Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

In Nordalbanien gilt bis heute das Gesetz der Blutrache: Wer Blut nimmt, muss Blut geben

Zwei Frauenmorde, begangen durch kosovo-albanische Männer, bewegen die Schweiz. Sie haben mit dem «Kanun», dem albanischen Gewohnheitsrecht, zu tun: Die Ehre steht über allem, Frauen haben kaum Rechte. Und viele Familien leben noch immer in Blutrache. Eine Reportage.
Roland Itten (Text) und Rolf Neeser (Bilder)
Ordensschwester Christina Färber hilft Blutracheopfern seit 20 Jahren. (Bild: Rolf Neeser)

Ordensschwester Christina Färber hilft Blutracheopfern seit 20 Jahren. (Bild: Rolf Neeser)

Es ist kühl und nass an diesem Samstagmorgen. Der Jeep klettert langsam die schmale Passstrasse hoch. Direkt daneben: 600 Meter Abgrund. Die Strasse führt aus den nordalbanischen Bergen rund um das Dorf Theth hinunter nach Shkodra, der zweitgrössten Stadt des Landes. Dort haben wir am Mittag abgemacht. Mit der Schweizer Ordensschwester Christina Färber, einer mutigen Frau, die sich dem friedlichen Widerstand gegen das albanische Gewohnheitsrecht, den Kanun, verschrieben hat. Sie kämpft gegen Gewalt an Frauen, gegen die Zwangsehe. Und gegen die «Blutrache», in der hier noch heute zahlreiche Familien leben. Am Nachmittag will sie uns zu einer betroffenen Familie bringen. Zu einem Jugendlichen, der wegen der Blutrache jederzeit getötet werden könnte.

Im albanischen Norden, in diesem wilden Bergland mit seinen Wäldern, Wasserfällen und Seen, ist der Kanun in den Köpfen vieler Leute noch immer fest verankert. Es gilt das «Gesetz der Ehre»: die Ehre der Familien, die der Sippe und die der Männer. Der Kanun ist ein mündlich überliefertes Regelwerk aus dem Mittelalter, in dem Frauen kaum Rechte haben.

«Die Frau ist gemäss dem Kanun nur ein ‹Schlauch, der Kinder gebärt›», sagt Schwester Christina, als wir Stunden später mit ihr am Mittagstisch sitzen. «Der Mann hat im Kanun das Recht, die eigene Frau zu schlagen, wenn sie seinen Anordnungen nicht gehorcht. Sie darf vom Mann sogar getötet werden.» Etwa dann, wenn sie ihn verlässt oder ihm untreu wird.

Blutrache im Limmattal

Schwester Christinas Stimme tönt fest und energisch. Sie ist vor 20 Jahren aus der Schweiz hierher an den Stadtrand von Shkodra gezogen, um als Kapuzinerin in Nordalbanien den Ärmsten und den Frauen zu helfen. Zusammen mit zwei anderen Ordensschwestern und mehreren Mitarbeitern hat sie ein flaches Einfamilienhaus bezogen, das nun ihr Kloster ist. Doch eigentlich ist es mehr ein Hilfswerk als ein Gebetshaus. Es dient den Ärmsten als lokale Krankenstation, als Ausgabestelle von Essen, Kleidern und anderen Hilfsgütern.

Ihr Kloster ist aber vor allem auch eine Anlaufstelle für Frauen, die in ihren Familien Gewalt erleben. «Das sind in dieser Gegend leider viele, wenn nicht sogar die meisten», sagt Schwester Christina. Täglich kommen Frauen in ihre Krankenstation, weil sie grün und blau geschlagen wurden.

«Die Frauen haben von Kindheit an gelernt, dass sie nichts wert sind.»

Ein Gedankengut, das derzeit auch die Schweiz bewegt: Zwei Frauenmorde in diesem Monat, begangen von kosovo-albanischen Männern, die ihre Partnerinnen, die sich von ihnen trennen wollten, einfach umbrachten. In einem Fall während eines Urlaubs im kosovarischen Prisren, im zweiten Fall in Dietikon ZH.

