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ISTANBUL: Die Megastadt fürchtet das grosse Beben

Es ist eine Realität, die viele Istanbuler am liebsten ignorieren würden: In den kommenden 30 Jahren wird es, dessen sind sich Seismologen sicher, in der Metropole am Bosporus zu einem schweren Erdbeben kommen. Politik und Wissenschaft sorgen vor.
Gerd Höhler, Athen
Vom Erdbeben im August 1999 zerstörte Stadt Izmit, 100 Kilometer östlich von Istanbul. Experten prognostizieren, dass es in der Bosporusmetropole in den kommenden 30 Jahren zu einem ähnlich verheerenden Erdbeben kommt. (Bild: Pierre Verdy/AP (Izmit, 18. August 1999))

Vom Erdbeben im August 1999 zerstörte Stadt Izmit, 100 Kilometer östlich von Istanbul. Experten prognostizieren, dass es in der Bosporusmetropole in den kommenden 30 Jahren zu einem ähnlich verheerenden Erdbeben kommt. (Bild: Pierre Verdy/AP (Izmit, 18. August 1999))

Gerd Höhler, Athen

Wann es kommt, weiss keiner so genau. Aber dass es kommt, ist unter den Fachleuten unstrittig. Der türkischen Wirtschafts- und Finanzmetropole Istanbul steht ein schweres Erdbeben bevor – vielleicht schon morgen, vielleicht auch erst in zwei oder drei Jahrzehnten. Die Katastrophe könnte in der 18-Millionen-Einwohner-Stadt schwere Verwüstungen anrichten und Zehntausende Todesopfer nach sich ziehen. Gefährdete Gebäude sollen jetzt erdbebenresistent gemacht werden. Doch die Massnahmen sind ein Wettlauf gegen die Zeit.

Mehmet Özhaseki, der türkische Minister für Umwelt und Städtebau, beschönigt nichts: «Die Fachleute sagen, dass Istanbul in den nächsten Jahren von einem massiven Erdbeben getroffen wird – und die Prognosen der Experten machen uns Angst», sagte der Minister kürzlich in Istanbul anlässlich einer Veranstaltung, bei der Preise für besondere städtebauliche Leistungen vergeben wurden. Dass er mit solchen Mahnungen die festliche Stimmung der Zuhörer trüben würde, nahm Özhaseki in Kauf. Erst im September hatte der Minister bei einem ähnlichen Auftritt im zentralanatolischen Konya vor dem drohenden Desaster gewarnt. Die düstere Prognose lautet: Bei einem schweren Erdbeben könnten in Istanbul rund 600 000 Gebäude einstürzen. «Ich will nicht über die Zahl der möglichen Todesopfer sprechen, aber die Verluste werden massiv sein», warnt der Minister.

Viele Tote und Verletzte bei Erdbeben im Jahr 1999

Ältere Istanbuler haben vor Jahren schon einen Vorgeschmack auf die drohende Naturkatastrophe bekommen. Am 17. August 1999 erschütterte ein schweres Beben den Nordwesten der Türkei. Das Epizentrum lag bei Gölcük, nahe der Industriestadt Izmit. Das Beben, das eine Stärke von 7,6 auf der Richterskala erreichte, brachte über 20 000 Gebäude zum Einsturz. 17 840 Personen kamen ums Leben, fast 4400 wurden verletzt. Auch im 100 Kilometer westlich gelegenen Istanbul stürzten einige Bauten in sich zusammen. Es gab 200 Tote.

Beim nächsten Mal könnte es die Metropole am Bosporus noch sehr viel verheerender treffen. Unter dem Boden des Marmarameeres schrammen die Kontinentalplatten Afrikas, Europas und Asiens aneinander vorbei. Die Platten driften um 2 bis 3 Zentimeter pro Jahr, verhaken sich aber immer wieder. Dadurch bauen sich gewaltige Spannungen im Gestein auf. Wenn sie sich ruckartig lösen, entlädt sich die aufgestaute Energie in einem Erdbeben.

Schon aus der Antike kennt man Berichte über schwere Beben entlang dieser Bruchzone, die von den Fachleuten als nordanatolische Verwerfung bezeichnet wird – eine der weltweit gefährlichsten Erdbebenzonen, die sich von der Osttürkei 900 Kilometer weit über die Marmara-Region bis in die Ägäis hinzieht.

