ISRAEL: Sara Netanjahu wird angeklagt

Die Ehefrau von Israels Premier muss sich den Vorwürfen stellen, öffentliche Gelder für private Zwecke vergeudet zu haben. Benjamin Netanjahu stellt sich hinter seine «ehrenhafte» Frau und gerät selbst unter Druck.

Susanne Knaul, Jerusalem
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Premierminister Benjamin Netanjahu mit seiner Frau Sara. (Bild: Getty (Jerusalem, 3. März 2015))

Premierminister Benjamin Netanjahu mit seiner Frau Sara. (Bild: Getty (Jerusalem, 3. März 2015))

Susanne Knaul, Jerusalem

Sara Netanjahu, die Ehefrau des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, soll vor Gericht kommen. Oberstaatsanwalt Avichai Mandelblit verkündete gestern die baldige Anklage wegen Vertrauensbruchs und Betrugs. Sara Netanjahu steht im Verdacht, private Ausgaben der Familie mit öffentlichen Geldern beglichen zu haben. In einer Mitteilung der Familie Netanjahu hiess es in der Nacht auf gestern: «Die Anschuldigungen gegen die Frau des Ministerpräsidenten sind absurd.» Sara Netanjahu sei eine «starke und ehrenhafte Frau», die sich «niemals etwas zu Schulden kommen liess». Auch ihrem Ehemann drohen gerichtliche Verfahren. Der Verdacht der Korruption in verschiedenen Fällen verdichtet sich. Ausserdem soll er geheime Absprachen mit dem Herausgeber einer Tageszeitung getroffen haben.

Personal «überfordert, verletzt und erniedrigt»

Die Gattin von Israels mächtigstem Mann macht sich mit ihrem vorlauten Mundwerk, mit selbstherrlichen Allüren und ihrer Launenhaftigkeit immer wieder selbst zum Gespött der Öffentlichkeit. Nun zwingt sie Gier und Verschwendungssucht vor den Richter. Oberstaatsanwalt Mandelblit wirft Sara Netanjahu vor, auf Kosten des Staates komplette Menüs teurer Restaurants geordert zu haben, obschon ein Koch zum festen Hauspersonal gehörte. Die Schadenssumme wird auf rund 115 000 Franken beziffert. Das Ehepaar Netanjahu macht wiederum den früheren Haushälter Meni Naftali für die hohen Ausgaben verantwortlich. Naftali gehört zu den Erzfeinden der Netanjahus und könnte als Kronzeuge gegen seine früheren Chefs aussagen. Anfang letzten Jahres urteilte ein Gericht für Naftali, dem Sara Netanjahu umgerechnet rund 45 000 Franken zahlen musste, weil sie ihren Untergebenen schlecht behandelt hatte. Der Richter warf ihr vor, das Personal «überfordert, verletzt und erniedrigt» zu haben. In jüngster Vergangenheit gehörte Naftali zu den Rädelsführern wöchentlicher Demonstrationen vor dem Haus des Oberstaatsanwaltes. «Der Kampf gegen die Korruption betrifft uns alle», schrieb er auf seiner Facebook-Seite und appelliert, beide Eheleute vor Gericht zu bringen.

Die Untersuchungen gegen Sara Netanjahu dauerten über zwei Jahre. In drei Fällen entschied Mandelblit gegen eine Anklage, darunter die «Flaschenaffäre» und der Vorwurf, Sara Netanjahu hätte umgerechnet 1100 Franken an Depot kassiert für Flaschen, die auf Staatskosten für öffentliche Anlässe erstanden worden waren.

Premier habe sich Gunst einer Zeitung kaufen wollen

Für den Regierungschef kommt die Anklageschrift gegen seine Frau zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Netanjahu gerät immer stärker unter Druck, seit Ari Harow, einer seiner engsten Berater, der Polizei gegenüber seine Bereitschaft signalisierte, gegen seinen Chef auszusagen. Harow dürfte vor allem bei den polizeilichen Untersuchungen, die als «Akte 1000» und «Akte 2000» durch die Schlagzeilen gehen, eine zentrale Rolle spielen. Bei der einen geht es um teure Geschenke, die Netanjahu für praktische Gegenleistungen empfangen haben soll, bei der anderen um Absprachen mit dem Herausgeber der Zeitung «Jediot Achronot». Netanjahu habe sich eine wohlwollende Berichterstattung des eher regierungskritischen Blattes gewünscht, so der Vorwurf. Im Gegenzug habe er auf seinen Intimus Sheldon Adelson, den Herausgeber des regierungstreuen Blattes «Israel Hajom», wirken wollen, damit der die Auflage reduziere und die Wochenendbeilage einstelle. Adelson bestätigte, entsprechende Anfragen von Netanjahu erhalten zu haben.

In einem dritten Untersuchungsverfahren, bei dem es um den geplanten Kauf deutscher ­U-Boote geht, steht Netanjahu vorläufig nicht im Mittelpunkt des Verdachts, dafür aber sein früherer Stabschef und sein Anwalt, der gleichzeitig ein Cousin von ihm ist. Unklar blieb zunächst, was Netanjahu von dem unsauberen Deal, bei dem hohe Summen an Bestechungsgeldern geflossen sein sollen, wusste.

Avi Gabbay, Chef der Arbeitspartei, appellierte an den Anstand des Regierungschefs, der umgehend zurücktreten solle, was Netanjahu, der sich erklärtermassen selbst nichts vorzuwerfen habe, ablehnt. Justizministerin Ajelet Schaked von der national-religiösen Koalitionspartei «Das jüdische Haus» stellt sich hinter ihren Chef. Ein Rücktritt sei bis zum Schuldspruch der Richter nicht nötig. Umfragen von Channel 10 ergaben hingegen, dass 66 Prozent der Bevölkerung für den Rücktritt Netanjahus eintreten, sollte es zu einer Anklage gegen ihn kommen.