ISRAEL: Gefeierter Todesschütze ist schuldig

Der Fall des Soldaten Elor Azaria spaltet die Gesellschaft: Handelte er richtig oder falsch, als er einen bereits wehrlosen palästinensischen Attentäter erschoss? Der Urteilsspruch des Militärgerichts löste Proteste.

Susanne Knaul/Jerusalem
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Der israelische Soldat Elor Azaria ist gestern wegen Totschlags verurteilt worden. (Bild: Heidi Levine/AP (Tel Aviv, 4. Januar 2017))

Der israelische Soldat Elor Azaria ist gestern wegen Totschlags verurteilt worden. (Bild: Heidi Levine/AP (Tel Aviv, 4. Januar 2017))

Susanne Knaul/Jerusalem

Schuldig des Totschlags: So lautet das Urteil eines israelischen Militärtribunals im Prozess gegen Elor Azaria. Im vergangenen Frühjahr richtete der damals 19-jährige Soldat sein Gewehr auf den am Boden liegenden, nur zwei Jahre älteren Palästinenser Abdul Fatah al-Sharif in Hebron und tötete ihn durch einen Kopfschuss. Kurz zuvor hatte Al-Sharif einen israelischen Soldaten mit einem Messer verletzt. Die Richter glaubten der Version des Angeklagten, er habe aus Angst gehandelt, dass von dem Palästinenser noch weitere Gefahr ausgehen könne, nicht. Die Vorsitzende Richterin Maya Heller warf im Verlauf der gestrigen, fast dreistündigen Urteilsverlesung in Tel Aviv Azarias Anwälte vor, diese hätten sich selbst widersprechend argumentiert. So behaupteten sie einerseits, ihr Mandant habe sich von dem palästinensischen Angreifer bedroht gefühlt, andererseits aber auch, Al-Sharif sei schon tot gewesen, als Azaria auf ihn schoss.

Wiederholte Messerangriffe auf israelische Soldaten

Der Vorfall in Hebron ereignete sich vor dem Hintergrund wiederholter palästinensischer Messerangriffe. Polizei und Politiker riefen die Bevölkerung zur Mithilfe auf. «Jeder, der ein Messer hervorzieht oder einen Schraubenzieher, soll erschossen werden», sagte Jair Lapid, Chef der Zukunftspartei. Die amerikanische Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete Anfang der Woche über «mehr als 150 Fälle seit Oktober 2015», bei denen Palästinenser unter dem Verdacht, sie wollten Israelis angreifen, erschossen wurden. Azaria ist seit Beginn der aktuellen Gewaltwelle der einzige Soldat, der vor Gericht kam. Er war gefilmt worden, als er seine Waffe auf Al-Sharif richtete. Das im Internet abrufbare Video zeigt den bewegungslos am Boden liegenden Palästinenser, den tödlichen Schuss und am Ende die Blutlache am Kopf von Al-Sharif. Die Aufnahmen, die von palästinensischen Aktivisten der Menschenrechtsorganisation Betselem stammen, führten zu einer Frontenbildung. Für die einen war Azaria ein Held, für die anderen ein Mörder.

Der Zwist zwischen Regierungschef Benjamin Netanjahu und Ex-Verteidigungsminister Mosche Jaalon, der sich offen gegen den Hebron-Schützen positioniert hatte, führte im Mai zum Rücktritt Jaalons. Seine Stelle übernahm Avigdor Lieberman von der rechtsnationalen Partei «Unser Haus Israel». Lieberman hatte sich mit Azaria solidarisiert und das Gerichtsverfahren ab­gelehnt. «Es ist ein schweres Urteil», kommentierte er gestern, appellierte jedoch dazu, die Entscheidung der Richter zu respektieren. Während im Gerichtssaal das Urteil verlesen wurde, kam es draussen zu heftigen Protesten. Rund 100 Demonstranten solidarisierten sich mit dem Angeklagten und drohten Generalstabschef Gadi Eisenkot damit, er werde sich bald zu dem 1994 ermordeten Regierungschef Izchak Rabin gesellen. Eisenkot hatte am Vortag der Urteilsverkündung gewarnt, Soldaten zu verkindlichen. Mit dem Satz «Wer zur Armee rekrutiert wird, ist nicht ‹unser Sohn›, sondern ein Kämpfer», zog er den Zorn der Angehörigen Azarias auf sich.

«Ihr solltet euch alle schämen», rief die Mutter des Angeklagten den Richtern hinterher, als sie den Gerichtssaal verliessen. Ginge es nach Bildungs­minister Naftali Bennett, dem Chef der Siedlerpartei Das jüdische Haus, sollte Azaria sofort begnadigt werden.

Menschenrechtler: Urteil ist ein Hoffnungsschimmer

Als «Hoffnungsschimmer» bezeichnete die Menschenrechtsorganisation Amnesty International den Schuldspruch. Das Urteil sei «ein kleiner Schritt in die richtige Richtung». Der Menschenrechtsorganisation Betselem sollen Aufnahmen von rund einem Dutzend weiteren Fällen vor­liegen, die Soldaten bei der Erschiessung von Palästinensern zeigen. Betselem begann vor zehn Jahren mit der Verteilung von Videokameras zur Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in den besetzten Gebieten.

Rein formal drohen Azaria bis zu 20 Jahre Gefängnishaft. Das Strafmass soll übernächste Woche bekannt gegeben werden. Laut Bericht des israelischen Hörfunks will die Familie von Abdul Fatah al-Sharif, dem Todesopfer, den Fall vor den Internationalen Strafgerichtshof bringen. Das palästinensische Aussen­ministerium nannte das Verfahren einen «Schauprozess». Von wenigen Ausnahmen abgesehen, habe die Mehrheit der israelischen Führung, «inklusive Regierungschef Netanjahu und einigen Ministern, für den Mörder Azaria» Position bezogen.