ISRAEL: Trump sieht Chance für Frieden

US-Präsident Donald Trump wird in Israel herzlich empfangen. Regierungschef Benjamin Netanjahu zeigt sich offen für Zugeständnisse an die Palästinenser.

Susanne Knaul, Jerusalem
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Man lächelt freundlich: Regierungschef Benjamin Netanjahu (links) begrüsst Donald Trump beim Flughafen. (Bild: Jim Hollander/EPA (Tel Aviv, 22. Mai) 2017))

Man lächelt freundlich: Regierungschef Benjamin Netanjahu (links) begrüsst Donald Trump beim Flughafen. (Bild: Jim Hollander/EPA (Tel Aviv, 22. Mai) 2017))

Susanne Knaul, Jerusalem

Mit schwarzer Kipa auf dem Kopf und ernstem Gesicht schritt US-Präsident Donald Trump zur Klagemauer. Begleitet wurde er von seinem jüdischen Schwiegersohn Jared Kushner sowie Shmuel Rabinowitz, dem Rabbiner der heiligsten jüdischen Pilgerstätte. Die Ehefrauen Melania Trump und die zum Judentum konvertierte Ivanka Kushner mussten separat in dem für Frauen vorgesehenen Abschnitt zur Mauer, wo Kushner die Gelegenheit für ein rasches Gebet nutzte. Für einige Momente hielt auch der US-Präsident inne am heiligen Gemäuer, an das er eine Hand legte. Dann steckte er sorgsam einen Zettel mit seinem Wunsch an Gott zwischen die Ritzen. Zum ersten Mal, so betonte Israels Staats­präsident Reuven Rivlin schon während seiner Begrüssungsrede gestern Mittag am Tel Aviver Ben-Gurion-Flughafen, besuche ein amtierender US-Präsident die heiligste jüdische Pilgerstätte.

Israel bescherte Trump einen warmen Empfang. Der US-Präsident dankte es mit den Worten: «Wir lieben Israel.» Ernüchternd für die Israelis war die Tatsache, dass Trump ohne offizielle Begleitung zur Klagemauer wollte. Er beharrte darauf, dass es sich hier um einen privaten Termin handelt.

Der US-Präsident hakt mit seiner Reise zuerst nach Saudi-Arabien, dann nach Israel, heute nach Bethlehem in die Palästinensergebiete und schliesslich zum Vatikan im Laufschritt die drei monotheistischen Religionen ab. Wenn alle mit zupacken, habe «der Frieden in der Welt und sogar zwischen Israel und den Palästinensern» eine Chance. Gerade jetzt sei eine «seltene Gelegenheit» dafür, sagte er. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, dessen Verhältnis zu Barack Obama unverhohlen negativ war, beharrte kurz nach der Begrüssung Trumps dar­auf, dass «Israel als jüdischer Staat anerkannt wird». Er signalisierte aber Bereitschaft zu konkreten Massnahmen der Vertrauensbildung. Reiseerleichterungen und mehr Genehmigungen für palästinensische Bauprojekte im besetzten Gebiet sind offenbar im Gespräch. Netanjahu soll Trump ferner zugesagt haben, die Bautätigkeiten in israelischen Siedlungen zu drosseln.

Das sorgte bei Koalitionspartner Naftali Bennett für einigen Unmut. Der Chef der Siedlerpartei lehnt Friedensverhandlungen zwar nicht grundsätzlich ab, ­meldete jedoch Bedingungen an: kein Baustopp in den Siedlungen, keine Amnestie für palästinen­sische Häftlinge und keine uni­lateralen Zugeständnisse. Zudem solle der Status von Jerusalem als «ungeteilte Hauptstadt» Israels unangetastet bleiben.

Verlegung der Botschaft auf lange Bank geschoben

Immer öfter geriet Israel jüngst unter Beschuss von UNO-Institutionen, die auf eine gerechte Regelung und ein Ende der Besatzung im Osten der Stadt drängen. Für Netanjahu wäre deshalb mit Blick auf den Status Jerusalems ein gemeinsamer Fototermin mit Trump an der Klagemauer gerade zur rechten Zeit gekommen. Der israelische Regierungschef muss sich weiter damit abfinden, dass Trump seine Ankündigung, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, auf die lange Bank geschoben hat.

Die palästinensischen Tageszeitungen widmeten gestern ihr Hauptaugenmerk nicht dem bevorstehenden Besuch Trumps, sondern dem Generalstreik der Palästinenser. Aus Solidarität mit den sich seit gut vier Wochen im Hungerstreik befindenden Häftlingen legten sie ihre Arbeit nieder. Busse fuhren nicht, Schulen blieben geschlossen. Laut dem palästinensischen Rettungsdienst wurden im Westjordanland Dutzende Palästinenser bei Zusammenstössen mit der israelischen Armee verletzt.