USA
In Washington boomt der Handel mit geheimen Informationen

Informationen aus dem Innenleben des Politbetriebs, die gegen satte Gebühren an Investoren verkauft werden. Der Handel mit dem geheimen Wissen ist äusserst lukrativ und mischt die Börse auf.

Renzo Ruf, Washington
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Händler an der Wall Street (Symbolbild)

Händler an der Wall Street (Symbolbild)

Keystone

Das E-Mail wurde um 15.42 Uhr verschickt, 18 Minuten vor Börsenschluss. Absender: Height Securities, ein Beratungsunternehmen für Investoren mit mehr als 40 Angestellten in Washington und New York. Inhalt des Mails: frohe Kunde für Investoren in Aktien führender Krankenversicherer in den USA.

Height Securities wusste nämlich zu berichten, dass die Regierung von Präsident Barack Obama vorderhand keine weiteren Einsparungen beim staatlichen Versicherungsschutz für Senioren (Medicare) vornehmen will.

Die Folge dieser Botschaft: Die Aktienkurse von Krankenversicherern wie Humana, United Health Group und Aetna explodierten an der Börse von New York. Kurz vor Börsenschluss wurden Aktien im Wert von mehr als 660 Millionen Dollar gehandelt, ein Vielfaches des normalen Handelsvolumens.

Angeblich keine Fehler gemacht

Aufgedeckt hat diese Episode das «Wall Street Journal». Für Beobachter des Politgeschehens in Washington allerdings enthält der Zeitungsartikel keine bahnbrechende Neuigkeit: Die amerikanische Hauptstadt ist ein Paradies für Geschäftemacher, die ihren Kunden so genannte «Political Intelligence» anbieten.

Im erwähnten Beispiel handelte es sich um Informationen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung durch Height Securities bloss der entsprechenden Abteilung im Gesundheitsministerium hätten bekannt sein sollen; die offizielle Ankündigung erfolgte erst nach 16 Uhr.

Von Insider-Informationen zu sprechen – deren Verwendung gegen die Auflagen der Börsenaufsicht SEC und US-Gesetze verstossen würde –, wäre aber dennoch falsch, sagt ein Vertreter von Height Securities.

Vielmehr verfüge der zuständige Mitarbeiter, der sich auf die bisweilen undurchschaubaren gesundheitspolitischen Manöver in Washington spezialisiert habe, über breites Expertenwissen und zahlreiche Kontakte. Beim Versand der entsprechenden E-Mails sei deshalb kein Fehler gemacht worden.

8000 Dollar für ein Abonnement

Tatsächlich ist es schier unmöglich, in Washington den Fluss von Informationen zu stoppen. Die Stadt leckt wie ein Sieb, wie die täglichen Exklusivmeldungen amerikanischer Medienorgane beweisen.

Ein Wissensvorsprung zahlt sich auch finanziell aus – für alle Beteiligten: So bieten Publikationen wie «Politico» oder «Bloomberg» kostenpflichtige Dienste an, in denen sie ihre Kunden über politische und legislative Entwicklungen auf dem Laufenden halten. Diese Produkte sind nicht billig: «Politico» verlangt für ein «Pro»-Abonnement mehr als 8000 Dollar pro Jahr.

Führende Politiker allerdings wollen sich mit dieser Kultur nicht länger abfinden. Der Republikaner Chuck Grassley aus Iowa, ein konservativer Populist, initiierte deshalb eine Untersuchung des Vorfalls. In einem Schreiben an die zuständige Abteilung des Gesundheitsministeriums verlangte er Einsicht in interne Abläufe. So möchte Grassley wissen, wer im Vorfeld Bescheid über den Medicare-Entscheid wusste.

Bestätigt sah sich der 79-jährige Rechtspolitiker durch einen gleichentags publizierten Bericht des parlamentarischen Rechnungshofes GAO (Government Accountability Office). Das 34 Seiten zählende Papier zeigt in aller Deutlichkeit, dass die «Political Intelligence»-Industrie in einem rechtlichen Niemandsland arbeitet.

Während Lobbyisten ihre Mandate offenlegen müssen, gibt es keine entsprechende Auflage an Informationshändler.

Deshalb gelang es den GAO-Spezialisten auch nach einem Jahr nicht, Angaben über die Dimension des Handels mit Informationen in der US-Hauptstadt zu machen. Von legislativen Empfehlungen ans Parlament sahen sie ebenfalls ab.