Bei ihren Beobachtungen haben die Geologen einen beunruhigenden Trend festgestellt: Seit rund 70 Jahren wandern die Beben entlang dieser Bruchzone ständig weiter nach Westen. Vor 18 Jahren traf es Gölcük. Wenn der Trend anhält, könnte sich das nächste grosse Beben noch näher an Istanbul ereignen. «In dieser Region haben sich bereits viele Beben ereignet, und es werden sich weitere ereignen», warnte im August Haluk Özener, der Chef der Kandilli-Erdbebenwarte bei Istanbul, bei einer Pressekonferenz zum Jahrestag des Gölcük-Bebens. «Alle Fachleute sind sich einig, dass in der Marmara-Region ein Erdbeben mit einer Stärke von mehr als 7 Grad bevorsteht, aber wir kennen den Zeitpunkt nicht», sagte der Seismologe. Özener warnte auch vor der Gefahr von Tsunamis, deren Wellen eine Höhe von 2,25 Metern erreichen könnten.

Frühwarnsystem und Notfallübungen

Bei dem Beben von 1999 brach in Istanbul eine Panik aus. Heute sind die Behörden besser vorbereitet. Es gibt regelmässige Notfallübungen in Schulen, zudem haben Experten des Kandilli-Instituts ein Netzwerk an Seismografen im Grossraum Istanbul installiert, um ein beginnendes Beben möglichst früh feststellen zu können – wobei sich die Vorwarnzeit auf wenige Sekunden beschränken wird. Die Hilfsorganisation Roter Halbmond hat ein riesiges Logistikzentrum errichtet, in dem Hilfsgüter gelagert werden. Die Stadtverwaltung hat Katastrophenpläne ausgearbeitet. Der «Erdbeben-Masterplan» umfasst nahezu 600 Seiten und wird von internationalen Experten als vorbildlich gelobt.

Zwei Millionen Gebäude sind einsturzgefährdet

Aber das grösste Problem Istanbuls bleibt die marode Bausubstanz. Während Städtebauminister Özhaseki von circa 600 000 gefährdeten Bauten ausgeht, nannte die türkische Architekten- und Ingenieurskammer kürzlich eine Zahl von zwei Millionen Gebäuden, die einem schweren Beben womöglich nicht standhalten können. Die Kammer kritisiert auch, dass viele Areale, die in den Katastrophenplänen als Sammelplätze ausgewiesen sind, bebaut wurden.

Die Planungen der Stadtverwaltung gehen von rund 350 000 Obdachlosen im Fall des Falles aus. Aber welche Folgen das kommende Beben wirklich haben wird, weiss niemand genau. Das gilt auch für die Zahl der Opfer. Sie hängt stark von der Tageszeit, der Stärke und dem Epizentrum des Bebens ab. Die Schätzungen der Experten bewegen sich in einer Spanne von 20 000 bis 100 000 Todesopfern. Noch ungewisser ist, wann die Erde bebt. Städtebauminister Özhaseki sprach kürzlich davon, das Beben könne sich «zwischen 2030 und 2040» ereignen. Es könnte aber auch sehr viel früher kommen.

Umstrittene Pläne des Bauministeriums

Das Bauministerium plant, in den nächsten 15 Jahren 7,5 Millionen Gebäude in der ganzen Türkei erdbebenresistent zu machen, davon 150 000 in Istanbul. Konkret kann das den erdbebengerechten Ausbau bestehender Bauten, aber auch deren Abriss bedeuten.

Die Pläne des Ministeriums sind umstritten. Viele Hausbesitzer haben kein Geld für Neubauten, auch wenn die Regierung zinslose Kredite verspricht. Minister Özhaseki weiss, dass seine ständigen Warnungen vor der drohenden Katastrophe unpopulär sind. Bei der Preisverleihung in Istanbul sagte er: «Manche fragen mich: Bist du Minister geworden, um schlechte Nachrichten zu verbreiten? Nein. Aber die Gefahr ist real – ob wir darüber reden oder nicht.»

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