Interview
Oppositionelle Veronika Tsepkalo: «Wir zahlen 11 Millionen Euro für die Auslieferung von Alexander Lukaschenko»

Veronica Tsepkalo wollte den weissrussischen Herrscher einst von der Macht verdrängen, dann musste sie fliehen. Für die Europäer hat sie nur einen Ratschlag.

Stefan Schocher
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Veronica Tsepkalo hat vor dem Internationalen Strafgerichtshof eine Klage gegen den weissrussischen Machthaber Alexander Lukaschenko eingereicht.

Veronica Tsepkalo hat vor dem Internationalen Strafgerichtshof eine Klage gegen den weissrussischen Machthaber Alexander Lukaschenko eingereicht.

Bild: The Belarus Freedom Foundation

Vor genau sechs Monaten zwang der weissrussische Machthaber Alexander Lukaschenko einen Linienflieger zur Landung, um den regimekritischen Blogger Roman Protassewitsch verhaften zu lassen. Seither reissen die negativen Schlagzeilen aus «Europas letzter Diktatur» nicht ab: Massenverhaftungen, gefolterte politische Gefangene und zuletzt die problematische Flüchtlingspolitik.

Veronica Tsepkalo hatte sich im Sommer 2020 als eine von drei Oppositionsführerinnen dem Langzeitmachthaber Lukaschenko in den Weg gestellt. Aus dem griechischen Exil beobachtet sie die Situation in ihrem Heimatland mit wachsender Sorge.

Frau Tsepkalo, Sie mussten wegen Ihres politischen Engagements aus Ihrer weissrussischen Heimat fliehen und leben mit Ihrer Familie im Exil. Hat sich das alles gelohnt?

Veronica Tsepkalo: Wir haben alles aufgegeben. Alles, was wir hatten. Aber ich bereue es nicht. Es war schwierig für mich und meine Familie. Aber für andere war und wird es noch schwieriger. Wir sind als Nation neu geboren worden. Und ich bin froh, dass wir ein Teil davon sein können.

Oppositionsführerin und Microsoft-Angestellte

Veronica Tsepkalo ist eine der drei Frauen, die nach den gefälschten Präsidentenwahlen in Weissrussland im Sommer 2020 den Protest gegen Alexander Lukaschenko angeführt haben. Ihr Mann, Walery Tsepkalo, hätte bei der Wahl antreten wollen, war aber nicht zugelassen worden. Heute lebt die Familie in Athen im Exil.

Veronica Tsepkalo hat in Weissrussland und Indien Internationale Beziehungen studiert und zuletzt für den amerikanischen Internet-Konzern Microsoft gearbeitet. (sts)

Weissrussland kommt seit den Wahlen im Sommer 2020 nicht mehr aus den Schlagzeilen. Wie hat sich das Land seither verändert?

Die Weissrussen haben unter Lukaschenko immer schon in einer Diktatur gelebt. Im August 2020 hat Lukaschenko damit begonnen, ganz Europa zu bedrohen. Seine terroristischen Aktionen gehen neuerdings über die Grenze hinaus, und das ist gefährlich.

Sie wollen ihn stoppen. Wie?

Diese Person muss isoliert werden. Er ist ein Verbrecher. Wir haben seine Verbrechen dokumentiert, wir haben eine Klage beim Internationalen Strafgerichtshof eingereicht. Wir wollen, dass er verurteilt wird. In Weissrussland gibt es immer noch die Todesstrafe. Daher wollen wir ihn vor den internationalen Strafgerichtshof zitieren.

Protassewitschs Entführung hat vor einem halben Jahr für Empörung gesorgt.

Protassewitschs Entführung hat vor einem halben Jahr für Empörung gesorgt.

Was würde Lukaschenkos Absetzung für das Land bedeuten?

Das weissrussische System basiert auf den Befehlen einer Person. Wenn Lukaschenko geht, bricht das ganze System zusammen. In Weissrussland wurden seit den Wahlen 28 Menschen ermordet, aber es wurde kein einziges Strafverfahren eingeleitet. Dafür aber wurden Menschen ins Gefängnis gesteckt, weil sie Kleider in den Farben der alten weissrussischen Fahne tragen oder Blumen in der Hand halten.

Im Sommer 2020 sah es kurz so aus, als würde das System kollabieren. Polizisten liefen zu den Demonstranten über. Wie konnte Lukaschenko das stoppen?

Es gibt keine Möglichkeit für andere politische Führer, ihre Meinung zu äussern. Sie enden im Gefängnis oder sie sind tot. All den Kandidaten bei der Wahl drohen Gefängnisstrafen von 30 bis 40 Jahren. Lukaschenko hat alle unabhängigen Massenmedien abgeschafft. Er hat alle unabhängigen Menschenrechtsorganisationen geschlossen. Es verschwinden auch Leute. Und für kleinste Vergehen gibt es saftige Bussen. Stellen Sie sich vor: Sie verdienen 500 Franken im Monat und dann flattert plötzlich eine Busse über 1500 Franken rein. Aber wir glauben, dass sich das alles bald ändern wird. Man kann ein Land nicht ohne die Unterstützung der Menschen regieren.

Was macht Sie so zuversichtlich, dass Lukaschenko vor dem Aus steht?

Wir glauben, dass sich seine Bewacher irgendwann von ihm abwenden und ihn verhaften werden. Das sind normale Menschen, genau wie wir. Sie kennen das Leben. Lukaschenko kennt es nicht. Irgendwann werden die Menschen um ihn herum ihn einfach verhaften. Einfach als Verbrecher. Wir haben eine Initiative gestartet und gesammelt: Wir zahlen jenen, die Lukaschenko verhaften und in die EU bringen, 11 Millionen Euro.

Was soll Europa tun?

Die EU ist sehr nachsichtig mit Lukaschenko. Wir haben die europäischen Institutionen gebeten, ihn vor Gericht zu stellen. Und wenn er jetzt europäische Bürger bedroht, ist die Zeit der Diplomatie vorbei. Er versteht die Sprache der Diplomatie sowieso nicht. Man kann mit ihm nicht verhandeln.

Und wie lässt sich das menschenunwürdige Flüchtlingsdrama an der weissrussisch-polnischen Grenze stoppen?

Lukaschenko hat dieses Problem kreiert, indem er die Menschen ins Land geholt hat. Ich sage es noch einmal: Mit Lukaschenko kann man nicht verhandeln. Seine Versprechungen gelten nichts. Er wird alles machen, um an der Macht zu bleiben. Er ist zu einer Bedrohung für die internationale Gemeinschaft geworden.

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