Mali
In Mali führt kein Weg an den Tuareg vorbei

Frankreich kündigt an, seine Truppen teilweise aus Mali abziehen zu wollen. Um das Land zurück in den Frieden zu bringen, braucht es nun Verhandlungen. Dabei führt kein Weg an den gemässigten Tuareg vorbei, sagt Islamexperte Olivier Roy.

Stefan Brändle, Paris
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Das Nomadenvolk der Tuareg steht im Mali-Konflikt zwischen den Fronten

Das Nomadenvolk der Tuareg steht im Mali-Konflikt zwischen den Fronten

Keystone

Herr Roy, in Mali ist die erste militärische Phase zu Ende. Frankreich kündigt an, die Truppen teilweise abzuziehen. Wie weiter nun?

Olivier Roy: Eine militärische Besetzung des riesigen Wüstengebietes in Nordmali ist unmöglich, ja absurd: Dann würden sich die Terrorgruppen einfach woanders neu formieren. Nötig ist vielmehr ein politisches Abkommen mit den gemässigten Tuareg. Nur so kann man die Dschihadisten der lokalen Unterstützung berauben. Damit sich die Mehrheit der Tuareg gegen sie stellt, braucht es nun politische - und natürlich geheime - Verhandlungen zwischen den Franzosen, der Regierung in Mali und den Tuareg-Notabeln. Sonst kann die militärische Verfolgung der Dschihadisten bis in das Wüsten- und Berggebiet an der algerischen Grenze auf keinen Fall erfolgreich sein.

Abzug im März

Die französischen Truppen sollen Anfang März aus Mali abgezogen werden. Dies erklärte Präsident François Hollande bei der wöchentlichen Regierungssitzung in Paris. Wie Regierungssprecherin Najat Vallaud-Belkacem berichtete, erfolgt der Abzug aber nur, «wenn alles wie geplant verläuft». Zurzeit sind nach Angaben des französischen Verteidigungsministeriums mehr als 4000 französische Soldaten in Mali im Einsatz. Sie hatten zusammen mit malischen Soldaten den Vormarsch islamistischer Gruppen gestoppt und sie in die Berge entlang der algerischen Grenze zurückgedrängt. (brä.)

Doch ist die malische Regierung bereit zu Zugeständnissen für die Tuareg?

Die Tuareg hätten normalerweise wenig Hoffnung darauf. Doch die Regierung in der Hauptstadt Bamako ist sehr schwach und unstabil, der Militäreinsatz hingegen hat die französische Position gestärkt. Frankreich will mit den Tuareg eine Einigung erzielen. Deshalb ist die Lage für sie günstig.

Zur Person

Olivier Roy ist der bekannteste französische Islamexperte. Der 63-jährige Politologe lehrt an der Europäischen Hochschule in Florenz und ist als Berater für das französische Aussenministerium tätig. Auf Deutsch ist von ihm zuletzt erschienen: «Heilige Einfalt: Über die politischen Gefahren entwurzelter Religionen.» In den Vorjahren: «Der falsche Krieg: Islamisten, Terroristen und die Irrtümer des Westens» und «Der islamische Weg nach Westen» (alle im Pantheon-Verlag). (brä.)

Ein Autonomie-Abkommen braucht aber Zeit.

Die Forderungen der Tuareg sind dreissig Jahre alt, und ich glaube nicht an ein umfassendes Abkommen. Realistisch ist bloss eine provisorische Übereinkunft. Das kann aber fürs Erste genügen, wie in Bosnien oder dem Irak, wo lokale Kämpfer die Dschihadisten schliesslich selbst verjagt haben.

Welche Rolle spielt Algerien?

Eine sehr wichtige - auch wenn jetzt niemand darüber spricht. Algerien wacht über den Norden Malis wie Pakistan über Afghanistan, und das ist einer politischen Lösung nicht gerade förderlich. Zudem wollen die Algerier verhindern, dass die Dschihadisten - vorwiegend Algerier - in ihr eigenes Land zurückkehren. Man kann nur hoffen, dass Algier nach dem Anschlag auf das Gasfeld In Aménas etwas kooperativer zur Sache gehen will.

