Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

IRAN: «Wir Iraner lieben das Leben, zu dem auch Leiden gehört»

Mit gemischten Gefühlen sehen die Iraner der in dieser Woche erwarteten Entscheidung über das Atomabkommen ihres Landes entgegen. Ein Augenschein im südiranischen Shiraz.
Michael Wrase, Shiraz
Junge Iranerinnen unterhalten sich vor dem Schapouri-Tee-Haus in Schiraz. (Bild: Michael Wrase)

Junge Iranerinnen unterhalten sich vor dem Schapouri-Tee-Haus in Schiraz. (Bild: Michael Wrase)

Michael Wrase, Shiraz

Vahed ist «stinksauer», als ihm am Freitagmorgen in der Karim-Khane-Zand-Strasse von Shiraz der neueste Euro-Kurs zugerufen wird: «65 000 Rial» – das sind 5000 Rial mehr als vor einer Woche und fast 15000 Rial mehr als noch vor einem Monat. Eigentlich wollte der untersetzte Mittvierziger während des bevorstehenden Fastenmonats Ramadan mit einigen Freunden nach Belgrad reisen. 900 Euro hätten Flug und Hotel für fünf Tage kosten sollen. Dazu wäre noch das «Taschengeld für das Unterhaltungsprogramm gekommen», raunt er mir augenzwinkernd zu. Nach dem dramatischen Kursverfall der Landeswährung Rial müsse er die Reise nun absagen.

«Und das haben wir Donald Trump zu verdanken», schimpft Vahed, der im Vakili-Basar von Shiraz in Usbekistan gefertigte Tischtücher und Kopfkissenbezüge verkauft. Eigentlich laufe das Geschäft recht gut. Die aus allen Teilen Europas und Asien kommenden Touristen liessen sich von dem «Wahn­sinnigen im Weissen Haus» nicht ab­schrecken. Seit dem Amtsantritt des – für iranische Verhältnisse – liberalen Staatspräsidenten Hassan Rohani vor fünf Jahren erlebe das Land einen «regelrechten Touristenboom». Die gestiegenen Einnahmen der Basaris würden aber von der galoppierenden Inflation wieder aufgefressen.

Wut über die amerikanische Politik

«Trump will uns erdrosseln, dem Land mit immer neuen Sanktionen und Störmanövern die Luft zum Atmen nehmen», versucht Sepideh die politische Lage vor der am kommenden Samstag erwarteten Entscheidung der USA über das iranische Atomabkommen zu analysieren. Die junge Frau arbeitet in der medizinischen Forschung, die unter den Sanktionen der USA besonders zu leiden hat. «Mit seiner aggressiven Politik» ­träfe Trump aber nicht die Teheraner ­Regierung, was sie nicht weiter stören würde, sondern das überwiegend arme Volk. «Es leidet unter fehlenden Medikamenten, steigenden Preisen in allen Bereichen sowie Arbeitslosigkeit als Folge der Wirtschaftskrise», betont Sepideh empört. «Trump», fügt sie wütend gestikulierend hinzu, «trifft die Falschen. Und zwar in voller Absicht.»

Wir trafen Sepideh auf dem in eine Fussgängerzone verwandelten Avitar-Boulevard von Shiraz, wo am gestrigen Samstag ein Strassenfest veranstaltet wurde. Zivilgesellschaftliche Gruppen werben dort für besseren Umweltschutz. Ein Oud-Spieler singt, von wilden Trommelschlägen begleitet, ein populäres Volkslied, in das die Vorbeiflanierenden begeistert mit einstimmen. Kleine Kinder lassen sich von Kunststudentinnen die Gesichter bemalen, während ihre Mütter im nahen Kaffeehaus eine Wasserpfeife rauchen.

Ausweichmanöver und kleine Kompromisse

Es herrscht eine heitere, ausgelassene Stimmung – trotz der dunklen Wolken am politischen Horizont. «Wir Iraner lieben das Leben, zu dem gerade in unserer Kultur mitunter auch das Leiden gehört», erklärt Haschem. Der 33 Jahre alte Iraner arbeitet seit fünf Jahren im französischen Dijon als Augenarzt. Gemeinsam mit seiner Freundin Simin verbringt er in Shiraz die «Frühsommerferien». Von der «gelösten Atmosphäre» sei auch er überrascht gewesen, gesteht Haschem, während er auf seinem Smartphone eine über die Messenger-App «Telegramm» gekommene Botschaft liest.

