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INDIEN: Lieber krank als hungrig

Seit Wochen liegt eine Glocke aus Smog über Neu-Delhi. Eine Studie kam jüngst zum Schluss: Einen Tag lang die Hauptstadt-Luft zu atmen sei wie 42 Zigaretten zu rauchen. Der Premier aber schweigt – der wirtschaftliche Aufschwung des Landes hat Priorität.
Ulrike Putz, Singapur
Schülerinnen und Schüler bei einem Protestmarsch gegen die Luftverschmutzung in Neu-Delhi. (Bild: Prakash Singh/AFP (15. November 2017))

Schülerinnen und Schüler bei einem Protestmarsch gegen die Luftverschmutzung in Neu-Delhi. (Bild: Prakash Singh/AFP (15. November 2017))

Ulrike Putz, Singapur

Wie schlecht die Luft über Neu-Delhi ist, konnten Millionen Fernsehzuschauer rund um den Globus jüngst live am Bildschirm verfolgen. Heerscharen von Fans schauten letzten Sonntag zu, als sich die Cricket-Teams von Indien und Sri Lanka in der indischen Hauptstadt zu einem der wichtigsten Spiele der Saison trafen. Dass es mit der Luftqualität nicht zum Besten bestellt war, sah man auf Anhieb: Einige Sri Lanker trugen Atemschutzmasken, durchs Stadion waberte der Smog.

Doch erst, als Sir Lankas Spieler Suranga Lakmal sich plötzlich auf den Rasen übergab, dämmerte es auch den Zuschauern in Übersee, was es heisst, wenn die Messstationen in Neu-Delhi die Luft nach der Skala der Weltgesundheitsorganisation als «gesundheitsgefährdend» einstufen. In der Kabine hätten sich später noch mehr Spieler übergeben, sagte der Sri Lanker Trainer.

Tiefere Lebenserwartung wegen schmutziger Luft

Die Luft über Indiens Hauptstadt Neu-Delhi – sie ist tatsächlich unfassbar schlecht und wird Jahr um Jahr schlechter. Wissenschafter dokumentieren das mit immer neuen Studien. In Neu-Delhi zu atmen sei wie 42 Zigaretten pro Tag zu rauchen, hiess es jüngst. Vor wenigen Wochen veröffentlichte die Kinderschutzorganisation Unicef einen Bericht, wonach Feinstaubpartikel Schäden an der Blut-Hirn-Schranke von Babys verursachten. Es gebe Hinweise, dass Luftverschmutzung «den verbalen und non-verbalen Intelligenzquotienten und das Gedächtnis» bei Kindern beeinträchtige, schrieben die Autoren. Eine Studie der University of Chicago kam zum Schluss, dass Indiens dreckige Luft die Hälfte der Einwohner des Subkontinents – also 660 Millionen Menschen – mehr als drei Jahre ihres Lebens kostet. Tatsache ist, dass Winter für Winter, wenn die vom Himalaja herabwehenden kalten Luftmassen sich wie eine Käseglocke über Neu-Delhi stülpen, sich darunter die Abgase sammeln. Dann wird das Atmen schwer. Der Feinstaub in der Luft stammt dabei nur zum kleinen Teil von Privatfahrzeugen. Die grössten Sünder sind die Kohlekraftwerke im Speckgürtel und die LKW, mit denen 17 Millionen Einwohner versorgt werden. Auch die unzähligen Baustellen und die Ziegeleien im Umland, die Material für Neu-Delhis Bauboom liefern, verpesten die Luft.

Dass es an vielen Tagen nach Lagerfeuer riecht, liegt wiederum daran, dass die Bauern in den angrenzenden Gliedstaaten ihre Stoppelfelder abbrennen. Die Stadt begegnet der Gefahr mehr schlecht als recht. In ganz schlimmen Wochen gibt es manchmal ein partielles Fahr­verbot, einen Baustopp oder es werden die Schulen geschlossen. Einige Aktivisten demonstrieren. Wer es sich leisten kann, verlässt die Stadt. Wenn dann der Frühling kommt und die Luft wieder besser wird, atmet die Stadt durch und die Politiker auf: wieder ein Jahr, in dem sie sich um die Ursachenbekämpfung drücken konnten. Bislang ist noch ­jeder Lösungsansatz im Dickicht der Zuständigkeiten verendet. Was fehlt, ist eine Anweisung von oben, die Sache endlich ernst zu nehmen. Doch Premierminister Narendra Modi schweigt. Entgangen sein kann ihm die Notlage nicht – immerhin lebt und atmet er in der Hauptstadt.

Umweltschutz kommt erst an zweiter Stelle

Modis Schweigen kostete ihn diesen Winter einige Sympathien. Selbst Führer seiner eigenen BJP-Partei fragten, warum der Premier den Kampf gegen die Luftverschmutzung nicht zur Chef­sache mache. «Die Menschen in Neu-Delhi sterben jede Tag ein bisschen. Warum reagiert der Premierminister nicht?», twitterte der ehemalige Finanzminister Yashwant Sinha. Modis Unterstützer führen an, dass auch ein Regierungschef sich nicht von den Sachzwängen freimachen könne. Modis Programm sei nun mal der wirtschaftliche Aufschwung und die Armutsbekämpfung, da könne der Umweltschutz erst an zweiter Stelle kommen.

Indiens Bevölkerung wächst nach wie vor explosionsartig. Derzeit leben knapp 1,3 Milliarden Menschen auf dem Subkontinent, die meisten davon blutjung. Jeden Monat drängen eine Million junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Wenn Indien ihnen Jobs bieten will, muss es Industrien ansiedeln – zur Not auch dreckige, sagen Wirtschaftsvertreter. Lieber krank als hungrig, so scheint die Devise.

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