ISTANBUL: Die Türkei nach dem Terroranschlag

Das Attentat in der Silvesternacht zeigt einmal mehr, wie brüchig die türkische Gesellschaft zurzeit ist – nicht alle trauern den Opfern nach. Stattdessen zeigt sich, in welche Richtung sich das Land unter Präsident Recep Erdogan entwickelt.

Jürgen Gottschlich
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Die Feuerwehr löscht den Tatort nach einem Autobombenanschlag in Ankara im Februar 2016. (Bild: EPA)

Die Feuerwehr löscht den Tatort nach einem Autobombenanschlag in Ankara im Februar 2016. (Bild: EPA)

Jürgen Gottschlich

Gestern Nachmittag kamen vor den abgesperrten Toren des Nachtclubs Reina die Vertreter des türkischen Tourismusverbandes zusammen, um Blumen für die Opfer des Terroranschlages in der Silvesternacht niederzulegen. In einer kurzen Ansprache beschwor ein Sprecher die freie Lebensweise, die man dem Terror nicht opfern dürfe, und forderte die Istanbuler, aber auch mögliche Besucher aus aller Welt, dazu auf, jetzt nicht zu Hause zu bleiben, sondern aller Terrorangst zum Trotz weiterhin an einem geselligen Leben festzuhalten. Was in Deutschland, in Frankreich, in Belgien und anderen westlichen Ländern, die vom islamistischen Terror betroffen sind, zum Standardrepertoire der Politiker nach einem Anschlag gehört, ist in der Türkei keineswegs selbstverständlich.

Das Attentat im «Reina» hat vielmehr noch einmal die Bruchlinien der türkischen Gesellschaft offengelegt, die es zwar schon lange gibt, die sich aber zunehmend vertiefen. Denn keineswegs waren in der Türkei alle Menschen von dem islamistischen Anschlag auf die Feiernden im «Reina» gleichermassen betroffen. Im Gegenteil häuften sich in den sozialen Medien die Hassposts auf die Ungläubigen und Verräter, denen aufgrund ihres freien Lebenswandels der Terroranschlag ganz recht geschehe, in einem solchen Ausmass, dass sich sogar die islamische AKP-Regierung genötigt sah, dagegen einzuschreiten und Ermittlungen gegen über 300 Hassposts ankündigte. Doch man soll sich nicht täuschen, bei Präsident Erdogan und seinen Ministern hält sich die Empathie für die Opfer und die Angehörigen, die bei dem Blutbad im «Reina» ihrer Liebsten beraubt wurden, in engen Grenzen. Anders als bei Attentaten der kurdischen PKK eilte kein Präsident an den Tatort, und auch Ministerpräsident Binali Yilderim liess sich vor dem «Reina» nicht sehen. Statt Beileid zu bekunden, wurden stattdessen Menschen verhaftet, die nach dem Terroranschlag für die Verteidigung der säkularen Lebensweise demonstrierten. Ein anderer Vorfall, ebenfalls aus der Silvesternacht, macht deutlich, wohin sich die Türkei in Zeiten des Terrors und zunehmend diktatorischer Regentschaft von Präsident Erdogan entwickelt. Der Modemacher und Schwulenaktivist Barbaros Sansal, ein Enfant terrible der türkischen Gesellschaft, der sich aber auch politisch sehr für den Säkularismus engagiert, postete zum Jahreswechsel von seinem Ferienhotel in Nordzypern aus ein Video, in dem er sich in scharfer Form sarkastisch über den zunehmenden Islamismus in der Türkei mokiert.

Einladung zur Lynchjustiz

Das Video erzeugte in der Türkei auf einschlägigen islamischen und nationalistischen Websites ein Sturm der Entrüstung über den Vaterlandsverräter und Nestbeschmutzer Sansal, was dazu führte, dass das Innenministerium einen Haftbefehl wegen Beleidigung und Volksverhetzung ausstellen liess, dem die Behörden des formal unabhängigen Nordzypern in wenigen Stunden nachkamen. Sansal wurde verhaftet und für den Rücktransport ins Mutterland festgehalten. Unterdessen verbreitete die türkische staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, Sansal würde mit einer Maschine, die um 20:55 in Zypern startete, nach Istanbul gebracht. Eine Einladung zur Lynchjustiz, der etliche Fanatiker folgten.

