Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

INDIEN: Zwischen den Fronten des Kulturkampfes

Der indische Bundesstaat Uttar Pradesh würde sein berühmtestes Bauwerk am liebsten verleugnen – weil der Taj Mahal an die islamische Geschichte des Landes erinnert. Unter Premier Narendra Modi hat sich die antimuslimische Stimmung noch verschärft.
Ulrike Putz, Singapur
Sowohl für indische als auch für ausländische Besucher ist das 1643 fertiggestellte Taj-Mahal-Mausoleum ein Touristenmagnet. (Bild: D. Berehulak/Getty (Agra, 29. Mai 2014))

Sowohl für indische als auch für ausländische Besucher ist das 1643 fertiggestellte Taj-Mahal-Mausoleum ein Touristenmagnet. (Bild: D. Berehulak/Getty (Agra, 29. Mai 2014))

Ulrike Putz, Singapur

Ägypten hat seine Pyramiden, China die Chinesische Mauer, Indien den Taj Mahal: Alle diese Bauwerke repräsentieren die Grösse der Zivilisationen, die sie gebaut haben, auf einzigartige Weise. Nationen, auf deren Boden ein solches architektonisches Meisterwerk steht, sind stolz darauf und vermarkten es als touristische Attraktion. Sollte man zumindest meinen: In Indien tobt nun jedoch seit Wochen Streit um das bekannteste Bauwerk des Subkontinents, den Taj Mahal. Ein Streit, der zwar absurd erscheint, jedoch tiefen Einblick in den erbittert geführten Kampf um die nationale Identität Indiens gibt.

Das Gezerre um den Taj Mahal begann, als der indische Gliedstaat Uttar Pradesh im vergangenen Oktober seine neue Tourismusbroschüre veröffentlichte. Uttar Pradesh oder UP, wie der Gliedstaat in Indien genannt wird, ist ländlich, ausgesprochen konservativ und mit 204 Millionen Einwohnern extrem dicht besiedelt. Ein nicht sehr attraktives Fleckchen Erde, wäre da nicht der Taj Mahal. Die Grabmoschee aus weissem Marmor lockte allein im vergangenen Jahr 6,2 Millionen Besucher in das drei Autostunden von Neu-Delhi entfernte Agra.

Weltberühmtes Denkmal einer grossen Liebe

Sie kamen, um das weltberühmte Denkmal einer grossen Liebe zu sehen: In Auftrag gegeben worden war es im Jahr 1623 von Grossmogul Shah Jahan als Grabmal für seine Lieblingsfrau Mumtaz Mahal. Unzählige Liebespaare haben sich vor dem Gebäude, das der indische Literaturnobelpreisträger Rabindranath Tagore als «Träne auf der Wange der Zeit» beschrieb, verewigen lassen.

Indiens Kulturschaffende, Journalisten und Liberale glaubten denn zunächst auch an einen peinlichen Irrtum, als ausgerechnet Indiens berühmtestes Bauwerk in der Tourismusbroschüre von UP fehlte. Dann stellte sich allerdings heraus, dass die Regionalregierung die Grabmoschee absichtlich weggelassen hatte. Der Grund: Der Taj Mahal sei eine «Abscheulichkeit», ein»Schandfleck», der die indische Kultur beflecke, wie Sangeet Som, Abgeordneter im Regionalparlament in Lucknow, es formulierte. Es sei «von Verrätern» gebaut, die Hindus verfolgt hätten und deren Namen aus den Geschichtsbüchern aus­gemerzt gehöre, wetterte Som.

Soms zornige Aussagen fussen auf der Tatsache, dass die Grossmogule, die Indien 325 Jahre lang beherrschten, Muslime waren. Deshalb brandmarken Som und seine Gesinnungsgenossen sie als fremde Invasoren. Historisch fundiert ist diese Weltsicht nicht: Die Nachfahren des Dynastiebegründers Babur, der 1526 in Indien einfiel, heirateten schnell in den lokalen Hindu-Adel ein. Bald lebte die Herrscherfamilie nach indischer Sitte. Und obwohl die Grossmogule – Herrscher über ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung – Muslime waren, tolerierten sie den Hinduismus.

Als die britische Kolonialmacht 1857 den letzten Grossmogul absetzte, war dieser durch und durch Inder. Alles Quatsch, behaupten Hindu-Nationalisten gegenüber solchen Einwänden. Nur Hindus könnten echte Inder sein. Die Geschichte müsse neu geschrieben werden. Dass es heute etwa 180 Millionen Muslime und rund 30 Millionen Christen in Indien gibt, sei ein Missstand und als Herausforderung anzusehen: Erst wenn alle Andersgläubigen entweder zum Hinduismus bekehrt oder vertrieben worden seien, könne «Bharat Mata», die «Mutter Indien», wieder in ihrer alten Pracht glänzen.

