Südfrankreich
Innenminister Gérard Collomb über Geiselnahme in Supermarkt: «Die Bedrohung bleibt präsent»

Es ist vorbei: Einsatzkräfte haben den Geiselnehmer getötet, der sich in einem Supermarkt in Südfrankreich verschanzt hatte. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) reklamierte die Tat für sich.

Stefan Brändle aus Paris
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Maskierte Polizisten der Anti-Terroreinheite der französischen Gendamerie.
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Bei der Geiselnahme im französischen Supermarkt soll es mindestens drei Todesopfer gegeben haben.
Zudem wurde bekannt, dass die Polizei den Täter erschossen hat.
Geiselnahme in Supermarkt in Frankreich
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft bekannte sich der Täter zur IS-Miliz.
Ein Augenzeuge sagte aus, der Täter habe "Allahu Akbar" (Gott ist gross) gerufen, als er den Supermarkt überfiel.
Er sei mit Messern, einer Schusswaffe und Handgranaten bewaffnet gewesen.
Spezialeinheiten der Polizei sind im Einsatz, mehrere Helikopter überfliegen den Tatort.
Mehrere Medien berichten mit Verweis auf Polizeiquellen, dass es sich beim Geiselnehmer um einen marokkanischen Staatsbürger handeln soll.
Der Mann verlangt offenbar die Freilassung des mutmasslichen Attentäters der Anschläge in Paris im Jahr 2015, Salah Abdeslam.
Im November 2015 waren bei mehreren Anschlägen in Paris 130 Menschen getötet worden.

Maskierte Polizisten der Anti-Terroreinheite der französischen Gendamerie.

SEBASTIAN NOGIER

Der Täter, ein 25-jähriger Franko-Marokkaner, startete am Freitagmorgen in Carcassonne (Südfrankreich) einen regelrechten Amoklauf, der erst mit seinem Tod endete. Zuerst hielt er an seinem Wohnort einen Wagen an; mit Schüssen verletzte er den Fahrer, den er aus dem Auto zerrte, und tötete den Beifahrer. Auf seiner Fahrt schoss er darauf mit einer 9-Millimeter-Pistole auf vier Jogger der französischen Bereitschaftspolizei CRS; einen der Männer verletzte er per Lungenschuss schwer.

Danach fuhr der Täter in den kleinen Ort Trèbes (5000 Einwohner) und hielt vor dem Supermarkt «U». Nach Augenzeugen rief er «Allahu Akbar», als er das Geschäft stürmte und um sich schoss. Zwei Menschen starben, rund ein Dutzend wurde verletzt. Einzelne Kunden versteckten sich im Kühlraum.

Dreistündige Geiselnahme

Der Schütze bezeichnete sich offenbar als «ein Soldat von Daesh» (die Miliz Islamischer Staat, kurz IS). Er nahm mehrere Geiseln und verlangte im telefonischen Kontakt mit Antiterroreinheiten die Freilassung von Salah Abdeslam – dem einzigen Überlebenden der Pariser Anschläge von 2015 (130 Tote), dem derzeit in Belgien und später zweifellos auch in Frankreich der Prozess gemacht wird.

Im Verlauf der Verhandlungen bot sich ein Polizist der Eliteeinheit GIGN an, eine Geisel zu ersetzen. Der Attentäter nahm das Angebot an, merkte in der Folge aber nicht, dass das auf den Tisch gelegte Handy des Polizeileutnants eingeschaltet war. Damit konnte die Einsatzleitung vor dem Supermarkt mithören, was im Innern vorging. Nach etwa drei Stunden gab sie den Einsatzbefehl, offenbar, als der Attentäter um sich schoss. Der Elitepolizist Arnaud Beltrame wurde dabei schwer verletzt, der Attentäter durch Polizeischüsse getötet.

Diese Schilderung machte Innenminister Gérard Collomb kurz nach Ende der Geiselnahme vor Ort. «Niemand hätte gedacht, dass hier in dieser ruhigen Gemeinde jemals so etwas passieren würde. Aber die Bedrohung bleibt überall präsent.» Bei einem EU-Gipfel erklärte der französische Präsident Macron, er habe nie verhehlt, dass die Terrorbedrohung in Frankreich gross bleibe, auch wenn sie ihr Gesicht gewandelt habe: «Im Unterschied zu den Pariser Anschlägen von 2015, die aus Syrien gesteuert gewesen seien, schreiten heute gefährliche Individuen von sich aus zur Tat. Viele dieser Leute seien auch psychiatrisch registriert und leicht beeinflussbar.»

