunden

Heitmeyer sieht in radikalisierten Bewegungen, wie sie sich nun gegen die Coronamassnahmen gebildet haben, grosse Gefahren für die Gesellschaft. «Geschlossene Denkmuster werden rasch mit dem Recht auf Notwehr verbunden. Weil sich Anhänger von Verschwörungsmythen in eine Opfer-Rolle begeben und sich zugleich als moralisch überlegen sehen, wird Gewalt gegen definierte Gruppen wie Juden, Muslime oder Eliten legitimiert.»

In Folge der Coronapandemie dürfte die Arbeitslosigkeit steigen. «Die Folge davon könnte ein noch stärkerer Kontrollverlust für viele Menschen sein», sagt der Soziologe. Daraus könnte ein noch stärkerer Vertrauensverlust in die Politik entstehen, das Verlangen, Schuldige für die eigene, missliche Situation zu suchen, droht zu steigen. «In der Krise entsteht immer das Autoritäre», gibt Heitmeyer zu bedenken. Daher könne es auch nicht beruhigen, wenn Querfront-Demonstrationen in den nächsten Wochen etwas nachlassen. «Wenn etwas nachlässt, entstehen immer Radikalisierungskerne. Wir müssen wachsam sein, wer sich in solchen Kreisen tummelt.»