Sansal wurde noch auf der Gangway, als er begleitet von den Polizisten, die ihn in Zypern abgeholt hatten, von Islamisten/Nationalisten angegriffen. Wie der Mob Montagnacht auf das Rollfeld gelangen konnte, wurde im türkischen Fernsehen nicht erklärt – normalerweise ist das eine Hochsicherheitszone, die nur bestimmte Flughafenangestellte betreten dürfen. Sansal wurde auf dem Rollfeld verprügelt, bevor die Polizei ihn dann in U-Haft schaffte. Statt zu erklären, wie so ein Übergriff stattfinden konnte, postete der AKP-Bürgermeister von Ankara, Melih Gökcek, ein Foto des blutigen Gesichtes von Sansal mit der Bemerkung: Gewalt sei zwar abzulehnen, aber Verräter wie Sansal müssten nun einmal mit dem Volkszorn rechnen.

Unterdessen ist der Attentäter vom «Reina» nach wie vor auf freiem Fuss. Seine Identität soll zwar geklärt sein und ein Fahndungsfoto wurde veröffentlicht, doch offenbar hat der Mann genügend Unterstützer, um in Istanbul untertauchen zu können. Solange es gegen feiernde Ungläubige geht, sieht sich mittlerweile ein Teil der türkischen Gesellschaft nicht nur nicht betroffen, sondern gibt dem Mörder zu mindest im Stillen Recht. Islamistischer Terror ist so nur schwer zu bekämpfen.

Weitere Anschläge zu erwarten

Ähnlich verhält es sich bei den Terroranschlägen der PKK. Die rund 18 Millionen Kurden in der Türkei sind zwar bei weitem nicht alle Anhänger der PKK – angesichts der massiven Repression des Staates in den kurdischen Gebieten im Südosten des Landes haben aber viele schon Verständnis dafür, wenn die PKK, aus Sicht der Kurden, zurückschlägt. Solange Präsident Erdogan den Konflikt mit der kurdischen Minderheit mit militärischer Gewalt lösen will, werden die PKK und ihr Ableger TAK, die Freiheitsfalken, immer Unterstützung für ihre Anschläge finden.

Dennoch unternimmt Präsident Erdogan derzeit keinerlei Schritte, um auf den Weg zu einer politischen Lösung mit der kurdischen Guerilla zurückzukehren oder das militärische Engagement der Türkei in Syrien wieder einzuschränken. Im Gegenteil, die Konflikte werden verschärft. Die Regierung hat angekündigt, den Ausnahmezustand zu verlängern und den Entwurf für eine Verfassungsänderung ins Parlament zu bringen, durch die Erdogan eine nahezu uneingeschränkte Machtfülle erhalten wird. Weitere Terroranschläge sind deshalb zu erwarten.

 

Passagiere trösten sich nach dem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen Atatürk im Juni 2016. (Bild: Keystone)

Passagiere trösten sich nach dem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen Atatürk im Juni 2016. (Bild: Keystone)

Angehörige trauern nach der Attacke auf eine Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep im August 2016. (Bild:EPA)

Angehörige trauern nach der Attacke auf eine Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep im August 2016. (Bild:EPA)

Passagiere trösten sich nach dem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen Atatürk im Juni 2016 (oben links). Angehörige trauern nach der Attacke auf eine Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep im August 2016 (oben rechts). Zerstörung nach einer Sprengstoffattacke in Diyarbakir im November 2016 (unten links). Die Feuerwehr löscht den Tatort nach einem Autobombenanschlag in Ankara im Februar 2016 (unten rechts). (Bilder: AP/EPA)

Passagiere trösten sich nach dem Anschlag auf den Istanbuler Flughafen Atatürk im Juni 2016 (oben links). Angehörige trauern nach der Attacke auf eine Hochzeitsgesellschaft in Gaziantep im August 2016 (oben rechts). Zerstörung nach einer Sprengstoffattacke in Diyarbakir im November 2016 (unten links). Die Feuerwehr löscht den Tatort nach einem Autobombenanschlag in Ankara im Februar 2016 (unten rechts). (Bilder: AP/EPA)