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Inselbewohner müssen umziehen: «Wir sind die ersten Opfer der Erderwärmung»

Die Bewohner eines Eilands vor Panama müssen fortgehen. Sie flüchten vor Überbevölkerung und dem Meer, das ihre Heimat langsam verschluckt. Sie zählen zu den ersten Klimaflüchtlingen einer neuen Epoche.
Philipp Lichterbeck, Gardi Sugdub
Die Insel Gardi Sugdub vor Panama mit rund 1500 Bewohnern dürfte in absehbarer Zeit vom Meer verschluckt werden. (Bild: Philipp Lichterbeck)

Die Insel Gardi Sugdub vor Panama mit rund 1500 Bewohnern dürfte in absehbarer Zeit vom Meer verschluckt werden. (Bild: Philipp Lichterbeck)

Loitza Brown braucht keine Klimastudien, um festzustellen, dass die Umwelt sich verändert. Die kleine Frau steht unter gleissender Sonne auf einem Landungssteg und zeigt aufs türkisblaue Meer hinaus. «Jeden Winter wirft sich die Karibik mit mehr Wucht gegen unsere Insel», sagt sie. «Es ist an der Zeit, fortzugehen. Sonst werden wir verschluckt.» Loitza Brown ist Lehrerin und 41 Jahre alt. Genauso lange lebt sie schon auf der Insel Gardi Sugdub rund drei ­Kilometer vor der Küste Panamas. Auf Korallen gebettet, ragt das Eiland, das vom Volk der Kuna bewohnt wird, nur 40 Zentimeter aus dem Meer heraus; mit lediglich 300 Metern Länge und 150 Metern Breite ist es winzig. Und den Launen der See gnadenlos ausgesetzt.

Man kann die Krabbeninsel, wie sie auf Deutsch heisst, als Vorläuferin für das betrachten, was sich auf der Erde anbahnt. Sie mag klein sein, aber wie durch ein Brennglas lässt sich hier beobachten, was im grossen Massstab schiefläuft. Denn die Bevölkerung von Gardi Sugdub ist so stark angewachsen, dass kein Platz mehr da ist und die Natur durch die Versuche, Land zu gewinnen, enorm geschädigt wird. Gleichzeitig versinkt die Insel langsam im Karibischen Meer. Daran, so haben Experten keinen Zweifel, ist der Klimawandel schuld. Insgesamt hat sich der Meeresspiegel seit 1993 um rund acht Zentimeter erhöht. «Wir sind die ersten Opfer der Erderwärmung», sagt Loitza Brown. «Aber wir haben einen Plan. Wir gehen an Land.» Man könnte Brown als Fluchtbeauftragte von Gardi Sugdub bezeichnen. Sie selbst nennt es anders: «Ich bin eine der Verantwortlichen für die Umsiedlung aufs Festland.»

«Es ist an der Zeit, zu gehen. Wir können nicht warten, bis die Industrieländer handeln.»

Die Kuna von Gardi Sugdub sind Klimaflüchtlinge – die ersten Migranten einer neuer Epoche. Die Vereinten Nationen schätzen, dass in den kommenden 30 Jahren zwischen 50 Millionen und 200 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Die meisten leben wie die Kuna auf Inseln oder in Küstenregionen und betreiben zumeist Subsistenzwirtschaft. Das heisst, sie produzieren nicht viel mehr als für den Eigenbedarf und verbrauchen mithin nur geringe Mengen Energie, sind also für den Klimawandel weitgehend unverantwortlich. Drei Weltregionen werden laut Weltbank hauptsächlich betroffen sein: das subsaharische Afrika, das südliche Asien rund um Indien sowie Lateinamerika und die Karibik. Es geht um Kleinbauern in Bangladesch, Fischer in Mosambik und auf Samoa. Und Ureinwohner in Panama.

Verhängnisvolle Landgewinnung

«Der Klimawandel trifft die Armen viel stärker als die Reichen», sagt Loitza Brown. Sie wendet sich vom Meer ab und geht zurück ans Ufer. Von der Idylle, die der Blick auf die glitzernde Karibik suggerierte, ist schlagartig nichts mehr übrig. Gegen den flachen Inselrand schwappt Müll: Plastikflaschen, Styroporteller, Kunststoffkanister, eine zerbrochene WC-Brille, Plastikröhrli. Gleich darauf beginnt ein klaustrophobisches Labyrinth aus Holz- und Bambushäusern. Die Bauten der Kuna stehen Wand an Wand, es gibt so gut wie keinen Quadratmeter unbebaute Fläche mehr. Und wo man auch hinkommt, sind Menschen: rennende Kinder, Fischer mit Körben voller Krebse, palavernde Alte, Gruppen von Frauen bei der Handarbeit, uniformierte Schüler bei der Gymnastik, Bauarbeiter, die Cola trinken. Überall ist Leben und Bewegung. Nur Freiraum gibt es nicht, das Meer ist die Grenze. Rund 1500 Menschen leben heute auf Gardi Sugdub, die Bevölkerung hat sich in den vergangenen 30 Jahren mehr als verdoppelt.

Um Platz zu schaffen, haben die Kuna ihre Inseln mit Korallen erweitert, die sie rund um ihre Inseln aufschichteten. Diese Form der Landgewinnung rächt sich, weil die zerstörten Riffe als natürliche Barrieren gegen das Meer ausfallen. So verschärft die lokale Umweltzerstörung die Folgen des globalen Klimawandels. Deswegen haben sie auf Gardi Sugdub beschlossen, diese Praxis zu beenden. «Wir gehen ja ohnehin wieder zurück ans Festland», sagt Loitza Brown.

