Infektionen in Europa steigen dramatisch - Spanien, England und Deutschland verschärfen die Coronamassnahmen

Madrid riegelt ganze Stadtviertel ab, London droht ein zweiter Coronalockdown. Und in München gilt Maskenpflicht bald auch im Freien.

Sebastian Borger aus London, Christoph Reichmuth aus Berlin und Ralph Schulze aus Madrid
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Demonstration in Madrid: Ganze 37 Stadtviertel und Vororte des spanischen Hauptstadt wurden am Montag abgeriegelt - zum Missfallen der Bewohner.

Demonstration in Madrid: Ganze 37 Stadtviertel und Vororte des spanischen Hauptstadt wurden am Montag abgeriegelt - zum Missfallen der Bewohner.

Bild: Rodrigo Jimenez/EPA

Mehrere spanische Tageszeitungen warnen angesichts der Ausbreitung des Virus vor dem «Corona-Chaos in Madrid». Die Sorge ist gross, dass die «Viren-Bombe» in Spaniens Hauptstadt das ganze Land erneut in den Notstand treiben könnte. Die Sorge ist nicht unberechtigt. Nirgendwo in Europa gibt es derzeit mehr neue Infektionsfälle als im Grossraum Madrid.

Die wöchentliche Inzidenz in der Region Madrid steigt von Tag zu Tag in erschreckende Höhen. Zuletzt wurden 323 Infektionsfälle pro 100'000 Einwohner gemeldet, im südlichen Teil Madrids sogar über 500.

«Es kommen schwierige Wochen», bereitet Isabel Díaz Ayuso, erzkonservative Ministerpräsidentin der Region, die Bevölkerung auf Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Bewegungsfreiheit vor. 37 Stadtviertel und Vororte, überwiegend im ärmeren Süden der Region, wurden an diesem Montag zu Sperrgebieten erklärt. Die Polizei überwacht Strassen und Zufahrten. In Madrids Süden leben vor allem Arbeiter und Einkommensschwächere, die auf engem Raum wohnen.

Höhere Werte als im Frühjahr

Allein im Grossraum Madrid waren zuletzt mehr als 5000 durch Tests bestätigte Neuinfektionen in 24 Stunden gemeldet worden. In ganz Spanien waren es mehr als 12'000 Ansteckungen an einem Tag. Traurige Rekordwerte, die noch über den täglichen Spitzenwerten im Frühjahr liegen. Auch die Zahl der Toten klettert schon wieder auf bedenkliche Höhen. 100 bis 200 Menschen sterben derzeit täglich landesweit im Zusammenhang mit dem Virus. Die meisten Todesopfer sind älter als 80 Jahre.

Erinnerungen an die dramatischen Wochen der ersten Coronawelle im Frühjahr werden wach. Damals wurden in Madrid tausende ältere Patienten von den überfüllten Krankenhäusern abgewiesen und starben ohne ärztliche Hilfe. Sporthallen mussten zu provisorischen Leichenhäusern umfunktioniert werden.

Madrids Messepalast war auf dem Höhepunkt der Krise zu Europas grösstem Feldlazarett mit 5000 Betten geworden. Solche apokalyptischen Szenen könnten sich durchaus wiederholen. So bereitet sich das Militär bereits darauf vor, das gigantische Notspital auf dem Messegelände wieder aufzubauen.

Briten befürchten 50'000 Neuinfektionen pro Tag

Stark steigende Infizierten-Zahlen meldet auch Grossbritannien. Eindringlich haben die beiden Chef-Wissenschafter der Regierung am Montag die Britinnen und Briten auf deren mangelnde Aufmerksamkeit im Kampf gegen das Coronavirus hingewiesen.

Zuletzt hätten sich die Neuinfektionen im Wochenrhythmus verdoppelt, teilte der wissenschaftliche Chefberater Sir Patrick Vallance mit. Wenn der Trend anhält, muss das Land Mitte Oktober mit 50000 Neuerkrankungen pro Tag, einen Monat später mit täglich mindestens 200 Covid-Toten rechnen. Die konservative Regierung von Premierminister Boris Johnson plant neue Einschränkungen.

«Wir gehen in die falsche Richtung», sagte Professor Christopher Whitty, der höchste Gesundheitsbeamte Englands. Dabei sehe sich das Land einem Problem «für die nächsten sechs Monate» gegenüber: der Kontrolle von Sars-CoV-2 in den Herbst- und Wintermonaten, in denen Atemwegserkrankungen und Grippe ohnehin das Immunsystem schwächen.

Diversen Studien zufolge, so Whitty, haben höchstens acht Prozent der Bevölkerung eine wenigstens begrenzte Immunität gegen das Coronavirus entwickelt. Die Forschung mache zwar grosse Fortschritte; mit verlässlichen Impfstoffen sei aber frühestens in der ersten Jahreshälfte 2021 zu rechnen.

Im September ist die Zahl der Neuinfektionen stetig gestiegen, auf zuletzt rund 4000 täglich. Am Sonntag lag die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen laut Gesundheitsministerium bei 41777, zuletzt starben im Wochendurchschnitt 24 Menschen pro Tag.

An diesem Dienstag tagt der Krisenstab Cobra, womöglich noch am gleichen Tag will Premier Johnson neue Einschränkungen verkünden. In der Hauptstadt gelten neue Massnahmen von dieser Woche an als sicher. Auch ein neuerlicher, mindestens zweiwöchiger Lockdown des gesamten Landes wird nicht mehr ausgeschlossen.

Deutschland blickt besorgt nach Bayern

In Deutschland entwickelt sich derzeit vor allem München zu einem Covid-Hotspot. Am Sonntag hatten die Coronazahlen in der bayerischen Metropole den Wert von 55,6 Neuerkrankungen pro 100'000 Einwohner in einer Woche erreicht. Das ist noch weit unter den spanischen Verhältnissen, aber bringt Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter gleichwohl dazu, die Schraube anzuziehen.

Ab Donnerstag gilt in München auf bestimmten, stark frequentierten Plätzen in der Innenstadt eine Maskenpflicht. Zudem erlässt die Stadt wieder Kontaktbeschränkungen wie zu Zeiten des Lockdowns im Frühjahr (maximal fünf Personen im öffentlichen Raum).

Vor allem verschärft München die Regeln für private Feiern wie Geburtstage oder Hochzeiten, aber auch für Anlässe wie Beerdigungen. «Wir müssen alles tun, um Menschenansammlungen zu vermeiden, und das gilt insbesondere im Bereich des Feierns», sagte Reiter.

Insgesamt zeigen sich Gesundheitsexperten und Virologen besorgt über den Anstieg der Infektionen in Deutschland. Am Samstag zählte das Land mit fast 2300 Neuinfektionen den höchsten Wert seit April. An diesem Montag lag der Wert der Neuinfektionen mit 922 zwar niedriger. Vor allem in Nordrhein-Westfalen, aber auch in einigen für das Nachtleben bekannten Bezirken in Berlin sind die Zahlen steigend.