Kann die USA den Iran «finanziell austrocknen»?

Mit neuen Sanktionen, die am 4. November in Kraft treten, wollen die USA die iranischen Ölexporte «auf null» bringen. Ziel der Trump-Regierung ist eine «Verhaltensänderung» in Teheran.

Michael Wrase, Limassol
Merken
Drucken
Teilen
Der iranische Präsident Hassan Rouhani bei einer Rede vor dem iranischen Parlament. Bild: Ebrahim Noroozi/AP (Teheran, 27. Oktober 2018)

Der iranische Präsident Hassan Rouhani bei einer Rede vor dem iranischen Parlament. Bild: Ebrahim Noroozi/AP (Teheran, 27. Oktober 2018)

Es war kein Zufall, dass die USA den 4. November für eine drastische Verschärfung der bestehenden Sanktionen gegen den Iran gewählt haben. Vor genau 39 Jahren hatten an diesem Tag iranische Studenten die US-Botschaft in Teheran besetzt und die Diplomaten 444 Tage als Geiseln ­gehalten. Die traumatischen Ereignisse von damals, die tiefe ­Demütigung durch das Khomeini-Regime wurde in Washington weder vergessen noch vergeben.

Im Gegensatz zu Barack Obama, der mit der Unterzeichnung des Atomabkommens eine Wiederannäherung zum Iran anstrebte, setzt die Regierung von Donald Trump erneut auf Konfrontation: Mit dem weltweiten Importstopp von iranischem Öl, der am kommenden Sonntag in Kraft tritt, soll der Iran «finanziell ausgetrocknet» werden. Gegen Staaten, die dem nicht Folge leisten, werden ab dem 4. November ebenfalls Sanktionen verhängt. Proklamiertes erklärtes Ziel der Trump-Administration ist eine «Verhaltensänderung» in Teheran; tatsächlich angestrebt wird jedoch ein «Regime Change» in der Islamischen Republik, die im Februar 2019 den 40. Jahrestag ihrer Revolution feiern will.

Wird es den USA tatsächlich gelingen, die iranischen Öl­exporte «auf null» zu bringen?

Nein. China, Russland, die Türkei und einige asiatische Staaten wollen weiterhin iranisches Öl kaufen. Um die Verluste einzudämmen, hat Teheran zudem begonnen, über seine Energiebörse Öl zu reduzierten Preisen an private Kunden zu verkaufen. Dennoch dürfte sich das iranische Exportvolumen durch die Sanktionen vermutlich halbieren. Ob eine von der EU geplante «Zweckgesellschaft», die westlichen Unternehmen Tauschgeschäfte mit dem Iran (Öl gegen Waren) ermöglichen soll, die Sanktionen «abfedern» kann, ist im Moment noch unklar. Dank Devisenreserven von rund 100 Milliarden Dollar könnte der Iran allerdings auch ohne Ölverkäufe eine Zeit lang überleben.

Welche Folgen haben die Sanktionen im Iran?

Hauptleidtragende sind die ­einfachen Bürger und nicht das Regime. Die Landeswährung Rial hat gegenüber dem Dollar im letzten halben Jahr fast 70 Prozent ihres Wertes verloren. Die Preise für Reis, Mehl, Tee, Eier, Trockenfrüchte und andere Grundnahrungsmittel haben sich verdreifacht. Das Gespenst der Inflation und Stagnation ist ­zurück. Für die schwere Wirtschaftskrise macht die Bevölkerung im Moment nicht die USA, sondern das Regime selbst verantwortlich, dem man völlig zu Recht Korruption und Vetternwirtschaft vorwirft. Strassenproteste der Bevölkerung werden bisher aber geduldet. Von der ­erwarteten Verschärfung der ­Krise dürften vor allem die Hardliner profitieren. Sie hatten das im Mai dieses Jahres von Donald Trump gekündigte Atomabkommen ihres Landes mit dem Westen von Anfang an abgelehnt. Ein Bruch des von den Unterzeichnern als historisch gepriesenen Vertragswerkes benötigt jedoch den Segen von Revolutionsführer Al Khamenei, der an dem Abkommen festhält.

Könnte der Iran seine Drohung, die Strasse von Hormuz zu schliessen, wahrmachen?

Experten halten eine Sperrung der strategischen Meerenge mit militärischen Mitteln für unwahrscheinlich. Der Iran würde sich damit ins eigene Fleisch schneiden. Das Regime könnte allerdings die Drohkulisse aufrechterhalten, was einen weiteren Anstieg der Ölpreise zur Folge hätte. «Wenn wir leiden, dann werden dies auch die anderen», lautet die Devise der Hardliner, deren Zorn sich vor allem gegen Saudi-Arabien und Abu Dhabi, die engsten Verbündeten der USA am Persischen Golf, richtet.

Könnte der Mittlere Osten durch die Dynamik der sich verschärfenden Sanktionen gegen den Iran in einen neuen Krieg gezogen werden?

Die Gefahr besteht. Trotz seiner häufig martialischen Rhetorik dürfte der Iran den USA aber keinen Vorwand für militärische Interventionen geben. Sowohl das Regime in Teheran als auch die iranische Bevölkerung ist sich im Klaren darüber, welche verheerenden Folgen die «Regime Change»-Operationen der USA im Irak, in Syrien und Libyen ­bisher hatten und noch immer haben. Auch die USA sollten aus ihren Fehlern in der Region eigentlich gelernt haben und zu der Erkenntnis gelangt sein, dass militärische Interventionen das Chaos in der Region nur noch vergrössern. Der Mordfall Khashoggi könnte Washington zudem vor Augen geführt haben, dass Saudi-Arabien kein wirklich verlässlicher Partner ist – vor allem dann, wenn eine militärische Konfrontation mit dem Iran tatsächlich bevorsteht.