Schwester Christina kennt nach zwanzig Jahren Albanien viele solcher Fälle. Deshalb bietet sie in geschütztem Rahmen im Kloster einen Diskussionstisch an. Wöchentlich treffen sich dort bis zu 20 Mädchen und Buben, um Themen wie häusliche Gewalt, Zwangsehe oder Blutrache zu besprechen. «Damit», hofft Schwester Christina, «finden sie später vielleicht ihre eigene Identität und können sich vom Kanun und der Unterwerfung in der Familie lossagen.» Kein einfaches Unterfangen: In Albanien, einem der ärmsten Länder Europas, wurde der Kanun in Familien über Jahrhunderte weitergegeben und verinnerlicht. Auch im Gebiet des heutigen Kosovos, in Montenegro und Nordmazedonien.

Der Kanun regelt Land- und Erbstreitereien, bestimmt Strafen bei Diebstahl, bei Raub, bei weiblichem Ehebruch und bei Mord. Noch heute wird wegen Landstreitigkeiten, Geld oder Schulden zur Waffe gegriffen. Oft reicht ein Streit, ein Schimpfwort über den Sohn einer Familie – schon ist die Ehre verletzt.

Cristian riskiert auf dem Schulweg sein Leben

Bei Mord, so besagt der Kanun, kann nur das Blut eines Mannes aus der Sippe des Täters (er muss mindestens 16 Jahre alt sein) die Ehre der Opferfamilie wieder herstellen. Wer Blut nimmt, muss Blut geben. Der Kanun verpflichtet die Familien dazu.

«Genaue Zahlen über die Anzahl Blutrachen pro Jahr existieren nicht», sagt Christina. Viele betroffene Familien würden aus Gründen der Ehre keine Anzeige erstatten. Schätzungen gehen aber davon aus, dass alleine in Nordalbanien über 200 Familien von der Blutrache betroffen sind.

Cristian (im Hintergrund) sitzt stundenlang vor dem Fernseher, statt draussen Fussball zu spielen. Das wäre zu gefährlich. (Bild: Rolf Neeser)

Cristian (im Hintergrund) sitzt stundenlang vor dem Fernseher, statt draussen Fussball zu spielen. Das wäre zu gefährlich. (Bild: Rolf Neeser)

Szenenwechsel: Es ist bereits später Nachmittag und feuchtheiss, als wir in einer abgelegenen Siedlung bestehend aus Häusern mit hochgezogenen Mauern aus Christinas Geländewagen steigen. Ein kleiner, gedrungener Mann begrüsst uns am Weg, reicht nur die Hand und nickt. Seine Frau und die zwei Töchter stehen an der Haustüre. Wir werden ins Wohnzimmer geführt. Karge Einrichtung. Sofa, Tisch, Fernseher, ein Ventilator. Und ein Bild der heiligen Maria. Die Fenster sind vergittert. Die Frau serviert schwarzen Kaffee und «Raki», selbstgebrannten Grappa. Gesprochen wird nicht. Zuerst trinkt man einen Schluck Kaffee, nippt am Schnaps. Das übliche Ritual.

Dann erst setzt sich Cristian, der Sohn, dazu. Der Vater beginnt zu erzählen. Vor 21 Jahren hat sein Bruder, Cristians Onkel, oben im Norden im Streit einen Mann erschossen. Er musste für zehn Jahre ins Gefängnis, danach flüchtete er sofort ins Ausland. Weil Gefängnis die Blutrache nicht sühnt, zog Cristians Vater mit seiner Frau in die Gegend um Shkodra. Er blieb im Haus, arbeitete nie mehr. Aus Angst, sein Blut geben zu müssen.

