Saudi-Arabien - Iran
Iran nach Massenpanik in Mekka: «Wir haben uns bisher zurückgehalten»

Die Zahl der bei der Massenpanik getöteten Iraner hat sich fast verdoppelt. Revolutionsführer Chamenei droht nun mit einer «harschen Antwort».

Michael Wrase, Beirut/Teheran
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Aufgebrachte Angehörige der getöteten Iraner lassen vor der saudischen Botschaft in Teheran ihrem Zorn freien Lauf.

Aufgebrachte Angehörige der getöteten Iraner lassen vor der saudischen Botschaft in Teheran ihrem Zorn freien Lauf.

Keystone

Bei der tödlichen Massenpanik im saudischen Mina sind nach offiziellen iranischen Angaben nicht 241, sondern 464 Iraner ums Leben gekommen. Die dramatische Erhöhung der Opferzahlen erklärt sich dadurch, dass 225 Iraner, die nach der Katastrophe am Donnerstag letzter Woche als vermisst galten, von den Teheraner Behörden nun für tot erklärt wurden.

Da die Leichen der zu Tode getrampelten Iraner bisher nicht in ihre Heimat überführt wurden und Saudi-Arabien es gleichzeitig ablehnt, die Verantwortung für das Unglück zu übernehmen, hat sich der Ton zwischen Teheran und Riad deutlich verschärft.

Die Islamische Republik habe sich bisher zurückgehalten und den in der islamischen Welt gebotenen Anstand gewahrt. Sollte Saudi-Arabien aber seinen Pflichten jetzt nicht nachkommen, dann werde das Land «die überlegene iranische Hand zu spüren bekommen», drohte Irans Revolutionsführer Ali Chamenei am Mittwoch. Im Falle einer «harschen iranischen Antwort» werde sich die Lage Saudi-Arabien erheblich verschlechtern.

König Salmans Ruf ist angekratzt

Als selbst ernannter «Hüter der heiligen Stätten» von Mekka und Medina kann es sich König Salman eigentlich nicht leisten, die Vorwürfe aus Teheran zu ignorieren. Sollte der Monarch es nicht schaffen, die Ursachen für die schlimmste Katastrophe bei der Pilgerfahrt seit 25 Jahren aufzuklären, dann dürfte sein Ruf in der gesamten islamischen Welt erheblichen Schaden nehmen. Anzeichen für eine selbstkritische Aufarbeitung des Unglücks, bei dem nach iranischen Schätzungen nicht 769, sondern mehr als 4000 Pilger ums Leben kamen, gibt es bisher nicht. Noch immer behauptet Riad, die Iraner hätten die Massenpanik selbst ausgelöst.

Regierungsnahe Kreise in Libanon bestätigen dagegen Augenzeugenberichte, nach denen die saudischen Behörden den Pilgerstrom mehr als eine Stunde lang aufgehalten hätten, um Ehrengästen aus dem Ausland und saudischen Prinzen die sogenannte Steinigung des Teufels im Tal von Mina ohne das übliche Gedränge zu ermöglichen. Unter den bevorzugten Pilgern sei auch ein ehemaliger libanesischer Ministerpräsident gewesen. Nachdem die erschöpften, bei über 40 Grad im Schatten wartenden Pilger ihre Wallfahrt fortsetzen durften, wurde ihr Weg offenbar von zurückkehrenden Pilgern blockiert.

Unglück politisch ausgeschlachtet

Vieles deutet daraufhin, dass Riad bei seiner «offiziellen» Darstellung, wonach Iraner für die Katastrophe verantwortlich sind, bleiben wird. Die Türkei und andere sunnitische Staaten in der islamischen Welt haben König Salman bereits in Schutz genommen und Iran vorgeworfen, die Katastrophe zu seinen Gunsten politisch auszuschlachten. Dies trifft aber zu einem geringen Teil zu. In Teheran demonstrieren jeden Tag Tausende von Angehörigen vor der saudischen Botschaft. Sie wollen ihre auf der Pilgerfahrt getöteten Liebsten beerdigen. Entsprechend hoch ist der Druck auf die Regierung, von der «Reaktionen» verlangt werden. Die «Araber», heisst es, müssten bestraft werden.

Vermutlich werden es die Iraner zunächst bei Warnungen belassen. Schon jetzt lässt sich aber sagen, dass die sich verschärfende Krise zwischen Teheran und Riad auch ihren Schatten auf die Krisenherde im Nahen Osten werfen wird. Eine diplomatische Lösung wird durch die Tragödie von Mina weiter erschwert.