INDIEN: «Die sexuelle Gewalt nimmt zu»

Die Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Weibliche Föten werden gezielt abgetrieben. Die jüngsten Fälle könnten gar zu einer Verschlechterung der Lage führen.

Interview Christoph Reichmuth
Drucken
Teilen
Sie haben genug und fordern ihre Rechte ein: Frauen in der indischen Metropole Neu-Delhi. (Bild: EPA/Harish Tyagi)

Sie haben genug und fordern ihre Rechte ein: Frauen in der indischen Metropole Neu-Delhi. (Bild: EPA/Harish Tyagi)

Christian Wagner, schon wieder ist es in Indien zu einer Gruppenvergewaltigung gekommen. Darf man als Frau das Land überhaupt noch bereisen?

Christian Wagner*: Man kann. Allerdings muss man grössere Sicherheitsvorkehrungen treffen. Für alleine reisende Frauen in entlegenen Regionen kann Indien allerdings gefährlich sein. Es ist deshalb ratsam, in grösseren Gruppen durch das Land zu fahren. Allerdings ist wildes Campieren in Indien nicht üblich, da muss man mit Problemen rechnen. Das war schon merkwürdig von den beiden Schweizern, wenn nicht naiv. Die grosse Gastfreundschaft der indischen Gesellschaft erleidet durch solche Vorfälle einen schweren Schaden.

Sind Touristenreisen in den zentralindischen Gliedstaat Madhya Pradesh, wo es zu dem Verbrechen gekommen ist, besonders riskant?

Wagner: Nein, Indien hat generell ein Problem mit sexueller Gewalt gegenüber Frauen. 70 Prozent der Inder leben in ländlichen Regionen. Die Gesellschaftsstruktur dort ist sehr traditionell. Frauen haben in diesen konservativen Gegenden kaum Rechte. Sie werden in weiten Teilen der indischen Gesellschaft systematisch benachteiligt, weil sie später mit einer kostspieligen Mitgift verheiratet werden müssen. Es ist erwiesen, dass vor allem weibliche Föten abgetrieben werden. Mädchen haben generell geringere Überlebenschancen als Knaben, werden schulisch weniger gefördert.

Hat denn die sexuelle Gewalt gegen Frauen zugenommen?

Wagner: Vermutlich ja. Das liegt daran, dass immer mehr Inder Zugang zu elektronischen Medien haben und somit auch zu pornografischem Material – und das in einer Gesellschaft mit einer sehr konservativen Sexualmoral. Vor allem in Nordindien gibt es einen starken Männerüberschuss. Die jungen Inder in diesen Regionen finden keine Partnerinnen zum Heiraten. Das führt einerseits zu einem Anstieg des Mädchenhandels mit Nachbarstaaten, andererseits zu einer erhöhten Zahl sexueller Gewalt. Es gibt eine enorme Dunkelziffer an sexueller Gewalt.

Die indische Regierung kündigt eine Verschärfung der Strafen bei Sexualdelikten an. Wird diese Abschreckung das Problem eindämmen?

Wagner: Die Regierung wird das Strafmass erhöhen, mehr Polizistinnen einsetzen, und im Falle der Vergewaltigung der Schweizerin wird das Gericht mit harten Strafen vermutlich ein Exempel statuieren. Aber das Problem im Umgang mit den Geschlechtern ist dadurch nicht aus dem Weg geräumt. Kommt hinzu, dass die Polizei in Indien politisch korrumpiert und korrupt ist. Bei Fällen von sexueller Gewalt ist es nur selten zu Verurteilungen gekommen. Oft sind die Täter bei Sexualdelikten ihren Opfern bezüglich der gesellschaftlichen Stellung übergeordnet. Selbst wenn eine Frau den Mut aufbringt, den Fall anzuzeigen, kommt der Täter oft straffrei davon. Der Rechtsstaat funktioniert hier meistens nicht.

Tausende Inder gehen nun auf die Strasse, um gegen die sexuelle Gewalt zu demonstrieren. Ist das ein Zeichen, dass die indische Gesellschaft aufgeklärter wird und solche Taten nicht länger dulden will?

Wagner: Wie erwähnt, 70 Prozent der Bevölkerung leben in Armut und zumeist auf dem Land. Aber es gibt auch das moderne Indien, welches wir vor allem in Europa kennen. So hat sich eine neue städtische Mittelschicht herangebildet, die – ebenfalls dank elektronischer Medien – aufgeklärt ist und sich wehrt. Das Land hat ein hohes Wirtschaftswachstum, aber nur ein Teil der Bevölkerung kann vom Aufschwung profitieren. Es sind vor allem diese Menschen, die nun ihre Empörung auf die Strasse tragen. Bei allen Mängeln muss man dem demokratischen System Indiens zugutehalten: Es gibt Medienvielfalt und nicht zuletzt deshalb in den Städten eine aufgeklärte Schicht. Doch obschon die Probleme erkannt werden, sind Verbesserungen wegen Korruption und verkrusteter Traditionen nur schwer zu erreichen. Sozialreformen zur Stärkung der Frauen scheitern an traditionellen Widerständen.

Wird die aufgeklärte Mittelschicht das Land zu grundlegenden Reformen bringen?

Wagner: Es wäre wünschenswert, ist aber momentan nicht unbedingt absehbar. Konservative Gruppen erklären die Gewalt gegen Frauen durch die neuen Freiheiten, die sie durch die Liberalisierung der Gesellschaft in den letzten Jahren erhalten haben. Um sexuelle Gewalt gegen Frauen einzudämmen, fordern konservative Kreise deshalb, Frauenrechte eher einzuschränken, anstatt sie auszuweiten.