Sein 17-jähriger Sohn ist seit einem Jahr ebenfalls zum «Blutgeber» avanciert. Wie sein Vater verbringt er die allermeiste Zeit im Haus. Draussen mit anderen Kindern Fussball spielen, das wäre zu gefährlich. Stattdessen verbringt er Stunden vor dem Fernseher. Im Kanun sind von Blutrache Betroffene nur in den eigenen vier Wänden geschützt. Morgen jedoch macht Cristian eine Ausnahme, da geht er zur Schule. Mit dem Fahrrad, immer auf anderen Wegen. In der Schule fühlt er sich sicher. Auf dem Schulweg aber, da riskiert er täglich, getötet zu werden.

Im Kanun sind von Blutrache Betroffene nur in den eigenen vier Wänden geschützt.

Zwar lebt die andere Familie, die «Blutnehmer», weit weg. Doch Cristian hat täglich Angst. «Ich muss damit leben», sagt der 17-Jährige. Er wirkt deprimiert. Leer. Vielleicht geht er später, wenn er etwas Geld bekommt, nach Frankreich. Er möchte dort eine Ausbildung zum Koch machen. Seine Mutter hat bislang nichts gesagt. Wir wollen fragen, was das alles für sie bedeutet, doch ihr Mann unterbricht uns und drängt zum Aufbruch.

Als wir uns verabschieden, überreicht der Vater Christina einen Zettel mit der Adresse der «Blutnehmer», die sich seit 21 Jahren rächen könnten. Christina steckt den Zettel ein, verspricht ihm, die Familie zu besuchen und um Versöhnung zu bitten. Andere Boten hatten bislang keinen Erfolg.

Alles endet mit dem Kuss aufs Kreuz

Versöhnungen werden in Nordalbanien nur von Personen durchgeführt, die von beiden Familien gleichsam anerkannt und respektiert werden. Ein lokaler Bürgermeister etwa. Sicherer sind Versöhnungen durch Priester. Noch besser ist es, wenn der Erzbischof der römisch-katholischen Diözese Shkodra persönlich auftritt: Monsignore Angelo Massafra.

Mit dem Kuss aufs Kreuz (oder den Koran) enden die Blutrachezeremonien, die Erzbischof Angelo Massafra an Feiertagen durchführt – im besten Fall. (Bild: Rolf Neeser)

Mit dem Kuss aufs Kreuz (oder den Koran) enden die Blutrachezeremonien, die Erzbischof Angelo Massafra an Feiertagen durchführt – im besten Fall. (Bild: Rolf Neeser)

Wir treffen ihn am Sonntag nach dem Gottesdienst. Angelo Massafra führt jedes Jahr ein paar Versöhnungen persönlich durch. Doch immer nur an Feiertagen, etwa an Ostern oder an Pfingsten. Erst wenn ein ziviler Bote, der vorher mit beiden Familien gesprochen hat, ihm sagt, dass eine Versöhnung möglich ist, versammelt Massafra beide Familien. Sie müssen vollzählig erscheinen, und zwar im Haus jener Familie, die verzeihen muss.

Zuerst bittet die Täterfamilie vor allen Anwesenden mündlich um Verzeihung. Wenn diese von der anderen Familie akzeptiert wird, schreitet Bischof Massafra zum Zeremoniell. Er legt sein metallenes Kreuz auf den Tisch, das jeder Einzelne der Familien küssen muss. Im Anschluss wird ein ausgiebiges Mittagessen eingenommen. Und mit Grappa auf die wiederhergestellte Ehre angestossen. Bei muslimischen Familien wird anstelle des Kreuzes der Koran geküsst.

Und dann gibt es Momente, da funktioniert eine Versöhnung auch ohne Kreuz oder Koran: Schwester Christina hat sechs Wochen nach unserem Besuch bei Cristians Familie die «Blutnehmer» im Nordosten des Landes besucht. Im Gebiet Tropoja, nahe der Grenze zum Kosovo. Fünf Stunden dauerte die Fahrt dorthin im Geländewagen. Ein Grossteil über löchrige Landstrassen. Nach einem langen Gespräch hat ihr die Familie versprochen, dass sie auf Rache verzichten werde. Dass sie der Familie unten in Shkodra ausrichten soll, dass man ihr verziehen habe. Man habe nun genug gelitten. Man wolle endlich vergessen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.