Prediger
Integrierte und ausgebildete Imame: Wie berechtigt ist die Angst?

Ein Winterthurer Prediger soll im Dienste des IS stehen. Die Rolle von Imamen und eine richtige Ausbildung in der Schweiz wären wichtig. Gerade die Moscheevereine können radikalisierte Jugendliche wieder auf den richtigen Weg bringen.

Daniel Fuchs
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Wird in den hiesigen Moscheen nicht nur gebetet?

Wird in den hiesigen Moscheen nicht nur gebetet?

Keystone

Rund 180 Imame sind in den Schweizer Moscheen tätig. Einer von ihnen ist A.E., bekannt aus «Weltwoche» und Sonntagszeitungen.

Gemäss Recherchen soll er in der Winterthurer An’Nur-Moschee nicht nur radikales Gedankengut verbreitet, sondern im Dienste des IS Schweizer Dschihadisten für den Krieg in Syrien rekrutiert haben.

Im Interview mit dem OnlineNewsportal «Watson» wehrte sich A.E. gegen die Vorwürfe, räumte aber ein, hin und wieder in seine Heimat Libyen zu reisen. In Libyen hatte er gegen Diktator Gaddafi für die Einrichtung eines Islamischen Staats «mit demokratischen Mitteln» gekämpft und war Mitglied der al Kaida-nahen Libyan Islamic Fighting Group gewesen.

Später hat der Mann in der Schweiz Asyl erhalten. Viele Fragen bleiben offen, darunter auch die, weshalb ein Kämpfer einer radikal-islamischen Organisation in der Schweiz Asyl bekommt. Und: warum einer wie er Imam wird.

Der Verdacht: Hassprediger

Klar ist: Imame stehen unter Generalverdacht, eine Rolle im weltweiten IS-Terror zu spielen. Muslimenvereine, Sozialarbeiter, Forscher und andere Experten weisen immer wieder auf die Vorteile einer Imam-Ausbildung in der Schweiz hin.

Den Moscheevereinen mangelt es an ausgebildetem Personal, und so kommen viele der Imame häufig aus dem Ausland, besonders aus Ägypten oder aus der Türkei.

Sie würden weder die hiesigen Verhältnisse, geschweige denn Sprachen kennen, so das Credo.

Andere wiederum weisen Imamen beim Thema Radikalisierung eine untergeordnete Rolle zu. So etwa die Extremismusforscherin von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Miryam Eser-Davolio, die in ihrem Forschungsprojekt mit Rückkehrern aus dem IS-Gebiet gesprochen hat.

In der heute erschienenen Ausgabe des «Beobachters» sagt sie, Schweizer Dschihad-Reisende radikalisierten sich vor allem via Internet. Moscheen und Imame hätten wenig damit zu tun.

Anders ist es bei der Prävention: Können Imame Jugendliche vor der Radikalisierung schützen oder sie zurück in die Gesellschaft holen?

Im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» nach den Attentaten in Paris wies die ZHAW-Forscherin Eser auf ein wichtiges Problem hin: Aus Sorge um ihren Ruf würden Moscheevereine Jugendliche häufig ausschliessen, die sich radikalisiert haben.

Das sei aber gerade falsch, denn dort könnten die Jugendlichen doch noch von ihrem Weg abgebracht werden.

Imame können dabei eine wichtige Rolle übernehmen. Laut Eser ist es entscheidend, wie eng die Imame und Moscheevereine mit den Behörden zusammenarbeiteten.

Das ist von Kanton zu Kanton sehr unterschiedlich: An einem Weiterbildungsangebot der ZHAW zum Thema Radikalisierung, das sich kürzlich an Imame richtete, nahmen gerade einmal sieben Imame teil. Alle kamen sie aus dem Kanton St. Gallen.

Die Lösung: Integrieren und Bilden

Weiterbildungsangebote für Imame, Lehrer, Sozialarbeiter bietet seit einem Jahr auch die Universität Freiburg an. Der Leiter Hansjörg Schmid ist nicht etwa Islamwissenschafter, sondern katholischer Theologe.

Er warnt davor, in Imamen das Allerheilmittel zu sehen. Schmid sagt: «Viele Jugendliche gehen gar nie in die Moschee, verbringen aber viel Zeit im Internet.» Dort seien Kontrolle und Prävention viel schwieriger. Moschee und Imam seien nicht die einzigen möglichen Berührungspunkte mit radikalem Gedankengut.

«Junge Muslime haben mehr soziale Bezugsfelder: Wichtiger sind oft Freunde, die Familie, die Schule und die berufliche Integration.» Es brauche gute Angebote in der Schule und in der Berufsbildung. Stimme dort alles, sei die Gefahr einer Radikalisierung viel geringer.

Schmid ist dafür, dass sich Imame in der Schweiz weiterbilden. Eine Ausbildung der Imame kann die Universität nicht bieten: «Dort wird auch nur katholische oder evangelische Theologie gelehrt, die Ausbildung zum Pfarrer erfolgt in den Landeskirchen.»

Letztlich sei zentral, dass Imame gut qualifiziert und in der Schweiz integriert sind. «Auch dass sie die Sprache sprechen. Das ist wichtig für die Seelsorge in Spitälern oder Gefängnissen und letztlich in Moscheen.»

Schmid weist gerne auf Länder wie Österreich und Deutschland hin. Auch dort bilden Unis keine Imame aus. Aber sie bieten Studiengänge zur islamischen Theologie an. Im Juni soll auch an der Universität Freiburg ein Weiterbildungskurs zum Thema Radikalisierung stattfinden.