IRAN: Land ohne fliessende Gewässer

Das zentralasiatische Land steht vor einer Öko-Katastrophe. In manchen Dörfern sind die Brunnen versiegt. Doch der Wassermangel sei ein menschengemachtes Problem, sagen Experten – und könnte von der Politik behoben werden.

Martin Gehlen
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Mit einer Dieselpumpe betriebener Tiefbrunnen nahe der ausgetrockneten Bahtargar-Seenplatte in der Provinz Pars. (Bild: Katharina Eglau (Pars, 16. Juli 2016))

Mit einer Dieselpumpe betriebener Tiefbrunnen nahe der ausgetrockneten Bahtargar-Seenplatte in der Provinz Pars. (Bild: Katharina Eglau (Pars, 16. Juli 2016))

Martin Gehlen

Hier ist sein Paradies. Stolz steht Mehdi Anjou Shoaa zwischen den Pistazienstöcken und mustert seine Lieblinge. Einige sind mehr als 200 Jahre alt, zwölf Jahre braucht eine Jungpflanze, bis sie die volle Ernte gibt. Ein ganzes Leben lang haben die zähen Wundergewächse ihn und seine Familie ernährt. 40 Hektar gehören dem 65-Jährigen, andere im Dorf Abbad-e-Robat bewirtschaften auch das Doppelte. Säuberlich und in langen Reihen stehen die Bäumchen mit den gelb-roten ovalen Früchten, deren Nüsse neben dem Rohöl das wichtigste Exportprodukt der Islamischen Republik sind.

Aus der Ferne schnauft eine Wasserpumpe, zwischen dem Blattwerk tummeln sich lärmend ein paar Vögel. «Ich werde meine Plantage wohl verlieren», murmelt er, streichelt zärtlich über die Zweige und erzählt, wie er sich jeden Abend beim Essen mit seinen beiden Söhnen den Kopf über die Zukunft zerbricht. Doch eine Lösung, um die Apokalypse abzuwenden, haben die drei nicht. Der eine Tiefbrunnen, der ihre Plantage bewässert, wird schwächer und salziger. Früher erntete Mehdi Anjou Shoaa acht Tonnen der Sorte Kalleghoochi, heute ist es noch die Hälfte. Die Ernte bringt ihm pro Jahr 20 000 Euro ein. Die 120 000 Euro für eine moderne Tröpfchenbewässerung, mit der er seinen geliebten Pflanzen wieder eine Zukunft geben könnte, hat er nicht, er kann sie auch nicht erwirtschaften. «Wir haben jahrelang viel zu viel Grundwasser verbraucht», sagt er. «Und jetzt bekommen wir die Quittung.»

Bauern fürchten um ihre Existenz

Mehdi Anjou Shoaa ist kein Einzelfall. Zehntausende Bauern fürchten wie er um ihre Existenz. In der südlichen Provinz Kerman musste bereits ein Drittel aller Pistazienbetriebe aufgeben. Ganze Regionen des Irans drohen zu verkarsten und unbewohnbar zu werden, denn die Islamische Republik lebt seit langem weit über ihre ökologischen Verhältnisse hinaus. Mit den jährlich verfügbaren 100 Milliarden Kubikmetern Wasser wird rücksichtsloser Raubbau getrieben. Die UNO empfiehlt ihren Mitgliedstaaten, 20 Prozent der erneuerbaren Wassermenge zu nutzen; die ökologisch rote Linie liegt bei 40 Prozent. 60 Prozent Verbrauch bedeutet Wasserstress, 80 Prozent kritische Wasserkrise. Der Iran dagegen entnimmt seinen Reservoirs 110 Prozent, dreimal mehr als das gerade noch verkraftbare Maximum. Es handelt sich um eine Ausbeutung, für die es in der internationalen Klassifikation gar keine Kategorie gibt.

Bei den Ursachen der Katastrophe kommt vieles zusammen. Experten wie der Botaniker Hossein Akhani nennen vor allem den Boom bei den Staudämmen. Existierten am Ende der Schah-Zeit im Jahr 1979 nur 18, sind es mittlerweile 647 – plus weitere 680 in Bau oder in Planung. Jeder Fluss im Iran ist inzwischen x-mal gestaut. Pärke und Alleebäume im «grünen Teheran» werden aus fünf künstlichen Becken gespeist. «Wir sind ein Land ohne fliessende Gewässer», sagt der 51-jährige Wissenschaftler. Zusätzlich saugen landesweit 780 000 Brunnen die unterirdischen Aquifers leer, deren Pumpen zur Hälfte illegal sind.

Fliessendes Quellwasser und lauschige Gärten gehören zum persischen Selbstbild, genauso wie die nicht versiegenden Wasserhähne zu Hause, obwohl sich der Iran das längst nicht mehr leisten kann. 90 Prozent des Wassers geht in die Landwirtschaft, 10 Prozent werden zum Trinken und für die Industrie gebraucht. Die Bevölkerung hat sich seit der Islamischen Revolution 1979 von 33 auf 80 Millionen mehr als verdoppelt, die landwirtschaftliche Produktion vervierfacht. Und die Verschwendung ist astronomisch, weil Wasser praktisch nichts kostet. Der Pro-Kopf-Verbrauch ist doppelt so hoch wie im Weltdurchschnitt.

Die meisten Plantagen im Land werden traditionell mit offenen Kanälen versorgt. Nirgendwo existieren Kläranlagen, die Abwasser wieder zu Trinkwasser aufbereiten können. Durch den Klimawandel stiegen die Durchschnittstemperaturen im Iran mit 1,5 bis 2,0 Grad Celsius doppelt so stark wie im globalen Durchschnitt, während die jährliche Regenmenge um 20 Prozent sank. Den Rest gaben der ökologisch gestressten Nation die internationalen Sanktionen und die sogenannte «Widerstandsökonomie», die auf eine maximale Selbstversorgung setzte.

