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INFRASTRUKTUR: Brüssel bröckelt vor sich hin

Strassen, Tunnel, Brücken: Der EU-Hauptstadt macht ihre marode Infrastruktur zu schaffen.
Remo Hess, Brüssel
In Brüssel klaffen zuweilen Löcher in der Strasse. (Bild: Remo Hess)

In Brüssel klaffen zuweilen Löcher in der Strasse. (Bild: Remo Hess)

Remo Hess, Brüssel

«Verkehrsinfarkt vor EU-Gipfel: Brüsseler Zentrum wegen maroder Tunnel und Brücken bald nur noch per Helikopter erreichbar» – es war ein hämischer Tweet, den der Brüssel-Korrespondent des deutschen Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» kürzlich absetzte. Doch wie so oft liegt auch dieser Neckerei ein wahrer Kern zu Grunde: Die EU-Hauptstadt hat ein Problem mit ihrer zunehmend maroden Infrastruktur.

Beispiel Brücken: Für mehrere Tage war der an der zentra­- len Einfallstrasse E411 gelegene Herrmann-Debroux-Viadukt vergangene Woche gesperrt. Experten hatten bei einer Routine-Überprüfung gravierende Mängel an der Statik festgestellt. Die Folge der Sperrung waren Autoschlangen bis in die Vororte zurück und Tausende genervte Pendler. Es ist aber nicht so, dass diese es sonst einfach hätten. Zur Rushhour kommt die belgische Kapitale beinahe täglich an den Rand des Verkehrskollapses. Mit 83 Stunden im Jahr verschwenden Brüsseler am meisten Lebenszeit aller Europäer wartend im Auto. Die notorische Verkehrsverstopfung liegt neben einem wenig entwickelten Nahverkehrskonzept auch an den baufälligen Tunneln, die seit den 50ern zuhauf in den Boden getrieben wurden und den Individualverkehr in den Untergrund verlegen sollten. Nachdem im letzten Jahr ein Stück der Betondecke im stark befahrenen Stéphanie-Tunnel auf die Fahrbahn krachte, ergab eine Inspektion, dass etliche dieser Bauwerke dringendst saniert werden müssen. Immer wieder tun sich in Brüssel kleinere und grössere Abgründe auf, weil wegen brüchiger Wasserleitungen das Erdreich weggespült wird.

Komplizierte Behördenstruktur trägt Mitschuld

Freilich: Es ist nicht so, dass in Brüssel bald der Katastrophen­zustand ausgerufen werden müsste. Die 1,4 Millionen Einwohner zählende Metropole ist quirlig und lebenswert, und das öffentliche Leben funktioniert im Allgemeinen relativ ungehindert. Das mangelhafte Infrastrukturmanagement weist vielmehr auf Reibungsverluste in der komplizierten Behördenstruktur hin. Streitigkeiten, ob die Finanzierung auf regionaler, kommunaler oder föderaler Ebene zu geschehen hat, verzögern notwendige Investitionen oft, bis es zu spät ist. Auch die Politiker werden gerne verantwortlich gemacht.

Nachholbedarf bei der Infrastruktur ist aber längst kein ty­pisches Brüsseler Problem. Im ganzen Land könnte mehr investiert werden. Symptomatisch dafür stehen die störungsanfälligen Atomkraftwerke in Doel und ­Tihange, die seit Jahren für Ne­gativschlagzeilen sorgen. Die Nachbarländer Niederlande und Deutschland hatten schon verschiedentlich die Abschaltung der über 40 Jahre alten Meiler gefordert. Aber auch dem Streckennetz der Bahn täte eine Modernisierung gut. Es gehört zu den dichtbefahrensten in ganz Europa, und der Betrieb läuft schon seit längerem am Anschlag, was auch zu Engpässen im internationalen Güterverkehr führt.

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