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IRAN: Zwischen Trauer und Tapferkeit

Die Islamische Republik stand die vergangenen Wochen ganz im Zeichen der Trauer um den Prophetenenkel Hussein. Sie schöpfte aber auch neue Zuversicht. Eindrücke einer zehntägigen Reise durch den Iran.
Michael Wrase, Iran
«Euer Blut ist nicht umsonst geflossen»: Porträt eines gefallenen Soldaten aus dem Ersten Golfkrieg in der zentraliranischen Stadt Yazd. (Bild: Michael Wrase (15. November 2017))

«Euer Blut ist nicht umsonst geflossen»: Porträt eines gefallenen Soldaten aus dem Ersten Golfkrieg in der zentraliranischen Stadt Yazd. (Bild: Michael Wrase (15. November 2017))

Michael Wrase, Iran

Yazd trägt Schwarz. Das «Arbain»-Fest, welches die 40-tägige Trauerperiode für den schiitischen Imam Hussein beendet, und der Todestag des Propheten Mohammed liegen in diesem Jahr nur wenige Tage auseinander. Vor dem imposanten Amir-Chakmak-Portal im Zentrum der zentraliranischen Stadt wurden die überlebensgrossen Porträts von Märtyrern aus dem Krieg gegen den Irak aufgehängt. Vor mehr als 30 Jahren hatten sich die jungen Männer als sogenannte Frontfreiwillige den besser ausgerüsteten Truppen von Saddam Hussein entgegengestellt.

«Ihr Blut ist nicht umsonst geflossen», erinnern Spruchbänder die Passanten. Dass die Märtyrer-Bilder zum Arbain-Fest angebracht wurden, sei «kein Zufall», beginnt Mohsen, unser Guide, einer Gruppe Schweizer Touristen die Leidensgeschichte des schiitischen Imam Hussein zu erklären. Wie die jungen Soldaten im Ersten Golfkrieg sei auch der Enkel des Propheten Mohammed von einer «Übermacht arabischer Ungläubiger» niedergemetzelt worden. Unter der Niederlage in der Schlacht bei Kerbela im Jahre 680, die die Spaltung des Islam in Schiiten und Sunniten endgültig besiegelte, würden die Schiiten bis heute leiden, erklärt Mohsen.

Gleichzeitig schöpften die Schiiten aber auch Kraft und Zuversicht aus «dieser Tragödie». Ihr Selbstverständnis ist das einer Opferrolle, in der sich die Schiiten bis heute sehen – einer Opfer­rolle, die anlässlich des Todestages von Imam Hussein jedes Jahr aufs Neue mit gewaltigen Massen­prozessionen kultiviert wird. Auch in Yazd waren Tausende von Iranern durch die Strassen gezogen. Im Rhythmus dumpfer Trommelschläge schlagen sich die Gläubigen mit der offenen Handfläche auf die Stirn, um so die Leiden des Husseins nachzuempfinden. Wer es sich leisten konnte, ging jedoch in den Irak, nach Kerbela, wo in diesem Jahr mehr als 25 Millionen Schiiten zum Schrein des Imam Hussein pilgerten. Ein Viertel von ihnen sollen Iraner gewesen sein. Zum Arbain-Fest hätten sich fast drei Millionen Gläubige in der ira­kischen Stadt versammelt, weit mehr als in Mekka, berichten die iranischen Staatsmedien stolz.

Anteil am Sieg gegen die IS-Terrormiliz

Bilder der beeindruckenden Mas­senaufmärsche veröffentlichte die rechtskonservative «Tehran Times» auf ihrer Frontseite und schrieb: «Kerbela repräsentiert das wahre Gesicht des Islam, welches Frieden und Bruderschaft ist.» Auch wenn das Bild des Islam immer wieder durch Krieg und Gewalt getrübt werde, seien die Arbain-Aufmärsche letztendlich der Beweis dafür, dass der (schiitische) Islam eine friedliche Religion sei.

Die Aggressoren, lautet die versteckte Botschaft, waren seit der Frühzeit des Islam immer Sunniten gewesen. «Und das ist auch noch heute so», betont unser Führer mit fester Stimme. «Schauen Sie nach Saudi-Arabien oder nach Syrien, wo die sun­nitischen Dschihad-Kämpfer Schiiten wegen ihres Glaubens die Köpfe abschneiden.»

Ob sich die Geschichte jetzt wiederhole, will ein älterer Herr aus Solothurn wissen. «Nicht ganz», antwortet Mohsen lächelnd: «Wir sind jetzt stark genug, um uns zu wehren.» Trotz gewaltiger arabischer und westlicher Rückendeckung habe Saddam Hussein den Iran nicht besiegen können. Mehr als 30 Jahre später stehen iranische Soldaten im Irak und Syrien. Hätte man den IS nicht in seinen Ursprungsländern bekämpft, wäre die Terrormiliz, wie einst Saddam, in den Iran einmarschiert, begründet Revolutionsführer Ali Khamenei die «Vorwärtsverteidigung». Der andauernde Krieg in Syrien kostete mehr als 2000 Iranern das Leben. Lange wurde über ihr Schicksal geschwiegen, was in der Bevölkerung für Unmut sorgte.

