Sierra Leone
In Sierra Leone ist über die Hälfte der Bevölkerung von Cholera betroffen

Die stinkende, braune Brühe läuft über Aminatas offene, rote Wunden. Die Zehnjährige tut so, als würde sie das Brennen nicht spüren. Sie ist an den Crocodile River gekommen, um das zu putzen, was ihre Familie besitzt. Ein paar Schuhe, ein paar Töpfe.

Philipp Hedemann, Freetown
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Im achtärmsten Land der Welt ist die Hälfte der Bevölkerung von Cholera betroffen
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 Menschen füŸllen im Crcodile River in Kroobay SandsäŠcke, um ihre HüŸtten vor ܆berschwemmungen zu schüŸtzen.
 Ein Schwein sucht im Fluss nach FäŠkalien.
 Der ehrenamtliche Gesundheitsmitarbeiter Saidu Turay (49) zeigt, wie man aus Salz, Zucker und Wasser eine Elektrolyt-Löšsung herstellt, die Cholerapatienten vor dem Dehydrieren retten soll.
 Theresa Kamara (45) versetzt an einer von Oxfam eingerichteten Trinkwasserausgabestelle das Trinwasser mit einer Spritze mit Chlor.
 PhilippHedemann in Kroobay, Freetown, Sierra Leone
 Ein Poster fordert Eltern aufauf, sofort ein Gesundheitszentrum aufzusuchen, wenn ihre Kinder unter Durchfall und Erbrechen leiden.
 Bangali Suma (20) vor dem Krankenhaus im Slum Mabella, in dem er behandelt wurde.

Im achtärmsten Land der Welt ist die Hälfte der Bevölkerung von Cholera betroffen

Philipp Hedemann

Hüfthoch stand der Schlick vor ein paar Tagen nach einer Schlammlawine in der Wellblechhütte ihrer Eltern. Das Wasser, in dem Aminata ihre Schuhe putzt, hat in Kroobay, einem von 27 Slums in der sierra-leonischen Hauptstadt, schon vielen Menschen den Tod gebracht.

Im achtärmsten Land der Welt ist die Cholera ausgebrochen. 18919 Menschen sind laut der offiziellen staatlichen Statistik bisher erkrankt, 273 gestorben. Nach Schätzungen trägt mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Krankheitserreger in sich, Experten rechnen mit Tausenden neuen Fällen in den nächsten Monaten. Mitte August rief Präsident Ernest Bai Koroma den nationalen Notstand aus. Noch ist die Lage nicht unter Kontrolle – und die nächste Cholera kommt bestimmt.

«Ich habe noch keine Cholera, aber ich habe Angst, dass ich sie bekommen könnte», sagt Aminata, während ein Schwein neben ihr im Fluss laut grunzend nach Fäkalien sucht. Die dicke Sau wird oft fündig. Nicht nur Aminata kniet sich in den Fluss, wenn sie muss. Kaum einer der 12000 Einwohner von Kroobay hat eine Toilette.

Krankheit kam nicht überraschend

Auch 1998, 2002, 2004 und 2007 brach in Sierra Leone die Seuche aus, doch der diesjährige Ausbruch ist die schlimmste je in Sierra Leone registrierte Cholera-Epidemie. Auch wenn die Zahl der Neuinfektionen mittlerweile zurückgeht, sind immer noch zwölf der 13 Bezirke Sierra Leones betroffen. Nach den Standards der Weltgesundheitsorganisation (WHO) muss der Notstand ausgerufen werden, wenn mindestens ein Prozent der an Cholera Erkrankten stirbt. In Sierra Leone waren es auf dem Höhepunkt der Epidemie fast doppelt so viele.

Die über kontaminiertes Wasser übertragende Krankheit kam nicht überraschend. «Die sanitäre Situation ist unglaublich schlecht. Nur 57 Prozent der Bevölkerung haben Zugang zu sauberem Trinkwasser, nur 40 Prozent zu sanitären Anlagen. In den Slums von Sierra Leone ist die Situation noch viel schlimmer», sagt Claire Seaward von Oxfam in Sierra Leone.

Die Hilfsorganisation arbeitet seit Jahren an der Verbesserung der sanitären Versorgung in dem westafrikanischen Land, um die Ursachen der regelmässigen Cholera-Ausbrüche zu bekämpfen. Ausserdem hat Oxfam ein rund 240000 Euro teures Cholera-Sofortprogramm gestartet, von dem rund 130000 Menschen profitieren. In besonders gefährdeten Gebieten lässt die Organisation das Trinkwasser chloren und hat 95 Stationen eingerichtet, an denen Patienten Elektrolytlösungen gegen die durch Durchfall und ständiges Übergeben hervorgerufene Dehydrierung verabreicht bekommen.