Ursprünglich sind die Kuna kein Inselvolk. Erst zu Anfang des 19. Jahrhunderts zogen sie aufs Meer hinaus, weil sie giftigen Schlangen und Moskitoplagen in den Dschungeln Panamas entkommen wollten. Heute besiedeln sie rund 50 der 370 Inseln im Golf von Guna Yala, der wegen seines klaren Wassers und der unbewohnten Inseln bei Seglern und Reisenden beliebt ist. So wurde der Tourismus zur wichtigsten Einnahmequelle für die Kuna, die das Archipel autonom verwalten. Doch auch damit dürfte bald Schluss sein, weil das Meer immer häufiger über das Paradies schwappt. «Im Winter 2008 ging es los», erinnert sich Loitza Brown. Damals zogen heftige Stürme über den Golf von Guna Yala. Zwar ist starker Nordwind im November und Dezember nichts Ungewöhnliches, «aber 2008 war schlimmer als alles, woran wir uns erinnern konnten», sagt Brown. «Tagelang war Gardi Sugdub überschwemmt, in den Häusern stand das Wasser, wir wateten hindurch», erzählt Brown. Seitdem kommen die Überschwemmungen fast jedes Jahr. «Zuletzt stand das Wasser so hoch», sagt Brown und hält ihre Hand einige Zentimeter über den Inselboden. «Es ist an der Zeit, zu gehen. Wir können nicht warten, bis die Industrieländer handeln.»

Browns Befürchtungen werden von der Wissenschaft gestützt. Laut der Vorhersage des Weltklimarats wird die mittlere Erdtemperatur zwischen 2030 und 2052 um 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter ansteigen. Vorausgesetzt, es bliebe bei dieser konservativen Schätzung, würde dies zum Anwachsen der Meeresspiegel um 26 bis 77 Zentimeter führen. Andere Schätzungen gehen von einem Anstieg um 65 Zentimeter aus. Das hat fast nichts mit den schmelzenden Polkappen zu tun, sondern geht darauf zurück, dass das Meer mehr als 90 Prozent der überschüssigen Wärme aus der Atmosphäre absorbiert. Und wärmeres Wasser hat mehr Volumen als kaltes. So bewahren die Ozeane den Planeten einerseits vor einem fatalen Temperaturanstieg. Und bedrohen die Menschen andererseits durch ihre Ausdehnung. Mit Sicherheit kann man also sagen: Gardi Sugdub wird im Laufe des 21. Jahrhunderts untergehen.

Mit dem Meer lässt sich schlecht verhandeln

Brown läuft über einen sandigen Pfad, macht Halt, um mit einer alten Frau zu sprechen, die vor ihrer Hütte hockt und ein Huhn rupft. Es gehört zu Browns Aufgaben als Umsiedlungsbeauftragte, die Bewohner von Gardi Sugdub über den letzten Stand der Planungen zu informieren und Unwillige zu überzeugen. «Die alte Frau will nicht fort», übersetzt Brown. «Sie sagt, dass sie lieber mit der Insel untergehen möchte, auf der sie ihr Leben verbracht hat.» Aber so dächten nur ein paar Alte, beruhigt Brown. Der Umzug ist beschlossene Sache. Es gebe nur ein Problem.

Brown betritt das Gemeindehaus, das auf der Inselmitte steht. Nur durch Ritzen zwischen den Brettern dringen Sonnenstrahlen in den fensterlosen Holzbau mit Blechdach. Hier, im Casa del Congreso, werden alle wichtigen Fragen der Insel besprochen und entschieden. Brown und die anderen Mitglieder des Umsiedlungsrats sind gekommen, um über den Umzug sprechen. Zum Rat gehören Fischer, Händler, Lehrerinnen wie Brown und der Saila genannte Dorfsprecher, vergleichbar mit einem Gemeindepräsidenten. Brown beklagt, dass die Regierung in Panama-Stadt nur Lippenbekenntnisse abgebe, aber nicht handle und endlich die 300 versprochenen Häuser baue. So viele Familien ziehen von Gardi Sugdub aufs Festland. Die anderen Ratsmitglieder stimmen zu.

Es herrscht leichte Ratlosigkeit, denn niemand weiss so recht, was die nächsten Schritte sind. Dabei haben die Kuna im Gegensatz zu anderen Klimaflüchtlingen einen unschätzbaren Vorteil: Land. Den Indigenen gehört der gesamte Küstenstreifen des Golfs von Guna Yala, den sie seit einer Rebellion 1925 gegen Panamas Regierung verwalten. So konnten sich die Kuna von Gardi Sugdub das Terrain für ihr neues Dorf aussuchen. Es ist ein Hügel, der sich rund einen Kilometer im Hinterland erhebt. Viel zu sehen gibt es dort bislang nicht. Denn die Kuna mögen Land besitzen, aber Geld, um darauf zu bauen, haben sie nicht.

Brown glaubt, dass man in Panama-Stadt die Dringlichkeit des Problems unterschätze. Und so wollen zwar alle weg von Gardi Sugdub, aber von Aufbruch ist nichts zu spüren. «Ich hoffe, wir bekommen die Umsiedlung bis 2020 hin», sagt Loitza Brown. «Wir sollten wirklich nicht mehr lange warten.» Es ist ein ambitioniertes Ziel. Aber mit dem Meer lässt sich schlecht verhandeln.

Hinweis: Die Recherche wurde vom katholischen Hilfswerk Adveniat unterstützt.

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