Frankreichs Präsident François Hollande nennt die Gegner «Terroristen». Ist das der richtige Ansatz?

Terroristen sind nur die zwei kleinen Grüppchen Aqmi und Mujao. Bei der grössten Gruppe, Ansar Dine, die Timbuktu eingenommen hatte, handelt es sich aber um islamistische Fanatiker, nicht um «Terroristen». Dieser Ausdruck ist unpassend und ungeschickt. Hollande benützt ihn vielleicht absichtlich, um unter den Franzosen einen Konsens zu erzielen. Wenn er ihn ehrlich meint, zeugt das von einer Unkenntnis der Lage.

Wie beim «Krieg gegen den Terrorismus» von George W. Bush?

Genau. Es ist schon ein wenig komisch, zu sehen, dass ein sozialistischer Präsident Frankreichs den Diskurs der amerikanischen Neokonser- vativen übernimmt. Und das ist auch gefährlich, denn es verhindert eine klare Abgrenzung zu legitimen Lokalvertretern wie den Tuareg, mit denen man verhandeln kann.

Verzichtet Hollande aus Rücksicht auf die Muslime in Frankreich darauf, von «Islamisten» zu sprechen?

Das Problem ist: Wenn die Neokonservativen von «Terrorismus» im islamischen Raum sprechen, denken sie nicht nur an Al Kaida, sondern zum Beispiel auch an die palästinensische Hamas. Die öffentliche muslimische Meinung empfindet seither bereits den Begriff «Terrorismus» als aggressiv, da er alles in den gleichen Topf wirft.

Aqmi bezeichnet sich selbst als regionalen Ableger von Al Kaida. Zu Recht?

Das würde voraussetzen, dass es eine Al-Kaida-Zentrale an einer Hierarchie-Spitze gibt. Ich sehe Aqmi eher als eine Art Franchise-Nehmer der «Terrormarke».

Sind Aqmi und Mujao in Westafrika so wenig verwurzelt wie Al Kaida im Mittleren Osten?

Mit einer Einschränkung: Aqmi ist in der Sahara stark mit Drogenhändlern, Räubern und Schmugglerbanden verbandelt. Das ist anders als in Afghanistan. Und dieser Faktor darf nicht übersehen werden.

Ist das der Grund für die militärischen Erfolge, die Attacken auf Gasfelder, auch die Millioneneinnahmen aus Geiselnahmen und Drogenhandel?

Ja, denn die Schmugglerbanden kennen die Wüste wie kaum jemand, und sie beherrschen das leere Gebiet faktisch. Dazu erleichtert das Terrain natürlich das Aufkommen von kleinen, mobilen Einheiten. Sie haben viel von den Tuareg abgeschaut und verkehren mit diesen Stämmen auch handelsmässig.

Beim Volk kommen die Islamisten aber nicht gut an.

Die Salafisten bringen Dogmen wie die Scharia oder die Burka mit, akzeptieren aber keine lokalen Bräuche. Deshalb verbrannten sie in Timbuktu uralte Handschriften und verwüsteten Heiligtümer. Die vor den Kopf gestossene Lokalbevölkerung sah in ihnen nur noch Barbaren.

Hat der Salafismus langfristig eine Chance bei den Maliern, die heute einen sehr toleranten, fast ökumenischen Islam pflegen?

Er hat in Mali durchaus eine gewisse Anziehungskraft. Das ist auch eine Folge der Globalisierung, die in ganz Westafrika zu einer Entwurzelung ganzer Stämme und der Zerstörung lokaler Traditionen führt. Das steigert das Interesse an einem universalistischen Fundamentalismus, wie ihn der Salafismus verkörpert. Viele Jugendliche aus diesen armen Ländern reisen heute und studieren in Saudi-Arabien oder dem Irak. Das macht sie viel empfänglicher für einen solchen Integrismus als für den traditionellen Islam ihrer Eltern.