Der Attentäter stammt aus einer Einwanderer-Wohnsiedlung aus der Carcassone, die sonst wegen ihres mittelalterlichen Dekors Touristen aus der ganzen Welt anzieht. Redouane Lakdim, wie sein Name lautet, war offenbar nicht nur wegen Drogendelikten registriert gewesen, wie die Polizei zuerst verlauten liess: Er figurierte als «radikalisiert» in der so genannten S-Kartei.

IS übernimmt Verantwortung

Die Terrormiliz IS bekannte sich nur Stunden später zu dem Anschlag, was laut Experten auf eine gewisse Vorkenntnis schliessen lässt und die These eines «einsamen Wolfs» nicht unbedingt bestätigt. Die Geiselnahme erinnert die Franzosen schmerzhaft an die Szenen vor zwei Jahren im jüdischen Supermarkt «Hyper Cacher» in Paris-Vincennes (fünf Tote inklusive Angreifer). Die Zeitung Le Figaro hatte erst kürzlich berichtet, dass das ländliche Departement Tarn nördlich von Carcassonne zu den Gegenden mit dem höchsten Anteil von Jihadisten gehöre.

In den letzten Monaten war es in Frankreich zwar in Sachen Attentate ruhig geblieben. 2017 hatten allerdings radikalisierte Einzeltäter mit einem Messer in Marseille oder mit einem Hammer in Paris Zivilisten attackiert. Dazu verhinderte die französische Polizei nach eigenen Angaben zwanzig Anschläge im Verlauf des vergangenen Jahres.

Terrorismus-Gefahr in Frankreich seit Jahren hoch

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat die Attacke und Geiselnahme in Südfrankreich als islamistischen Terroranschlag bezeichnet. Der Angreifer habe drei Menschen getötet und 16 weitere verletzt, sagte Macron am Freitagabend in Paris.

Mindestens zwei Verletzte seien in einem schlimmen Zustand. Ein Polizist, der sich freiwillig als Geisel hatte eintauschen lassen, ringe mit dem Tod. «Er hat Leben gerettet», sagte Macron.

Frankreich war in den vergangenen Jahren mehrfach Ziel islamistischer Anschläge. Vor allem die Attacken von Paris 2015 und Nizza 2016 hatten das Land schwer erschüttert. Die Behörden sprechen regelmässig von einer weiterhin hohen Gefahr. Innenminister Collomb hatte Ende Februar berichtet, dass seit Jahrestag zwei Anschläge auf eine Sportstätte und auf Militärkräfte vereitelt worden seien.

Frankreich und der Terror – eine Chronologie

Eine beispiellose islamistische Terrorserie hat in Frankreich seit Anfang 2015 mehr als 240 Menschen das Leben gekostet. Vor allem diese Attacken erschütterten das Land:

7. Januar 2015: Beim Anschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" und weiteren Angriffen sterben in Paris 17 Menschen. Polizisten erschiessen die drei islamistischen Täter.

26. Juni 2015: Ein Islamist will in einem Industriegas-Werk bei Lyon eine Explosion herbeiführen, wird aber überwältigt. Er hatte zuvor seinen Chef enthauptet.

21. August 2015: Im Schnellzug von Brüssel nach Paris scheitert ein Anschlag. Fahrgäste überwältigen einen Attentäter mit Schnellfeuergewehr.

13. November 2015: Bei einer Attentatsserie in Paris töten Extremisten 130 Menschen - unter anderem in der Konzerthalle Bataclan. Beim Fussball-Länderspiel Frankreich-Deutschland sprengen sich am Stade de France drei Attentäter in die Luft. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekennt sich dazu.

14. Juli 2016: Am französischen Nationalfeiertag rast ein IS-Unterstützer in Nizza mit einem Lastwagen in die Menschenmenge. Mindestens 86 Menschen sterben, Hunderte werden verletzt.

26. Juli 2016: In Saint-Étienne-du-Rouvray nahe Rouen nehmen zwei Terroristen in einer Kirche Geiseln und töten den Priester. Polizisten erschiessen sie, der IS reklamiert die Tat für sich.

3. Februar 2017: Mit Macheten greift ein Mann in der Nähe des Pariser Louvre-Museums Soldaten an, die ihn niederschiessen.

18. März 2017: Auf dem Pariser Flughafen Orly versucht ein Mann, einer Soldatin das Gewehr zu entreissen. Andere Soldaten der Militärpatrouille erschiessen ihn.

20. April 2017: Mitten in Paris feuert kurz vor der Präsidentenwahl ein Attentäter auf einen Mannschaftswagen der Polizei. Ein Polizist stirbt, andere erschiessen den Angreifer.