In den am schlimmsten betroffenen Regionen im Osten, Süden und im Zentraliran schmeckt das Grundwasser bereits salzig. Seen und Auen trocknen aus, Flüsse führen kein Wasser mehr. Kilometerweit bricht das Erdreich über den ausgeplünderten Aquifers ein, immer heftigere Sandstürme toben übers Land. Spektakulärstes Beispiel ist der ruinierte Urumieh-See im Nordwesten, der längst kein Einzelfall mehr ist. In seinem jüngsten Buch veröffentlichte der Botaniker Hossein Akhani eine eigene Foto­sequenz von der ausgetrockneten Bahtargar-Seenplatte in der südlichen Provinz Pars, wo er wegen eines plötzlichen Staubtornados binnen dreissig Minuten seine eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Ausflugsboote und Touristen gibt es auf dem zweitgrössten Ex-Binnengewässer seit Jahren nicht mehr.

Das einstige Zugvogel-Paradies nahe der Stadt Shiraz gleicht heute einer weissen, salzigen Mondlandschaft, umrahmt von tiefbraunen Bergen. Trotzdem machen die Bauern in der Umgebung weiter, als sei nichts geschehen. Nur zwanzig Kilometer entfernt wird sogar Reis angepflanzt, obwohl das streng verboten ist. Büsche mit Granatäpfeln stehen bis an die ausgedörrten Ufer, weil ihre Besitzer aus den immer tieferen Brunnen noch die letzten Tropfen herausholen.

«Was sollen wir machen, wir können nirgendwo hin», sagt der Vorsteher des Dorfes Sang-e-Kar. 15 der 80 Familien haben bereits aufgegeben und sind weggezogen. Die übrigen saugen, von den Behörden ungehindert, mit rund hundert illegalen Dieselpumpen die einzige noch nicht versalzene Quelle leer, deren Fluss einst den See mit Wasser speiste.

Seit dem Amtsantritt von Präsident Hassan Rouhani im Jahr 2013 ist der Wassernotstand zum ersten Mal Chefsache. Mit einem nationalen Wasserplan will die iranische Führung den Verbrauch in den nächsten 20 Jahren zumindest auf das UN-Niveau von 60 Prozent, also höchstem Wasserstress, senken. Doch das sei viel zu wenig und viel zu langsam, bemängeln Kritiker. «Wir müssen rasch harte Entscheidungen fällen, sonst verlieren wir alles», argumentiert Ex-Landwirtschaftsminister Issa Kalantari, der als einer der besten Kenner der Materie gilt. Den Einwand, ein derart rabiater Sparzwang erzeuge soziale Unruhen, lässt er nicht gelten. Die Existenz des Landes stehe auf dem Spiel, die Islamische Republik laufe Gefahr, dass in den kommenden zwei Jahrzehnten ein Dutzend ihrer 31 Provinzen unbewohnbar wird. Da bleibt in seinen Augen keine Zeit mehr für lange Diskussionen.

Das sehen auch Plantagenbesitzer Soheil Sharif und seine Agrarmanagerin Mahdieh Khezri Nezhad so. Beide gehören zu den wenigen, die ihre Zukunft bereits in die Hand genommen haben. Unter den Pistazienfarmern von Sirjan, einer 300 000-Einwohner-Stadt, die eine Autostunde von Kerman entfernt liegt, sind sie Pioniere. Die Hälfte des 300-Hektar-Familienbetriebs hat bereits auf Tröpfchenbewässerung umgestellt. Die Felder sind durchzogen mit daumendicken, schwarzen Leitungen, die 30 Zentimeter tief verlegt das Wurzelwerk der wertvollen Bäume nach einem exakten Plan versorgen.

Gesteuert wird das feuchte Netzwerk durch einen Computer, eine Satellitenschüssel überträgt alle Daten in die 15 Kilometer entfernte Bürozentrale. Aus allen Himmelsrichtungen kommen mittlerweile Kollegen, um sich den Vorzeigebetrieb anzusehen. Der Landwirtschaftsminister aus Teheran war so beeindruckt von dem Projekt, dass er seinen sämtlichen Staatssekretären auftrug, nach Sirjan zu reisen.

Ernte steigt mit sinkendem Wasserverbrauch

Staatliche Zuschüsse, wie sie die Regierung in Aussicht stellt, hat der Betrieb nie gesehen. «Die Regierung hat kein Geld, das steht nur auf dem Papier», sagt Soheil Sharif und rechnet vor, dass er bisher eine halbe Million Euro investiert hat. Seitdem ist auf den Feldern der Wasserverbrauch um 60 Prozent gesunken und die Ernte um 40 Prozent gestiegen. Nach drei Jahren, kalkuliert der gelernte Agrarökonom, hat sich das Geld amortisiert.

Soheil Sharif und Mahdieh Khezri Nezhad zählen zu den Grossen ihrer Branche, beim Gespräch servieren sie daheim geröstete Pistazien in Zartrosa. «Wir haben uns Zeit gekauft», erläutern sie, «aber der Missbrauch der Mehrheit wird auch uns beeinträchtigen.» 80 Prozent der Bauern in Sirjan wollen bei ihrer traditionellen Bewässerung bleiben. Einige Dörfer in der Umgebung mussten bereits aufgeben, weil die Brunnen versiegt sind. «Das Ganze ist ein Desaster von Menschenhand», sagt Soheil Sharif. «Wenn die anderen ihre Einstellung nicht ändern, werden wir alle zusammen untergehen.»

Bild: Grafik: Luzerner Zeitung

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