Saidu Turay arbeitet ehrenamtlich an einer dieser Stationen. «Viele Leute, die an Cholera erkrankt sind, denken, dass sie verhext worden bin. Ich bringe ihnen bei, dass die Krankheit kein unabwendbares Schicksal ist, sondern, dass man sich schützen kann», erzählt der 49-Jährige. Er erteilt seine Gesundheitsaufklärung vor einem heruntergekommenen Haus mit öffentlichen Toiletten. Theoretisch teilen sich mehrere tausend Leute die vier Toiletten, die nur ein Mal im Monat mit chemischen Reinigungsmitteln geputzt werden. Da die Benutzung 500 Leones – umgerechnet neun Cent – kostet, kommen jedoch nur die wenigsten Slumbewohner, die sich den Luxus von ein bisschen Privatsphäre leisten können. Die anderen knien sich wie die kleine Aminata in den Crocodile River oder verrichten ihr Geschäft in eine Plastiktüte, die sie dann in hohem Bogen möglichst weit weg werfen.

Medikamente sind Mangelware

Vielleicht waren es die vielen weggeworfenen Plastiktüten, die Bangali Suma aus dem Slum Mabella an Cholera erkranken liessen. «Ich dachte, dass ich sterben muss. Ich hatte schlimmen Durchfall und musste mich ständig übergeben. Alles tat weh. Eine Stunde nachdem ich krank wurde, war ich so schwach, dass ich nicht mehr aufstehen konnte», berichtet der muskulöse 20-Jährige, der sich sein Geld als Stürmer für verschiedene Slum-Fussballmannschaften verdient. Ein Freund schleppte den Sportler zum Krankenhaus, in dem Ärzte sein Leben retteten.

Adama Gondor leitet ein Krankenhaus im Stadtteil Mabella. In den engen Gassen des Slums in der Hauptstadt brach die Seuche zuerst aus, verbreitete sich besonders schnell. Im Einzugsbereich des winzigen 3-Betten-Spitals, in dem es bestialisch stinkt, leben rund 30000 Menschen. Adama Gondor, die nur ein vierjähriges Medizin-Grundstudium absolvierte, ist mit ihren zehn Krankenschwestern alleine für die medizinische Versorgung der Menschen in ihrem Stadtteil zuständig. Oft fehlen ihr die notwendigen Medikamente. «Am Anfang hatte ich Angst um mich und meine Leute. Wir arbeiten teilweise rund um die Uhr. Patienten haben sich auf mich erbrochen, aber ich habe mich bislang nicht angesteckt», sagt die Krankenhaus-Chefin. Vor ein paar Wochen besuchten der Vizepräsident, der Gesundheitsminister und der Bürgermeister das Spital. Die Politiker versprachen rasche Hilfe, passiert ist bislang nichts.

Doch die Cholera grassiert nicht nur in den Slums. Überall in Freetown hängen «Kick out Cholera»-Plakate. Darauf verpasst ein Fussballspieler der Seuche einen kräftigen Tritt. Da ungefähr zwei Drittel der Bewohner Sierra Leones nicht lesen können, werden die Menschen mit Bildern aufgefordert, sich die Hände zu waschen, ihre Lebensmittel gut zu kochen und hygienisch aufzubewahren, nur sauberes Wasser zu trinken und bei den ersten Cholera-Symptomen sofort ein Gesundheitszentrum aufzusuchen.

Trotz der Bemühungen der Regierung und den Projekten der internationalen Hilfsorganisationen ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Cholera in Sierra Leone das nächste Mal ausbricht. Vor allem bei der sanitären Versorgung passiert zu wenig, zu langsam. «Es wird noch Ewigkeiten dauern, bis wir die Cholera ausgerottet haben werden. Das ist eine Schande», sagt Jambai, Chef der von der Regierung eingesetzten Cholera-Task-Force.

Doch Aminata, die im den Tod bringenden Crocodile River ihre Schuhe schrubbt, will nicht ewig warten, bis die in Europa längst ausgerottete Krankheit endlich auch aus Kroobay verschwindet. Die Zehnjährige: «Ich will Präsidentin von Sierra Leone werden. Als Erstes würde ich kostenlose Toiletten für alle einführen.»