In Wien liefern sich türkische Rechtsradikale und linke Gruppen Strassenkämpfe - das steckt dahinter

Strassenschlachten zwischen «Grauen Wölfen» und Linken halten Österreich in Atem. Die Politik verharmloste das Problem lange - und will nun doch handeln.

Stefan Schocher aus Wien
Drucken
Teilen
Polizeiaufgebot im Rahmen einer Kundgebung in Wien - die Behörden erhöhen die Polizeipräsenz angesichts der jüngsten Eskalationen zwischen türkischen Nationalisten und linken Gruppierungen.

Polizeiaufgebot im Rahmen einer Kundgebung in Wien - die Behörden erhöhen die Polizeipräsenz angesichts der jüngsten Eskalationen zwischen türkischen Nationalisten und linken Gruppierungen.

Georg Hochmuth / APA/APA

Die Serie hatte ihren Anfang in der vergangenen Woche genommen: Rechtsradikale überwiegend türkischer Abstammung attackierten eine linke Kundgebung. Was darauf folgte waren Strassenkämpfe, wie sie Wien in dieser Art zuvor nicht gesehen hat.

Und immer das selbe Bild: Auf Gewalt gebürstete Jugendliche in Sportkluft ausgestattet mit türkischen Fahnen, den Wolfsgruss zeigend, attackieren linke Vereine, Lokale und Kundgebungen mit Eisenstangen, Steinen, Messern und Flaschen. Sie verwandeln den 10. Wiener Gemeindebezirk hinter dem Hauptbahnhof in ein Schlachtfeld, Autos werden demoliert, Geschäftslokale beschädigt.

Ich habe überhaupt kein Verständnis, wenn versucht wird, türkische Konflikte auf Österreichs Strassen auszutragen

Anfang dieser Woche nun präsentierte die Bundesregierung ein Massnahmenpaket, um dem Einhalt zu gebieten: Die Exekutive wurde angehalten, die Hintermänner der Ausschreitungen ausfindig zu machen. Die Polizei soll ab sofort an neuralgischen Punkten der Stadt vermehrt Präsenz zeigen. Auch der türkische Botschafter in Wien wurde ins Aussenministerium gebeten. «Ich habe überhaupt kein Verständnis, wenn versucht wird, türkische Konflikte auf Österreichs Strassen auszutragen», so Innenminister Karl Nehammer von der ÖVP.

Tatsächlich aber handelt es sich bei den allermeisten der festgenommenen Nationalisten zwar um Personen türkischer Herkunft aber um österreichische Staatsbürger. Unter ihnen war sogar ein Soldat des Bundesheeres. Ziel der Angreifer aber waren linke Vereine generell. Darunter auch türkische wie kurdische. Und gebündelt hatte sich die Gewalt letztlich um ein besetztes Haus und Veranstaltungszentrum, in dem zahlreiche linke Gruppen ihren Sitz haben. Darunter auch türkische und kurdische. Aber eben keinesfalls ausschliesslich.

Kritiker werfen Regierung Naivität vor

Laut Regierungsankündigung sollen jetzt in Kooperation mit türkischen Vereinen die Hintermänner der Krawalle ausgeforscht werden. Auch der türkische Botschafter wurde weniger gerügt als um Kooperation bei der Lösung des Problems gebeten. Kritiker sehen darin aber einen eher naiven Zugang zu dem Problem. Denn vielfach scheinen eben diese Vereine die eigentliche Brutstätte der Gewalt zu sein. Und auch die türkische Botschaft in Wien hatte sich bisher nicht unbedingt durch Kooperationsbereitschaft hervorgetan – zumal die Beziehungen zwischen der Türkei und Österreich angespannt sind.

Klar aber ist: So wie die Angriffe abliefen, stand Logistik und Koordination dahinter. Nur so lässt sich das gewaltige Mobilisierungspotenzial erklären. Binnen kürzester Zeit hatten die Extremisten Hunderte Menschen mobilisiert, die auch koordiniert in Kleingruppen vorgingen, Polizeieinheiten angriffen und ihre politischen Gegner gezielt verfolgten. Und auch eine generelle Eskalationsstrategie dieser Kreise ist erkennbar: Erst am 1. Mai hatten türkische Nationalisten in grosser Zahl eine linke Kundgebung auffällig offensiv gestört.

«Graue Wölfe» in Wien äusserst aktiv

Türkisch-nationalistische Zirkel und extremistische Gruppen wie die «Grauen Wölfe» sind in Wien äusserst aktiv – bisher allerdings unter dem Radar der Politik, die nur aufjaulte, wenn etwa der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan in Wien Wahlkämpfen wollte oder Listen auftauchten, die nahelegten, dass Vereine gezielt Informationen über türkische Staatsbürger gesammelt hatten.

Das eigentliche Problem aber blieb unbeachtet: Dass diese Zirkel eine stabile Infrastruktur aufgebaut haben, die sich auf Unternehmer, Kampfsportclubs, Bildungseinrichtungen und Kulturvereine stützt. Dass es immer wieder belegte Verbindungen zwischen Vereinsfunktionären und offiziellen türkischen Stellen gab, sorgte nur punktuell für Aufsehen.

Mehr zum Thema