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ISLAMISCHER STAAT: Auch nach dem Kalifat fehlt der Frieden

Nach über drei Jahren ist Rakka, die Hauptstadt des IS in Syrien, gefallen. Zuvor verloren die Dschihadisten schon ­Mossul, ihre Metropole im Irak. Das Kalifat ist am Ende. Doch besiegt ist der IS längst nicht. Neue und alte Konflikte brechen auf.
Eine Anwohnerin von Rakka weint während der Rückkehr beim Anblick ihrer zerstörten Stadt. (Bild: Bulent Kilic/AFP (20. Oktober 2017))

Eine Anwohnerin von Rakka weint während der Rückkehr beim Anblick ihrer zerstörten Stadt. (Bild: Bulent Kilic/AFP (20. Oktober 2017))

Walter Brehm

Das wichtigste «Projekt» des Islamischen Staats ist Geschichte. Am 29. Juni 2014 hat sich der IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi in der Al-Nuri-Moschee in Mossul zum Kalifen erhoben – zum religiösen und politischen Oberhaupt aller Muslime. Nun ist mit der Rückeroberung Rakkas durch die kurdisch-sunnitische Allianz «Syrisch Demokratische Kräfte» (SDF) zumindest dieser grössenwahn­sinnige Anspruch obsolet geworden. In seinen bisherigen Territorien in Syrien und im Irak war der IS doch zumindest ein Parastaat: Er unterhielt eine akribische Ver­waltung, trieb Steuern ein und erbrachte zumindest für die Menschen, die sich ihm unterordneten, staatliche Dienstleistungen. Das ist nun zu Ende. Seit Frühling 2015 – seiner grössten Ausdehnung – hat der IS im Irak und in Syrien mehr als 85 Prozent der von ihm kontrollierten Gebiete verloren, vor allem städtische Zentren. Der IS wird nun wieder real, was er auch immer war, eine islamistische Terrororganisation wie Al-Kaida.

Aber auch die SDF sind weiterhin nur eine militärische Kraft unter vielen im Krieg um die Zukunft Syriens. Sie sind auf militärische Unterstützung der von den USA geführten internationalen ­Koalition gegen den syrischen Machthaber Baschar al-Assad angewiesen. Die Regimekräfte, unterstützt von Russland, dem Iran und schiitischen Hisbollah-­Milizen, haben aber ebenfalls seit 2015 ihre Macht über weite Teile Syriens derart stabilisiert, dass kaum mehr von einem Sturz Assads die Rede sein kann.

Regionaler Guerillakrieg und globaler Terror

Obwohl der IS allein in der Schlacht um Rakka nach US-Angaben bis zu 6000 Kämpfer verloren hat, ist die Terrormiliz nicht geschlagen. Sie wird, um zu überleben, weiterhin einen regionalen Guerillakrieg führen. Zwischen 6000 und 8000 Dschihadisten des IS haben sich auf beiden Seiten der syrisch-irakischen Grenze in das Tal des Euphrat zurückgezogen. Darüber hinaus wächst wohl auch die Gefahr von Terroraktionen durch die Rückkehr ausländischer IS-Extremisten. Dies bedroht vor allem Europa, aber auch westafrikanische Staaten wie Mali, den Tschad, Niger, Burkina Faso oder ­Senegal. In Nordafrika wachsen Terrorängste in Libyen, Ägypten, Algerien und Tunesien.

Seit Monaten versucht der IS, Personal seiner mittleren Führungsebene aus Syrien und dem Irak herauszuschmuggeln. Dabei handelt es sich vor allem um «Experten» im Bombenbau, aber auch in der Herstellung chemischer Waffen. Zudem hat der IS seine ideologische Attraktivität im Mittleren und Nahen Osten, aber auch in Europa nicht gänzlich verloren. Dies wird sich vor allem dann zeigen, wenn es in Syrien und im Irak nicht gelingt, die Lebensbedingungen und die gesellschaftliche Stellung der sunnitischen Bevölkerung gegenüber der schiitischen zu verbessern. In einer Audio-Botschaft erklärt «Kalif» Bagh­dadi die desolate Lage des IS bereits als «göttliche Prüfung» und ruft zu «Anschlägen gegen Schiiten, die USA und Russland» auf.

Das Drama der Kurden

Die gefährlichste Konfliktlage im Windschatten der militärischen Erfolge gegen den IS ist aber der Streit um die Zukunft der Kurden. Im noch weitgehend feudal organisierten Kurdengebiet im Nordirak hat das von Präsident Massud Barzani durchgesetzte, aber wenig durchdachte Unabhängigkeitsreferendum, die Ri­valität zwischen den dominierenden Klans – geführt von Barzani und Talabani – das Risiko eines kurdischen Bürgerkriegs heraufbeschworen. Ein Drama, das sich unter irakischen Kurden nicht zum ersten Mal entwickelt. Geschürt wird es von Drohungen der irakischen und türkischen Regierung

In Syrien, wo die militärischen Erfolge gegen den IS ohne die kurdischen Volksverteidigungskräfte YPG (siehe unten) nicht möglich gewesen wären, ist die kurdische Sache ebenfalls von zwei Seiten unter Druck. Die Türkei interveniert bereits militärisch, obwohl die Kurden derzeit offiziell keinen eigenen Staat, sondern lediglich eine weitgehende Autonomie von Damaskus fordern. Ob der Westen bereit ist, die kurdischen Interessen gegen die Machtansprüche des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und von Assad zu verteidigen, ist fraglich. Im Irak schwächt der inner-kurdische Konflikt dessen Position sowohl gegenüber dem schiitischen Regime in Bagdad als auch der türkischen Regierung in Ankara empfindlich.

In Syrien und im Irak droht deshalb ein offener Krieg um Kurdistan, begleitet von geopolitischen Interessen der USA, Russlands, des Irans und der Türkei.

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