Seitdem der sogenannte Islamische Staat den 25-jährigen Iraner Mohsen Hajoji enthauptete und das erschütternde Video von seiner Hinrichtung im Internet veröffentlichte, sind auch die im Syrienkrieg gefallenen iranischen Soldaten nicht mehr anonym. Wie einst der Imam Hussein bei Kerbela habe auch Mohsen Ho­jaji keine Furcht gezeigt, als ihn die Terroristen mit dem Schwert ­ermordeten, erklärt Mohsen ernst. Dass sein Tod der herrschenden Geistlichkeit durchaus gelegen kommt und propagandistisch ausgeschlachtet wird, verschweigt unser Guide.

Aus dem zentralasiatischen Turkmenistan kommend, hatten wir unsere Iran-Reise in Maschhad begonnen. Da bis zur Abfahrt des Nachtzuges nach Teheran nur ­wenig Zeit blieb, fuhren wir direkt zum Grabmal von Imam Reza, dem wichtigsten Heiligen der Schiiten. Die Frauen der Schweizer Reisegruppe erhalten am Eingang einen «Besucher-Tschador», den sie dank der vielen helfenden weiblichen Hände einigermassen korrekt anlegen.

Erst danach dürfen sie die riesigen Höfe um den Schrein betreten, die in der Trauerzeit für den Imam Hussein voll mit Pilgern sind. Dort bietet sich uns ein beeindruckendes Bild tiefer Spiri­tualität, aber auch Heiterkeit, familiärem Miteinander von herumrennenden Kindern mit ihren Vätern und Müttern. Sie haben sich auf Tausenden von Gebetsteppichen bequem gemacht, lächeln, meditieren oder weinen aus Dankbarkeit, den Schrein endlich erreicht zu ­haben, oft hemmungslos.

Hegemonialanspruch in der Golfregion

«Die Menschen kommen hierher, um mit dem Imam Reza zu sprechen», sagt Mohsen und zeigt auf eine Frau, die ihr Handy an das silberne Gitter des Grabmals hält, damit auch ihre zu Hause gebliebenen Angehörigen dem Imam ihre Sorgen und Nöte anvertrauen können. Tief ergriffen von der religiösen Harmonie verlassen die Besucher aus der Schweiz den riesigen Moscheenkomplex. Zeit zur Besinnung bleibt wenig.

Auf fast allen öffentlichen Plätzen wollen Iraner mit den Ausländern ins Gespräch kommen. Eine Schönheitschirurgin erzählt in fliessendem Französisch über den «Wahn» der Iraner, ihre Nasen zu verkleinern. Ein Student erkundigt sich nach Ar­beitsmöglichkeiten in der Schweiz, weil «wegen Trump und den Sanktionen» die Wirtschaft so nicht recht in Schwung komme. Auch der sich zuspitzende Kon­flikt mit Saudi-Arabien, «den ­Arabern», wie die Perser ihre westlichen Nachbarn etwas abfällig nennen, ist immer wieder Gesprächsthema.

Auch wenn Trump, dessen Ausfälle im Iran gerne mit denen des Ex-Präsidenten Ahmadinedschad verglichen werden, die Machthaber in Riad unterstützte, werde dies «an die wahren Machtverhältnissen am Persischen Golf» nicht verändern, verkündet Feresched, eine Studentin aus Schiras, selbstbewusst. Schliesslich lägen zwischen dem Iran, mit seiner 2500 Jahre alten Kultur, und dem «Wüstenkönigreich» Welten. «Wir sind ihnen einfach überlegen, in allen Belangen», was der wahre Grund für die Minderwertigkeitskomplexe der sau­dischen Herrscher sei, behauptet die junge Iranerin kühn.

Vielleicht am deutlichsten spürt man diese vermeintliche kulturelle Überlegenheit, auf die der Iran auch seinen Hege­monialanspruch in der Golf­region stützt, am Mausoleum des persischen Nationaldichters ­Hafis in Schiras. Es befindet sich in einer wunderschönen Park­anlage. Die Iraner besuchen das Grabmal nicht, um zu trauern, sondern ihrem Helden Hafis nahe zu sein, aus dem «Diwan des Meisters» zu rezitieren.

Das tut auch die junge Fereschdeh, nachdem sie minutenlang, in tiefer Trance, ihre Hände auf den marmornen Sarkophag des Dichters gelegt hatte. «Die Furcht des Todes bin ich los», beginnt sie mit lauter Stimme, «für alle Zeit, denn ich genoss, des ­Lebens Wasser, das so hell, entströmet deinem süssen Quell.» Die Umstehenden klatschen begeistert. Denn in Schiras wird das Leben und nicht der Tod gefeiert.

Bild: Grafik: mlu

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