Die wurde vor fünf Tagen zwar von der iranischen Justiz gesperrt. Ihre Aufgabe soll eine von frommen Hardlinern entwickelte «App» namens «Soroush», was auf Deutsch übersetzt die «Stimme des Gewissens» heisst, übernehmen. Die Chancen, dass die eher bieder wirkende «App» im Iran Marktführer werde, seien jedoch gering, glaubt Haschem. Die meisten Iraner würden ­weiterhin über einen verschlüsselten «VNP-Tunnel (das sogenannte «Virtual Privat Networks») den von zwei Russen entwickelten Telegramm-Messenger-Dienst benutzen. Das wisse natürlich auch die Regierung, die in dieser politisch zu explosiven Zeit Konfronta­tionen zu vermeiden versuche, und «durchaus flexibel reagiere».

«Soll ich es Ihnen demonstrieren?», fragt Simin herausfordernd. Nach meinem zögernden Nicken nimmt die junge Frau ihr Kopftuch ab und spaziert völlig entspannt durch den Garten, der um den aus der Phalavi-Zeit stammenden Schapuri-Palast von Shiraz angelegt wurde. Niemand stört sich an der kleinen Demonstration. Um dennoch Ärger zu vermeiden, stecken viele Frauen ihr Kopftuch mittlerweile am Hinterkopf fest. Mit diesen «kleinen Kompromiss», erklärt Simin, sei der Blick des Betrachters auf die (fast) volle Haarpracht garantiert. Und nur auf den käme es schliesslich an.

Es ist inzwischen Abend geworden. In den Gärten um das Mausoleum des persischen Nationaldichters Hafes haben sich iranische Männer und Frauen zu einem kleinen Picknick zusammengefunden: Es gibt Gurken, Datteln und Pistazien, dazu ein Glas stark gesüssten Tee. Nachdem ich hinzugewunken wurde, sind wir schnell beim alles beherrschenden Thema. «Trump», da ist sich die Gruppe einig, wolle, wie Bush vor 15 Jahren im Irak, den «Regime Change» in Teheran. Während ein Teil der Gruppe «Korrekturen an der Spitze für sinnvoll» hält, befürchtet der andere Teil, dass die sich verschärfende Konfrontation mit den Amerikanern die fundamentalistischen Hardliner in der iranischen Hauptstadt stärken könnte.

Aussätzige in einer regionalen Supermacht

«Das war nach dem achtjährigen Krieg gegen den Irak (von 1980 bis 1988) nicht anders», erinnert Abbas. Der braun gebrannte Mann ist mit seinen 64 Jahren der «Oldtimer» der Gruppe. «Unser Land hatte damals fast kein Öl verkauft und behauptete sich trotzdem», erzählt er den Jungen, die aufmerksam zuhören. «Nicht nur Saddam Hussein, sondern fast die ganze Welt war gegen uns», was sich heute, «nachdem der Iran eine regionale Supermacht ist», grundlegend geändert habe.

«Wie Aussätzige werden wir dennoch behandelt», gibt eine junge Studentin zu bedenken. Es falle ihr schwer, gesteht sie mit leiser Stimme, «angesichts des ständigen politischen Drucks von aussen und innen optimistisch in die Zukunft zu blicken». Die meisten in der «Hafizieh» pflichten ihr bei. Den Blick auf das Grabmal ihres Idols gerichtet, stimmen sie ein melancholisches Lied an, dem wenig später ein heiteres folgt.

Hinweis

Autor Michael Wrase begleitet derzeit eine Reisegruppe als Fachreferent durch den Iran.

Ein Kind lässt sich während eines Strassenfests schminken. (Bild: Michael Wrase)

Ein Kind lässt sich während eines Strassenfests schminken. (Bild: Michael Wrase)

Eine Iranerin checkt ihr Smartphone; das Bild entstand Ende März in Teheran. (Bild: Abedin Taherkenareh/EPA)

Eine Iranerin checkt ihr Smartphone; das Bild entstand Ende März in Teheran. (Bild: Abedin Taherkenareh/EPA)

Bild: Grafik: jn

Bild: Grafik: jn

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.