Islamfeindlichkeit im Namen von Erneuerung und Fortschritt

Nun könnte man solch radikales Gedankengut als Minderheitenmeinung abtun – nur ist sie das nicht. Seit dem Sieg Narendra Modis bei der Wahl im Mai 2014 ist rechtsnationales und selbst extremistisches Gedankengut in Indien salonfähig geworden. Bestes Beispiel dafür ist eben jener Gliedstaat Uttar Pradesh, der den Taj Mahal verleugnet. Dort brachte im Frühjahr ein erdrutschartiger Wahlsieg von Modis Indischer Volkspartei (BJP) den Hindupriester und Politneuling Yogi Adityanath an die Macht. Vor der Wahl war dieser vor allem durch feindselige Äusserungen über Muslime aufgefallen: In jede Moschee gehörten Statuen indischer Gottheiten, für jeden getöteten Hindu würde man 100 Muslime töten, tönte Adityanath.

Auch Modi reitet die Welle der anti-islamischen Ressentiments. Im Namen von Erneuerung und Fortschritt beschwört er unermüdlich das «alte Indien» mit seinen «alten Werten». Dass er damit ausschliesslich hinduistische Werte meint, ist kein Geheimnis: Modis geistige Heimat ist die Nationale Freiwilligenorganisation (RSS), eine radikal-hinduistische, paramilitärische Kader­organisation, welcher der Staatschef seit seinem achten Lebensjahr angehört. Modis BJP ist aus dem RSS hervorgegangen, ihre Ideologien sind fast deckungsgleich. Die RSS wurde bereits 1925 gegründet und 1948 schlagartig weltberühmt, als ein Mitglied den Vater der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, erschoss. Gandhi war dem religiösen Fanatiker zu nachsichtig gegenüber den Muslimen.

Der Popularität der RSS tat die Gewalttat keinen Abbruch. Mit 56 000 Ortsgruppen in Indien ist sie heute die grösste Freiwilligenorganisation der Welt. Die Worte ihres spirituellen Führers werden auch heute noch in jeder Ortsgruppe rezitiert: Nicht-Hindus in Indien müssten sich «den Hindus total unterwerfen, dürfen nichts fordern, verdienen keine Privilegien, keine Vorzugsbehandlung und noch nicht mal Bürgerrechte», schrieb M. S. Golwalkar 1938. Die Politkommissare der RSS betätigen sich im gegenwärtigen Kulturkampf gegen den Islam als Einpeitscher. Im März dieses Jahres erklärte RSS-Chef Mohan Bhagwat, jeder Inder müsse notfalls gezwungen werden, «Mutter Indien» als Gottheit anzuerkennen. Angehörige der monotheistischen Religionen waren entsetzt.

Tatsächlich leben Muslime und auch Christen in Indien zunehmend in Angst. Moscheen und Kirchen werden immer häufiger Ziel von Anschlägen. Auch die Fälle von religiös motivierten Lynchmorden nehmen zu. Selbsternannte hinduistische Kuhschützer haben in diesem Jahr 15 Muslime ermordet und Hunderte weitere verletzt, weil diese angeblich Rindfleisch gegessen hatten. Kühe gelten im Hinduismus als heilig. Eine weitere Verschwörungstheorie, die die Gemüter erhitzt, ist die vom «Love Dschihad»: Demnach sollen es muslimische Männer darauf anlegen, Hindumädchen zu verführen und zum Übertritt zum Islam zu bewegen. Erst diesen Monat forderte das Ammenmärchen ein weiteres Todesopfer. Ein Mann liess sich dabei ­filmen, wie er einen muslimischen Wanderarbeiter erst mit einer Machete attackierte und danach anzündete. Der Angreifer schrie, er wolle seine «Hinduschwestern» schützen.

Selbst mächtige Institutionen müssen angesichts der Mob-Mentalität klein beigeben. Im Bundesstaat Rajasthan werden auf Drängen der RSS jetzt die Lehrbücher der Schulen und Universitäten umgeschrieben. Künftig soll zu lesen sein, dass der Hindu-Kriegsherr Maharana Pratap und nicht – wie historisch verbürgt – der Grossmogul Akbar 1576 die Schlacht von Halighati gewann.

Mordaufruf gegen Bollywood-Schauspielerin

Bollywood sah sich Anfang Dezember gezwungen, die Premiere des teuersten Films der Wintersaison zu verschieben. Radikale Hindugruppen hatten gegen den Historienschinken «Padmavati» protestiert, weil darin eine Romanze zwischen einer Hinduprinzessin und einem Mogul gezeigt werden soll. Zimperlich waren die Eiferer nicht: Ein hochrangiges Mitglied der BJP in Haryana setzte eine Belohnung von umgerechnet 750 000 Franken für denjenigen aus, der ihm den Kopf der Hauptdarstellerin Deepika Padukone brächte.

In Sachen Taj Mahal jedoch mussten die Hardliner vorerst einlenken. Die BJP-Granden erkannten rasch, dass die Verleugnung seines berühmtesten Bauwerks Indien weltweit nur Spott und Kopfschütteln einbringen würde. Also wurde der Chief Minister von UP, Adityanath, zur Schadensbegrenzung nach Agra geschickt. Dort besichtigte er – missmutig und zum ersten Mal – das Grabmal. Danach gab er zu Protokoll, nicht der Bauherr sei relevant, sondern die Tatsache, dass der Taj Mahal «mit dem Blut und Schweiss von Indern» gebaut worden sei.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.