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In einem Jahr soll die neue Brücke in Genua bereits stehen, doch die Einwohner sind skeptisch

Vier Monate nach dem Einsturz der Morandi-Brücke ist der Startschuss für den Abriss der noch stehenden Teile der Brücke erfolgt. Die Behörden versprechen Wunder – aber die Genuesen glauben nicht so recht daran.
Dominik Straub, Rom
Die Abbrucharbeiten an der Brücke von Genua wurden am Wochenende eingeläutet. (Bild: Luca Zennaro/Keystone, Genua, 15. Dezember 2018)

Die Abbrucharbeiten an der Brücke von Genua wurden am Wochenende eingeläutet. (Bild: Luca Zennaro/Keystone, Genua, 15. Dezember 2018)

Am Freitag, genau vier Monate nach dem Einsturz der Morandi-Brücke am 14. August, hat Genua mit einer Schweigeminute noch einmal der 43 Opfer gedacht, die bei dem Unglück ihr Leben verloren hatten. Einen Tag später hat der Sonderkommissar für den Wiederaufbau, Genuas Bürgermeister Marco Bucci, die Baustelle für den Abriss offiziell eröffnet. «Wir hatten versprochen, vor Weihnachten mit dem Abriss zu beginnen – diese Versprechen haben wir eingehalten», erklärte Bucci am Samstag in der «roten Zone», dem abgesperrten Gebiet unter den noch stehenden Brückenpfeilern.

Tatsächlich sind unter den Resten der alten Brücke in den letzten Tagen bereits schwere Baumaschinen vorgefahren. Doch wie so vieles, was seit dem Einsturz der Brücke in Genua von den Behörden gesagt und angekündigt wurde, ist auch das offizielle Einläuten der Abbrucharbeiten vorerst nicht viel mehr als Symbolpolitik: Die noch stehenden Teile der Brücke sind nach wie vor von der Genueser Staatsanwaltschaft beschlagnahmt – die Justiz ist noch damit beschäftigt, die Einsturzursache sowie die Schuldigen zu ermitteln. Bis die Brücke von der Justiz freigegeben wird, kann mit dem Abbruch nicht begonnen werden.

Neubau soll bereits in einem Jahr stehen

Dennoch versprach Bucci, dass die verbliebenen Teile des Morandi-Viadukts bis Ende März 2019 abgebrochen und weggeräumt sein werden. Dieser Zeitplan ist auch dann noch ehrgeizig, falls die Brücke in den nächsten Tagen freigegeben werden sollte. Da der Viadukt zum Teil über dicht besiedeltes Gebiet führt, kann nicht einfach gesprengt werden – zumindest nicht in seiner ganzen Länge –, sondern er muss Stück für Stück zersägt und mit riesigen Kränen abgebaut werden. Zwei der insgesamt fünf mit dem Abbruch beauftragten Firmen waren schon an der Demontage des Kreuzfahrtschiffes «Costa Concordia» beteiligt gewesen, das im Januar 2012 vor der Insel Giglio gestrandet war.

Unmittelbar nach dem Abschluss der Abbrucharbeiten soll laut Bucci mit dem Bau einer neuen Brücke begonnen werden. Auch hier hat sich der Sonderkommissar ein Ziel gesetzt, das angesichts der bürokratischen und technischen Hindernisse als unrealistisch eingeschätzt werden muss: Der Neubau soll laut Bucci bis Ende 2019 dem Verkehr übergeben werden. Wie für den Abbruch soll auch für den Neubau ein Konsortium beauftragt werden. Der Entscheid über die Bauvergabe soll in dieser Woche erfolgen; fest steht bisher einzig, dass der Autobahn-Betreiber Autostrade per l’Italia von den Arbeiten ausgeschlossen werden soll. Dagegen will sich das Unternehmen gerichtlich wehren.

Sinnbild für den Niedergang des Landes

Der Neubau inklusive des Abbruchs der alten Brücke soll laut Schätzungen des Sonderkommissars 430 Millionen Euro kosten. Auch die Prognose bezüglich der Kosten wirkt reichlich optimistisch. Zur Auswahl stehen die Projektentwürfe zweier Architektur-Stars: einer des Genuesen Renzo Piano und drei des Spaniers Santiago Calatrava. Pianos Entwurf wird dem Vernehmen nach von den politischen Behörden bevorzugt; Anwohner und Experten gefallen die Entwürfe Calatravas besser.

«Dies ist ein wichtiger Augenblick für das ganze Land», kommentierte Verkehrsminister Danilo Toninelli die Vergabe der Abbrucharbeiten am Wochenende. «Genua muss zum Symbol der Wiedergeburt Italiens werden.» Bisher ist die Brücke freilich eher ein Sinnbild für den Niedergang des Landes unter der neuen Populisten-Regierung aus der Protestbewegung Cinque Stelle und der rechtsradikalen Lega gewesen. So hatte es zum Beispiel fast zwei Monate gedauert, bis die Regierung ein Dekret zum Wiederaufbau der Brücke verabschiedet hatte – und dieses wurde in der Zwischenzeit Dutzende Male abgeändert. Immerhin haben die rund 250 Familien, die beim Brückeneinsturz obdachlos geworden waren, wieder ein Dach über dem Kopf.

Aufgrund der bisherigen Negativ-Erfahrungen schlägt Transportminister Toninelli von den Cinque Stelle, der bisher vor allem durch deplatzierte Auftritte und peinliche Einträge in den sozialen Medien aufgefallen ist, in Genua grosse Skepsis entgegen. «Wir erwarten eine neue Brücke nicht vor vier oder fünf Jahren», erklärte der Anwohner Luca Boscolo gegenüber dieser Zeitung. Der 41-Jährige weist darauf hin, dass die Behörden das Kunststück fertiggebracht hätten, den letzten Lastwagen erst in der vergangenen Woche von der eingestürzten Brücke abzuschleppen – vier Monate nach dem Einsturz. «In der Stadt herrscht inzwischen allgemeine Resignation», betont Boscolo.

50 Millionen Euro für Entschädigungen

Die Autobahnbetreiberin Autostrada per l’Italia, die als Hauptverantwortliche des Brückeneinsturzes in Genua gilt, hat sich in den vergangenen Tagen mit den Angehörigen der 43 Todesopfer auf Entschädigungen von insgesamt 50 Millionen Euro geeinigt. Die Hälfte davon wurde bereits ausbezahlt. Das entsprechende Abkommen ist bisher von 138 Personen unterzeichnet worden. Laut italienischen Medienberichten erhalten direkte Angehörige – Ehepartner, Eltern, Kinder und Geschwister – jeweils zwischen 150 000 und 300 000 Euro, wobei der Betrag unter anderem nach der Höhe des Einkommens bemessen wird, das der Verstorbene zum Familieneinkommen beigetragen hatte. Die Entschädigungen sind höher, als dies in ähnlichen Fällen bei aussergerichtlichen Einigungen üblich ist. (dsr)

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