Indianer-Internate
215 Kinderleichen erinnern Kanada an ein dunkles Kapitel: Ein Überlebender erzählt

Jahrzehntelang wurden indigene Kinder in Kanada in Internaten «umerzogen». Ein neuer Fund schockt das Land.

Jörg Michel, Cranbrook
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Ein Schuhpaar für jede gefundende Kinderleiche: Indigene Kanadier gedenken der Opfer der Indianer-Internate.

Ein Schuhpaar für jede gefundende Kinderleiche: Indigene Kanadier gedenken der Opfer der Indianer-Internate.

AP

Gordie Sebastien wird seinen ersten Schultag nie vergessen. Gerade mal fünf Jahre alt war er, als ihn seine Grossmutter vor dem Eisentor absetzt. Eine letzte kurze Umarmung, dann verschwand Sebastien in dem Backsteinbau mit dem Kreuz auf dem Dach. Drinnen scherte ein Helfer sein Haar und überschüttet ihn mit Desinfektionsmittel, wegen der Läuse, angeblich. Über ein halbes Jahrhundert ist das her, aber Sebastien schildert es so, als wäre es gestern gewesen:

«Vom ersten Tag an haben sie uns systematisch erniedrigt, geschlagen und misshandelt.»

Sebastien gehört zum indigenen Volk der Ktunaxa. Von 1957 bis 1968 musste er ein Internat für Ureinwohner besuchen, wie viele Indianerkinder zu dieser Zeit. Die «St. Eugene Mission Residential School» im St. Mary’s Reservat war eines davon, betrieben von der Kirche, finanziert vom Staat.

Gordie Sebastien sagt: «Sie haben uns erniedrigt, geschlagen, misshandelt.»

Gordie Sebastien sagt: «Sie haben uns erniedrigt, geschlagen, misshandelt.»

In diesen «Residential Schools» sollte den Kindern früh ihre indigene Kultur und Sprache genommen werden, um sie in der weissen Gesellschaft zu assimilieren. Über ein Jahrhundert lang war das in Kanada gängige Praxis. Das letzte Indianer-Internat schloss 1996. Etwa 150'000 Schüler mussten die Klassen besuchen.

Seit ein paar Tagen dreht sich die öffentliche Debatte in Kanada fast ausschliesslich um das einst fast vergessene Kapitel. Der Grund: Auf dem Gelände der ehemaligen «Residential School» in Kamloops wurde ein Massengrab mit den sterblichen Überresten von 215 Kindern gefunden. Die Identität der Toten ist nicht geklärt. Mitte Juni erwartet die Regierung erste Resultate der Aufklärungsarbeiten rund um den grausamen Fund.

Kamloops, wo die 215 Kinderleichen gefunden worden sind.

Kamloops, wo die 215 Kinderleichen gefunden worden sind.

CH Media

Gordie Sebastien hat seine Zeit in der «Residential School» überlebt. Auch in seiner Schule kam es zu schlimmen Szenen. Sebastien war neun Jahre alt, als er im Unterricht einmal lachen musste. Ein Lehrer verprügelte ihn mit einem Lederriemen. Später wurde er von einem Helfer die Treppe heruntergestossen. «Man hat den Indianer gewaltsam aus mir herausgeprügelt», sagt er. Die Muttersprache war ihm untersagt. Kontakt zu den Eltern war unerwünscht.

Aus dem Folterinternat wurde ein Hotel

Am schlimmsten war die körperliche und seelische Gewalt. «Jeden Tag wurde uns eingehämmert, wie schlecht wir sind. Nach einer Weile haben wir es geglaubt», sagt Sebastien. Ein Mitschüler wurde einmal so sehr gezüchtigt, dass er zwei Wochen lang mit gebrochenen Knochen im Bett liegen bleiben musste. Erst, als die Prellungen verheilt waren, durfte er ins Krankenhaus. Sebastien erinnert sich auch an sexuelle Gewalt. «Wir alle kannten die Opfer. Manchmal sind wir stundenlang mit ihnen auf der Treppe gesessen, um sie zu trösten. Mehr konnten wir nicht tun.»

Ein Klassenfoto des Internats in Kamloops aus dem Jahr 1937.

Ein Klassenfoto des Internats in Kamloops aus dem Jahr 1937.

AP

In den Indianer-Internaten starben laut Schätzungen mehr als 6000 Kinder, die meisten von ihnen an Krankheiten wie Tuberkulose, andere an den Folgen der Gewalt oder Fehlernährung. Eine staatliche Kommission hat die Vorfälle untersucht und 2015 als «kulturellen Völkermord» deklariert. Die Regierung hat sich entschuldigt und Entschädigungen gezahlt.

Übrig blieben die Erinnerungen – und die Backsteinmauern. Gordie Sebastiens einstige Schule ist heute ein Hotel. Wo einst Indianerkinder verprügelt wurden, erholen sich jetzt Touristen. 50 Stammesangehörige haben hier einen Job gefunden. Auch Sebastien. Er arbeitet als Nachtwächter. Es ist neun Uhr abends und Sebastien geht auf seinen Kontrollgang. «Ich bin stolz, dass wir hier etwas Schreckliches in etwas Schönes verwandelt haben», sagt er. In der Lobby hängt ein Messingschild, darauf das Motto des Stamms: «In diesem Gebäude wurde uns unsere Kultur geraubt. Nur in diesem Gebäude können wir sie zurückerlangen.»