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ITALIEN: Auf der Insel der Schwerverbrecher

Auf Pianosa, einer kleinen Insel bei Elba, bewirten Schwerverbrecher Touristen. Das läuft so gut, dass es dafür nicht einmal mehr Wachpersonal braucht.
Dominik Buholzer
Blick auf die Hafenbucht von Pianosa. Täglich dürfen nicht mehr als 250 Menschen die Insel betreten – aber nicht wegen der Strafgefangenen, die dort leben. (Bild: PD)

Blick auf die Hafenbucht von Pianosa. Täglich dürfen nicht mehr als 250 Menschen die Insel betreten – aber nicht wegen der Strafgefangenen, die dort leben. (Bild: PD)

Dominik Buholzer

Die Gefängnismauer hält niemanden mehr zurück. Sie ist löchrig, und die Wachtürme haben schon lange keinen Polizisten mehr gesehen. Nur die Strafgefangenen sind noch immer da. Willkommen auf Pianosa, der ausser­gewöhnlichsten Insel im Mittelmeer.

Bis zu 32 Sträflinge leben heute auf der Insel. Sie führen ein Restaurant und seit kurzem auch ein kleines Hotel. Sie helfen, Wege in Stand zu setzen, und sind in der Landwirtschaft tätig. Es sind die Strafgefangenen, die auf Pianosa zum Rechten schauen. Was sich wie ein Widerspruch anhört, ist Teil eines ganz speziellen Projekts.

Viel Vertrauen, keine Toleranz

Seit 2005 können Strafgefangene, die sich sehr gut benehmen, einen Teil ihrer Haftstrafe auf der Insel verbringen. Den Entscheid dafür fällt ein Team von verschiedenen Experten. Den Verbrechern wird viel Vertrauen geschenkt: Smartphone, Computer, Skype, alle vier bis fünf Tage Besuch von Angehörigen – alles ist erlaubt, auch frei bewegen können sie sich. Aber toleriert wird fast nichts. Wer nicht rechtzeitig zur Arbeit erscheint oder Streit mit den anderen Häftlingen anfängt, der wandert zurück in sein altes Gefängnis. «Das Ziel ist nicht, dass möglichst viele Häftlinge hierherkommen. Aber wenn sie sich sehr gut benehmen im Gefängnis, dann kann dies eine Möglichkeit sein», sagt Massimo Morlacchi, der das Projekt koordiniert.

Pianosa ist 10 Quadratkilometer gross und liegt 14 Kilometer ausserhalb von Elba. Die Küste erstreckt sich über 26 Kilometer, und wer sich ausserhalb des kleinen Ortes bewegen will, braucht eine offizielle Begleitung. Nicht wegen der Sträflinge, sondern wegen des Naturschutzes. Pianosa ist seit 1996 Teil des Nationalparks, der 53 Prozent von Elba umfasst und sich bis auf die Insel erstreckt. Wegen des Naturschutzes ist die Anzahl Besucher auf der Insel heute auf 250 pro Tag begrenzt.

Gefangene auf Pianosa haben Tradition. 1858 wurde eine landwirtschaft­liche Strafkolonie eröffnet. 1970 baute man ein Hochsicherheitsgefängnis für Mafiosi und die Terroristen der Roten Brigaden. Die Roten Brigaden waren eine kommunistische Untergrundorganisation, die zahlreiche Entführungen und Banküberfälle organisierte und für 73 Mordanschläge verantwortlich ist, die zwischen 1970 und 1988 in Italien begangen wurden. 1978 entführten und ermordeten die Roten Brigaden Aldo Moro, den ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten.

Leben ist zu gut, um zu flüchten

1998 wurde das Hochsicherheitsgefängnis geschlossen. Die imposante Gefängnismauer blieb stehen. Um sie abzureissen, fehlte das Geld. Nötig ist sie trotz der Gefangenen nicht, die seit 2005 auf der Insel leben. Einen Fluchtversuch gab es bis heute noch nie. Auch Zwischenfälle mit Touristinnen und Touristen nicht. «Die Gefangenen, die hier sind, wissen sehr gut, was sie haben. Keiner will seinen Aufenthalt hier aufs Spiel setzen», sagt Projektkoordinator Massimo Morlacchi. Das Leben auf der Insel mag zwar auf die Dauer eintönig sein. Doch dafür geniessen die Gefangenen hier mehr Freiheiten als im Gefängnis. In der Unterkunft haben sie mehr Platz, und wenn sie nach der Arbeit an den Strand wollen, können sie dies, ohne dass sie begleitet werden.

Guter Ort für Neuorientierung

Es sind alle möglichen Strafgefangenen, die man heute auf Pianosa antrifft; 60 Prozent von ihnen sind Italiener, der Rest Nordafrikaner oder Osteuropäer. Sehr häufig sind es aber Schwerverbrecher, wie zum Beispiel jener Armenier, der seit 2014 auf Pianosa lebt und uns Red und Antwort steht, aber weder seinen Namen noch sein Bild in der Zeitung sehen will. Auch darf er keine Auskunft zu seiner Straftat machen. Eine Lappalie war sie aber nicht. Er verbüsst eine mehr als zehnjährige Haftstrafe. «Als ich hierherkam, konnte ich erstmals seit neun Jahren wieder meine Frau sehen und mit ihr ein paar Tage verbringen», sagt er. Dass er hier auf der Insel sein kann, bedeutet ihm sehr viel. «Das ist ein guter Ort, um sich grundsätzlich Gedanken über sein Leben zu machen», betont er. Er habe einige Fehler begangen. Jetzt wolle er eine gute Zeit danach aufgleisen.

Das Projekt ist laut Massimo Morlacchi ein Erfolg. Bereits denkt man über einen Ausbau nach. «Wir würden am liebsten die Zahl der Gefangenen auf 50 erhöhen», sagt er. Jetzt muss nur noch das Geld dafür gesprochen werden. «Wenn es schnell geht, sind wir in sieben Monaten so weit, sonst in ein bis zwei Jahren», sagt Morlacchi.

Gefangene tun der Insel gut

Pianosa ist nicht sehr gross, aber reich an seltenen Pflanzen und Tieren. Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Insel gerade wegen des Hochsicherheits­gefängnisses relativ unberührt blieb. Die Gefangenen tun Pianosa ganz offensichtlich gut.

Hinweis

Weitere Informationen zu Ausflügen auf Pianosa gibt es auf www.aquavision.it

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