Spekulationen
Ist der Astrazeneca-Impfstopp eine Retourkutsche für Lieferausfälle?

Die EU streitet sich seit Wochen mit Astrazeneca über nicht gelieferte Dosen. Die Aussetzung der Impfung heizt nun Spekulationen an.

Remo Hess aus Brüssel
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Astrazeneca-Impfstoff-Fläschchen: Die EU und der Hersteller sind seit Wochen im Clinch wegen Lieferausfällen.

Astrazeneca-Impfstoff-Fläschchen: Die EU und der Hersteller sind seit Wochen im Clinch wegen Lieferausfällen.

Christophe Ena / AP

Gleichzeitig mit dem vorläufigen Stopp der Astrazeneca schiessen die Spekulationen ins Kraut: Geht es hier gar nicht um die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger, sondern um Politik? Handelt es sich beim Impfstopp um eine Retourkutsche dafür, dass Astrazeneca bis jetzt nur ein Bruchteil der versprochenen Impfdosen geliefert hat, frei nach dem Motto: «Wenn wir keinen Impfstoff haben werden wir ihn auch nicht einsetzen»? Oder ist es zuletzt so, wie britische Medien mutmassen: Aus Missgunst über Boris Johnsons Impferfolg versucht die EU, das im Brexit-Grossbritannien entwickelte Vakzin zu diskreditieren?

In Brüssel verneint man solche Überlegungen kategorisch: «Wenn es einen Bereich gibt, wo man sicher keine Politik machen darf, dann bei Gesundheitsempfehlungen», sagt der Sprecher von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Massgeblich sei einzig und allein die unabhängige Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA). Die EU-Kommission sei auch nicht involviert gewesen in die Entscheidung von über einem Dutzend EU-Staaten, die Impfungen vorübergehend auszusetzen. Von der Leyen selbst würde sich mit Astrazeneca impfen lassen, so der Sprecher.

Keine Hinweise auf Häufung der Fälle

EMA-Chefin Elmer Cooke sagte am Dienstag, dass die Untersuchung der Thrombosefälle erst am Donnerstag abgeschlossen werde. Aber: «Bis jetzt sind wir weiterhin der Meinung, dass der Nutzen des Impfstoffs die Risiken übertrifft», so Cooke. In der EU würden tausende Personen pro Jahr aus ganz verschiedenen Gründen Thrombosen entwickeln. Hinweise darauf, dass die gemeldeten Thrombosen häufiger seien als in der Normalbevölkerung oder dass sie überhaupt durch die Impfung ausgelöst wurden, lägen bis jetzt keine vor. Astrazeneca sei einer jener vier «hochwirksamen» Impfstoffe, die in der EU zugelassen sind. Cooke: «Wir sind besorgt, dass es Auswirkungen auf das Vertrauen in die Impfungen geben wird».

Abschied vom «Volksvakzin»

Ist der von Deutschland, Frankreich, Italien und etlichen weiteren EU-Staaten verhängte Impfstopp also einfach nur Übervorsichtigkeit, oder steckt doch mehr dahinter? Fest steht: Anstatt dem beabsichtigten «Volksvakzin», welches günstig im Einkauf und einfach zu handhaben ist, ist Astrazeneca für die EU zum Problemfall geworden. Seit Wochen streitet man sich über Lieferausfälle. Im Januar kündigte der britisch-schwedische Pharmakonzern an, anstatt den versprochen 80 Millionen im ersten Quartal bloss 31 Millionen Dosen liefern zu können. Insgesamt sei der EU im Zeitraum von Dezember bis März «weniger als zehn Prozent der bestellten Menge» geliefert worden, sagte von der Leyen diese Woche in einem Interview. «Wir sind nicht länger bereit, als Sündenbock herzuhalten», so die Kommissions-Chefin.

Weil Astrazeneca im Verdacht stand, Impfdosen zu exportieren, während die Verträge mit der EU selbst nicht eingehalten wurden, hat die EU-Kommission einen Mechanismus zur Export-Kontrolle eingeführt. Gleichzeitig wird versucht, den Mangel anderweitig auszugleichen: Am Dienstag teilte Brüssel mit, dass man von Biontech/Pfizer kurzfristig eine 10 Millionen Lieferung für das zweite Quartal vorziehen könne. Will die EU ihr Impfziel bis im Sommer erreichen, wird es ohne Astrazeneca aber kaum gehen.