ISLAMISTEN: Muslime sollen Gewalt klarer verurteilen

Die Bischöfe befürchten religiöse Spannungen, weil sich die Muslime in der Schweiz zu wenig vom IS-Terror distanzierten. Vertreter islamischer Verbände zeigen sich irritiert über den Vorwurf.

Kari Kälin
Drucken
Teilen
Schweizer Muslime demonstrierten am 18. Juli in Zürich gegen die israelische Offensive im Gazastreifen. 
«Schweigen ist ein Kriegsverbrechen», steht in Englisch auf dem Transparent der jungen Frau in der Mitte des Bildes. (Bild: Keystone)

Schweizer Muslime demonstrierten am 18. Juli in Zürich gegen die israelische Offensive im Gazastreifen. «Schweigen ist ein Kriegsverbrechen», steht in Englisch auf dem Transparent der jungen Frau in der Mitte des Bildes. (Bild: Keystone)

In ganz Europa, auch in der Schweiz, haben Muslime gegen den jüngsten Gaza-Krieg protestiert. Auch nach dem Ja zum Minarettverbot und nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen trommelte der Islamische Zentralrat der Schweiz (IZRS) mehrere hundert Muslime für eine Demonstration auf dem Bundesplatz in Bern zusammen. Man wehrte sich gegen Islamophobie.

Im Irak und in Syrien wütet der Islamische Staat (IS) mit unglaublicher Brutalität. Die Gotteskrieger metzeln Christen, Vertreter anderer religiöser Minderheiten und viele Muslime, die den Islam angeblich falsch interpretieren, gnadenlos nieder. Gegen diese Gräuel hat der radikale IZRS keine medienwirksame Protestaktion organisiert. In einem Communiqué verurteilte er zwar die Gewalt gegen Minderheiten. Dass sich sogar jugendliche Muslime aus Europa dem IS anschliessen und in den Kampf gegen die «Ungläubigen» ziehen, verwundert IZRS-Präsident Nicolas Blancho aber nicht. Sie hätten dort eine klare Perspektive, sagte er gegenüber dem Schweizer Fernsehen. In Europa seien sie hingegen einer islamfeindlichen Stimmung ausgesetzt.

Offener Brief an Organisationen

Auch andere, salonfähige islamische Organisationen haben sich bis jetzt kaum hörbar gegen die IS-Massaker gestellt. Was die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) beunruhigt: Sie stellt teilweise eine Radikalisierung bei Jugendlichen fest und befürchtet, die Ereignisse im Irak und in Syrien könnten die Spannungen zwischen Christen und Muslimen in der Schweiz befeuern. Die SBK erwartet, dass sich die Muslime hierzulande klarer für verfolgten Christen und andere Minderheiten einsetzen. Die Bischöfe werden deshalb demnächst alle islamischen Organisationen in der Schweiz in einem offenen Brief dazu aufrufen, sich von der IS-Gewalt zu distanzieren. Dies sagte gestern der St. Galler Bischof und SBK-Präsident Markus Büchel vor den Medien in Bern. «Wer schweigt, stimmt zu», gibt Büchel zu bedenken. Auf jeden Fall könne in der öffentlichen Wahrnehmung dieser Eindruck entstehen, so Büchel. Mit dem Appell wollen die Bischöfe auch das Image des Islams verbessern. «Wir wollen einen gemeinsamen Weg suchen, wie wir in der Schweiz Ressentiments auf beiden Seiten und islamfeindliche Tendenzen überwinden können», sagt SBK-Generalsekretär Erwin Tanner.

Islamischer Verband erstaunt

Hisham Maizar, Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (Fids), haben die Worte der Bischöfe erstaunt. «Die islamischen Verbände in der Schweiz haben immer wieder betont, dass sie jede Form von Gewalt und Terror ablehnen.» Als Präsident der grössten islamischen Organisation habe er sich oft auch via Medien klar und unmissverständlich von den Gräueltaten distanziert, die im Namen des Islam begangen würden. «Wenn die Bischöfe uns auffordern, dies erneut zu tun, bereitet mir das aber keine Mühe.»

SBK-Präsident Büchel attestiert zwar der Fids und dem zweiten grossen Verband, der Kios (Koordination Islamischer Organisation Schweiz), ein grosses Engagement. So seien die Verbände bemüht, Jugendliche davor zu bewahren, auf die radikale Linie abzudriften. Doch Büchel findet, sie müssten sich noch verstärkt und öffentlichkeitswirksam in den Diskurs gegen die IS-Gewalt einschalten.

«Die katholische Kirche geht auch nicht auf die Strasse», kontert Fids-Präsident Maizar. Die Fids organisiere keine Demonstrationen, auch nicht gegen den Gaza-Krieg. Ausserdem könne man die Muslime in der Schweiz nicht für die Taten verantwortlich machen, welche die IS-Kämpfer begingen.

Gemeinsame Ohnmacht

Diese Ansicht teilt Saïda Keller-Messahli, die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam. Man dürfe nicht eine Minderheit implizit anklagen für Verbrechen, mit denen sie nichts zu tun habe, die aber im Namen ihrer Religion verübt würden. «Die Muslime schauen dieser Gewalt genauso ohnmächtig und hilfslos zu wie die übrige Bevölkerung», so Keller-Messahli. Die Aufforderung der Bischöfe findet sie problematisch. Ausserdem seien nur rund 15 Prozent der Muslime in Verbänden organisiert. Einen Lichtblick vermag sie im Appell dennoch zu erkennen. «Den Muslimen bietet sich die Gelegenheit, eine historisch-kritische Textkritik des Korans voranzutreiben und soziale Mechanismen innerhalb der islamischen Gesellschaft, welche zu Ausgrenzung, Intoleranz, Diskriminierung und Gewaltanwendung führen, öffentlich und angstfrei zur Debatte zu stellen.»

IS-Sympathien in Grossbritannien

Einen Schritt voraus sind Imame in anderen europäischen Ländern. In Deutschland, Grossbritannien und den Niederlanden haben Islam-Gelehrte den IS-Terror scharf und medienwirksam verurteilt. In Grossbritannien erliessen Imame eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) gegen den IS. Sechs Gelehrte schrieben zudem am letzten Sonntag, es sei die Pflicht sämtlicher britischer Muslime, die «vergiftete Ideologie» des IS abzulehnen. Aus religiösen Gründen sei ein IS-Beitritt verboten. Die Mahnung kommt nicht von ungefähr. Laut einem britischen Meinungsforschungsinstitut hegen sieben Prozent der britischen Muslime Sympathien mit dem IS. Bereits haben sich Hunderte Dschihadisten aus Europa dem IS angeschlossen.