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IRAN: Frauen protestieren mit offenem Haar gegen Bevormundung

Das Foto einer jungen Frau in Teheran, die ihr weisses Kopftuch ablegte und wie eine Fahne an einem Stock schwenkte, ging um die Welt. Nun findet ihr Beispiel Nachahmerinnen im ganzen Land – mit vorsichtiger Unterstützung des Präsidenten.
Martin Gehlen, Tunis
Ikonisch: Mit dieser Geste sorgte die Iranerin Vida Movahed weltweit für Aufsehen. (Bild: Screenshot CBC (Teheran, 27. Dezember 2017))

Ikonisch: Mit dieser Geste sorgte die Iranerin Vida Movahed weltweit für Aufsehen. (Bild: Screenshot CBC (Teheran, 27. Dezember 2017))

Martin Gehlen, Tunis

Sie gilt im Iran inzwischen als Ikone. Die 31-jährige Vida Movahed machte Ende Dezember während der landesweiten Un­ruhen Furore, als sie sich mit ihren langen offenen Haaren ­kerzengerade an der stark befahrenen Enghelab-Strasse in der Hauptstadt Teheran auf einen Stromkasten stellte und ihr weisses Kopftuch stumm auf einen Stock gespiesst in die Luft hielt.

Wenig später wurde die mutige junge Mutter eines Säuglings verhaftet, blieb vier Wochen wie vom Erdboden verschluckt. Inzwischen ist sie nach Angaben ihrer Anwältin wieder zu Hause, offenbar jedoch so schwer ein­geschüchtert, dass sie sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigt. Stattdessen findet ihr Beispiel nun Nachahmerinnen im ganzen Land. Jeden Tag klettern iranische Frauen demonstrativ auf Telekomverteiler, Strassenpoller oder Parkmauern und schwenken ihr Kopftuch als Zeichen des Protests – junge, modern Gekleidete genauso wie tief verschleierte Konservative.

4000 Verhaftungen zu Beginn des Jahres

Wie ein Lauffeuer verbreiten sich die Fotos und Videos der Frauen in den sozialen Medien der Iranischen Republik. Eine junge Frau in Jeans postierte sich direkt gegenüber einer Kaserne der Basij-Milizen, die neben den Revolutionären Garden zu dem Rückgrat des Gottesstaates gehören. Aus der konservativen Pilgermetropole Mashad stammt das Foto einer Iranerin im schwarzen Tschador, die von ihrem Podest aus mit einem Kopftuch am Stock für Wahlfreiheit wirbt, während ihr von der anderen Strassenseite ein Polizist zusieht. Ein anderes Video zeigt eine betagte Dame, die in einem verschneiten Park mühsam auf den Rand eines Brunnens kletterte, ihr weisses Kopftuch auf den Krückstock steckte und es durch die eisige Luft wedelte.

Auch wenn das Regime den landesweiten Aufruhr gegen Korruption, Arbeitslosigkeit und soziale Misere am Anfang des Jahres mit fast 4000 Verhaftungen zunächst einmal niederschlagen konnte, gärt es in der Islamischen Republik weiter.

Junge haben genug von Repression

Immer mehr Frauen begehren auf gegen die Bevormundung durch den Gottesstaat, allen vor­an gegen den im März 1979 von Staatsgründer Ajatollah Khomeini eingeführten Kopftuchzwang. Nach offiziellen Angaben wurden allein im Jahr 2014 rund 3,6 Millionen Iranerinnen von der Sittenpolizei wegen Verstössen gegen die ultra­orthodoxe Kleiderordnung verwarnt, festgenommen oder mit bis zu zwei Monaten Gefängnis bestraft – eine Repression, die junge Leute zunehmend gegen ihre Heimat aufbringt. Und so schlug sich der relativ moderate Präsident Hassan Rohani jetzt vorsichtig auf die Seite des Nachwuchses.

«Die Menschen haben Recht, wenn sie fordern, wir sollten stärker auf sie achten, ihnen zuhören und auf ihre Forderungen ein­gehen», sagte der 69-Jährige Anfang der Woche in seiner Rede zum 39. Jahrestag der Islamischen Revolution von 1979. «Die Ansichten der Jugend vom Leben und von der Welt sind anders als die von uns Älteren.» Die neue Welle des zivilen Ungehorsams sei mindestens genauso wichtig wie die Demonstrationen vor vier Wochen, wenn nicht sogar wichtiger, pflichtete eine Tehe­raner Sozialwissenschafterin ihrem Regierungschef bei, die aus Angst vor Repressionen anonym bleiben will.

Hardliner des Regimes sind alarmiert

Irans Generalstaatsanwalt Mohammad Jafar Montazeri dagegen gab sich demonstrativ gelassen, tat die Protestaktionen als kindisch und bedeutungslos ab und behauptete, das Ganze sei nur von Provokateuren aus dem Ausland inszeniert.

In Wirklichkeit jedoch sind die Hardliner des Regimes alarmiert, weil sich das Aufbegehren immer schneller ausbreitet und über die sozialen Medien in allen Winkeln der Nation Resonanz findet. Und so griff die Polizei in den vergangenen Tagen härter durch, verhaftete nach Angaben iranischer Nachrichtenagenturen insgesamt 29 Frauen, um aus Sicht der Justiz dem Spuk ein Ende zu machen.

«Die Iranerinnen haben es seit langem satt – die Verachtung, die Beleidigungen und die Drohungen», zitierte dagegen das US-­amerikanische Nachrichtenportal BuzzFeed Nasrin Sotoudeh, eine der führenden Menschenrechtsanwältinnen der Islamischen Republik. Die Reaktion der Regierung könne sie nicht vorhersagen, erklärte sie, «aber ich gebe ihr den Rat, das Recht der Frauen anzuerkennen, ihren Körper zu kontrollieren und ihre Kleidung selbst zu wählen».

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