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ISRAEL: Kampf um das osmanische Erbe

Die Türkei inszeniert sich als Beschützerin der Palästinenser und schickt Pilger mit türkischen Fahnen nach Ostjerusalem. In Israel schlägt man bereits Alarm.
Joseph Croitoru, Jerusalem
Demonstration mit palästinensischen und türkischen Flaggen auf dem Tempelberg gegen die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem. (Bild: Mostafa Alkharouf/Getty (Jerusalem, 12. Januar 2018))

Demonstration mit palästinensischen und türkischen Flaggen auf dem Tempelberg gegen die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem. (Bild: Mostafa Alkharouf/Getty (Jerusalem, 12. Januar 2018))

Joseph Croitoru, Jerusalem

Im Konflikt um den Jerusalemer Tempelberg mischt auf muslimischer Seite ein neuer Akteur mit. Es ist die Türkei, deren Regierung die Verteidigung der dortigen Moscheen vor dem Griff des, wie Präsident Erdogan ihn nennt, ­israelischen «Terror- und Besatzungsstaats» zur Chefsache erhoben hat. So finden neuerdings auf dem Berg türkische Pilger und ­palästinensische Erdogan-Verehrer zu lauten Demonstrationen zusammen, bei denen türkische ­Nationalfahnen geschwungen und Erdogan-Poster hochgehalten werden – manche tragen sogar den Fes, die in osmanischer Zeit übliche Kopfbedeckung.

Im Dezember kam es bereits zu einem Zwischenfall, der beinahe eine diplomatische Krise ausgelöst hätte. Als israelische Polizisten einigen belgisch-türkischen Aktivisten, die als türkische Flagge aufgemachte rote ­T-Shirts trugen, den Zutritt zum Moscheenareal verweigerten, wurden die Türken handgreiflich. Sie wurden verhaftet und kurze Zeit später des Landes verwiesen.

Neoosmanische Selbstinszenierung

Demonstrative Auftritte von Türken auf dem Tempelberg sind ­indes schon etwas älter als die jüngste Jerusalem-Erklärung des amerikanischen Präsidenten, gegen die auch die erwähnten türkischen Pilger protestieren wollten. Die sich häufenden, meist auch medial inszenierten Besuche islamistischer türkischer Aktivisten, Prediger und AKP-Politiker sind Teil einer schon länger anhaltenden Kampagne, die sich in die neoosmanisch gefärbte Selbstinszenierung der Türkei als islamische Grossmacht nahtlos einfügt. So lässt die Türkei seit ­etlichen Jahren über staatsnahe religiöse Stiftungen Moscheeanlagen in Ostjerusalem und in Israel, die aus der osmanischen Ära stammen, aufwendig renovieren.

Unter dem Mantel der Erhaltung des islamisch-osmanischen Erbes bauten die Türken so ihre Kontakte zu israelisch-arabischen Islamisten aus den Reihen der «Islamischen Bewegung» aus. Sie hatte sich bis zu ihrem Verbot 2015 den Schutz der Ostjerusalemer Moscheen auf die Fahnen ­geschrieben und wurde dabei von dem türkischen Verein «Miras­imiz» (Unser Erbe) unterstützt, der sich erklärtermassen auch heute um den «Schutz und die Erhaltung des osmanischen Erbes in und um Jerusalem» kümmert.

Türken aus der Schweiz pilgern nach Ostjerusalem

In seiner Zeitschrift «Minber-i Aksa» (Al-Aksa-Kanzel) wird regelmässig nicht nur, wie auf palästinensischer Seite, gegen die «Gefahr» für Al-Aksa, sondern auch «für unser osmanisches Erbe in Jerusalem» mobilisiert. Im Sommer 2015 informierte die Zeitschrift auch über den Palästina-Besuch des damaligen Leiters des türkischen Präsidiums für ­religiöse Angelegenheiten (Diyanet) Mehmet Görmez. Vom Vorsitzenden des Mirasimiz-Vereins, Muhammet Demirci, begleitet, hatte Görmez in Ostjerusalem nicht nur ein Diyanet-Büro eröffnet, sondern auch in der Al-Aksa-Moschee eine flammende Predigt auf Arabisch gehalten, die vom TV-Sender des Diyanet mit türkischen Untertiteln ausgestrahlt wurde. Görmez schloss sich darin der üblichen Dschihad-Rhethorik seiner palästinensischen Gastgeber an und pries ihren «heiligen Krieg für die Verteidigung der gesegneten Al-Aksa-Moschee». Er beschwor die Pflicht aller Muslime, besonders der Türken, die Palästinenser zu unterstützen, und würdigte zudem die Verdienste der osmanischen Sultane um Jerusalem.

Der Jerusalem-Besuch von Görmez markierte einen Wendepunkt im Verhältnis seiner Behörde zum Thema Ostjerusalem und Tempelberg. So wurde damals die Route der vom Diyanet betreuten Pilgerreisen nach Mekka und Medina um eine Variante erweitert. Seitdem bietet das Diyanet die Option, auf dem Weg nach Saudi-Arabien in Ostjerusalem Station zu machen, um in den Tempelberg-Moscheen ­ zu beten. Entsprechend nimmt seitdem der türkische Besucherstrom zu. Waren es 2015 rund 25000 türkische Pilger, so schätzt man ihre Zahl heute auf jährlich mehr als 40 000, wozu auch Erdogans Appelle an die Türken beigetragen haben dürften, in Scharen nach Ostjerusalem zu pilgern. Unter den Jerusalem-Pilgern waren übrigens auch etliche Türken und Türkischstämmige aus der Schweiz. ­Ihnen bietet der Diyanet-Ableger Tiss mittlerweile sogar separate Pilgerreisen zu den Ostjerusalemer Moscheen an – für die nächste im kommenden Mai wird schon im Internet geworben.

Plakate im armenischen Viertel abgerissen

Den Palästinensern sind die türkischen Pilger willkommen, den Israeli hingegen bereiten sie zunehmend Sorge. Besonders rechte israelische Blätter versuchen mit Schlagzeilen wie «Die Türken kommen» den Eindruck zu erwecken, als sei eine türkische Invasion im Gange. Nicht zu übersehen ist jedenfalls, dass die türkischen Besucher häufig auf Provokation aus sind. So hat mancher von ihnen beim Rundgang durch die Ostjerusalemer Altstadt im armenischen Viertel dort hängende Plakate abgerissen, die an den osmanischen Völkermord an den Armeniern erinnern. Sie pflegen auch demonstrativ türkische Nationalfahnen in der Hand zu halten, mit denen die Türken sich gerne auf dem Tempelberg in Gruppenfotos verewigen lassen. Von AKP-nahen Blättern wie «Yeni Safak» werden solche Aktionen, zumal wenn es zu Auseinandersetzungen mit der israelischen Polizei kommt, zum Widerstandsakt gegen den «Besatzungsstaat Israel» stilisiert.

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