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IRLAND: Einst Terrorist, später Staatsmann: Ex-Vizepremier McGuiness ist tot

Martin McGuinness war einst das Gesicht der Gewalt in Nordirland, dann wurde er Vizepremier und zum Symbol des irischen Friedensprozesses. Nun ist der Politiker 66-jährig einem Herzleiden erlegen.
Sebastian Borger, London
Der frühere nordirische Vizepremier Martin McGuinness. Bild: Facundo Arrizabalaga/EPA (London, 24. März 2016)

Der frühere nordirische Vizepremier Martin McGuinness. Bild: Facundo Arrizabalaga/EPA (London, 24. März 2016)

Sebastian Borger, London

Als Martin McGuinness, der 66-jährig in der Nacht auf gestern gestorben ist, 2011 für die Präsidentschaft der Republik Irland kandidierte, kreierten seine Anhänger einen hübschen Slogan: «McGuinness is good for you.» Die Anspielung auf den alten Werbespruch für das irische Nationalgetränk Guinness blieb erfolglos, in den Dubliner Präsidentenpalast gewählt wurde damals der Sozialdemokrat Michael Higgins.

Gestern Vormittag kondolierten in rascher Abfolge der Amtsinhaber ebenso wie die Premierminister Grossbritanniens und Irlands der Familie des Verstorbenen. Sie drückten damit die Wertschätzung aus, die der langjährige nordirische Vizepremier auf der Grünen Insel und weit dar­über hinaus genoss. McGuinness war tatsächlich gut – gut für den Friedensprozess in Nord­irland, der 1998 in das Karfreitagsabkommen von Belfast mündete; gut für die mühsame, aus immer neuen Kompromissen bestehende alltägliche Regierungsarbeit mit den einstigen Todfeinden auf der unionistisch-protestantischen Seite; gut für die Absage an die politische Gewalt der Unbelehrbaren.

«Führungsfigur mit strategischem Kopf»

Zu denen gehörten auch einstige Kampfgefährten des Mannes, der erstmals als 21-jähriger Vizekommandeur der katholisch- republikanischen Terrortruppe IRA in seiner Heimatstadt Derry/Londonderry auf sich aufmerksam machte. Ein Jahr später, 1972, liess ihn die britische Regierung zu Geheimverhandlungen nach London fliegen; der Geheimdienst MI5 beschrieb McGuinness bewundernd als «Führungsfigur mit strategischem Kopf».

Den bewies der gläubige Katholik in den Jahrzehnten des Bürgerkriegs. Mit Sprengstoff in der einen Hand und der Wahlurne in der anderen machten die Republikaner Druck für ihre Sache. Am Ende waren McGuinness und sein Belfaster Pendant Gerry Adams weitsichtig genug, um zu erkennen: Die Gewaltstrategie hatte sich erschöpft, Irlands Nordosten brauchte Frieden. Gemeinsam steuerten sie die Entwicklung der Republikanerbewegung von einer blutrünstigen Terrortruppe hin zur ausschliesslich mit demokratischen Mitteln vorgehenden Partei Sinn Féin. Was McGuinness zu einem «starken Feind» machte, so hat es der britische Ex-Premier Tony Blair ausgedrückt, machte ihn schliesslich auch zu «einem starken Friedensbringer».

Eine Jugend im Katholiken-Slum

Martin McGuinness – einer seiner Vornamen war Pacelli nach dem damaligen Papst Pius XII. – wuchs mit sechs Geschwistern in ärmlichsten Verhältnissen in der Bogside von Derry auf, jenem Slum für Katholiken, der später als Widerstandszone gegen die brutale Unterdrückung durch die unionistische Mehrheit berühmt werden sollte. Der Schulabgänger wollte Mitte der 1960er-Jahre Automechaniker werden und erfuhr die Diskriminierung am eigenen Leib. Bei der Bewerbung wurde nach der Sekundarschule gefragt, woran sich McGuinness’ katholische Konfession ablesen liess. Hochkant flog der hoffnungsvolle Kandidat aus der Werkstatt. Stattdessen absolvierte er eine Metzgerlehre, was den Boulevardzeitungen später hübsche Schlagzeilen lieferte.

IRA-Führer während des Blutsonntags

Bald gehörte McGuinness nicht nur zu einer Generation desillusionierter junger Katholiken, die dem Unterdrückerstaat mit Gewalt zu Leibe rückten. Beim berühmten Blutsonntag im Januar 1972, als die britische Armee 13 unbewaffnete Demonstranten erschoss, war er bereits IRA-Führer. 1973 wurde er wegen Sprengstoffdelikten in Südirland zu einer Haftstrafe verurteilt. Wenig später habe er die IRA verlassen, behauptete McGuinness. Glaubwürdigen Recherchen unabhängiger Experten zufolge gehörte er jedoch bis zur Selbstauflösung der Terrorarmee dem sogenannten IRA-Armeerat an. Anders als Adams leugnete McGuinness in späteren Jahren seine gewalttätige Vergangenheit nicht, was die Aussöhnung mit den einstigen Gegnern erleichterte.

Vor zehn Jahren wagte der asketische Antialkoholiker einen Schritt, der die Fanatiker beider Seiten in Wallung brachte. Mit dem protestantischen Fundamentalistenprediger Ian Paisley übernahm der bekennende Katholik die Führung der Allparteienregierung Nordirlands. Rasch wurden die Auftritte der einstigen Todfeinde als «Allianz der Kicherbrüder» legendär. Der mutige Schritt ebnete den Weg zu einer Normalisierung der Politik in der britischen Provinz, obgleich der langwierige Friedensprozess nun durch den Brexit gefährdet ist.

Anfang Januar erzwang der an einer seltenen Herzkrankheit leidende McGuinness durch seinen Rücktritt Neuwahlen zum Belfaster Landtag, an denen er zu Monatsbeginn bereits nicht mehr teilnehmen konnte. Er hinterlässt seine Frau und vier erwachsene Kinder – und die Gewissheit, dass selbst die vertracktesten politischen Konflikte durch geduldiges Zuhören und Kompromissbereitschaft gelöst werden können.

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