ITALIEN: Exodus der jungen Akademiker

Immer mehr gut ausgebildete Italiener ver- lassen das Land. Sie flüchten vor der Perspektivlosigkeit – auch in die Schweiz.

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2363 ausgebildete Ärzte haben 2014 Italien verlassen. Im Jahr 2009 waren es noch 396. (Symbolbild Getty)

2363 ausgebildete Ärzte haben 2014 Italien verlassen. Im Jahr 2009 waren es noch 396. (Symbolbild Getty)

Dominik Straub, Rom

In den letzten Jahren hat Italien vor allem mit den Bootsflüchtlingen Schlagzeilen gemacht: Im Jahr 2014 waren 170 000 Personen in Lampedusa und an den Küsten Siziliens gelandet, im vergangenen Jahr 150 000. Doch im Schatten dieser Einwanderungswelle spielt sich seit längerem ein Drama mit umgekehrten Vorzeichen ab: Immer mehr Italiener kehren ihrem Land den Rücken, weil sie nach jahrelanger Krise zu Hause keine berufliche Perspektive mehr erkennen können.

1,5 Millionen mehr Auslanditaliener

Es sind alarmierende Zahlen, welche die Römer Stiftung Migrantes erhoben hat: Jedes Jahr verlassen rund 100 000 Italiener ihr Land, Tendenz steigend. Die Zahl der Auslanditaliener ist seit 2006 von 3,1 Millionen auf 4,6 Millionen gestiegen, was einem Anstieg um 50 Prozent entspricht. Zu den beliebtesten Auswanderungszielen gehören Deutschland und die Schweiz, wo 675 000 respektive 580 000 Italiener leben. «Die wirtschaftliche Krise ist zu einer demografischen Krise geworden», betonte Giancarlo Perego von der Stiftung Migrantes bei der Vorstellung des jüngsten Berichts.

Vor allem Norditalien betroffen

Im Unterschied zu den grossen Auswanderungswellen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts stammen die italienischen Emigranten heute nicht mehr mehrheitlich aus dem armen Süden, sondern aus dem wirtschaftlich produktiven Norden. Und im Unterschied zu früher, als viele der Emigranten kaum lesen und schreiben konnten, sind heute die meisten Auswanderer gut bis sehr gut qualifiziert: Laut dem Statistikamt Istat besassen von den Auswanderern der letzten sechs Jahre 48 Prozent einen Hauptschulabschluss, 30 Prozent ein Berufsdiplom oder eine Matura und 22 Prozent einen Universitätsabschluss. Die «fuga dei cervelli» (Flucht der Gehirne), wie die Auswanderung der Gutausgebildeten in Italien genannt wird, lässt sich bei den Medizinern besonders gut belegen: Während im Jahr 2009 noch 396 ausgebildete Ärzte das Land verliessen, waren es im Jahr 2014 bereits 2363. Rechnet man mit Ausbildungskosten von einer halben Million Euro pro Mediziner, bedeutet dies, dass der italienische Staat in einem einzigen Jahr über eine Milliarde Euro investiert hat, die nun ausländischen Gesundheitssystemen zugutekommen. Laut einer Studie sind von 2008 bis 2015 durch die Auswanderung rund 23 Milliarden Euro an Bildungsinvestitionen ans Ausland verloren gegangen. Der Grund für die «Flucht der Gehirne» liegt auf der Hand: Laut einer am Mittwoch vorgestellten Untersuchung des europäischen Statistikamts Eurostat findet in Italien nur jeder zweite Studienabgänger innerhalb von drei Jahren nach Studienabschluss eine Stelle; damit liegt Italien vor Griechenland an zweitletzter Stelle.

Vetternwirtschaft und Geschacher

Vor Ausbruch der Krise im Jahr 2008 waren es wenigstens noch 62 Prozent gewesen. In Deutschland dagegen finden 90 Prozent der Studienabgänger spätestens nach drei Jahren eine Stelle, in England 83 Prozent und in Frankreich 75 Prozent. Der zentrale Grund für die schlechten Jobaussichten ist in erster Linie der Hang der italienischen Eliten zu Postenschacher und Vetternwirtschaft: Wer eine Stelle zu vergeben hat, der interessiert sich in der Regel weniger für das Curriculum, sondern mehr für die familiäre oder politische Herkunft eines Kandidaten. Deshalb ist die Akademiker-Abwanderung auch kein politisches Thema: Diejenigen, die an der Situation etwas ändern könnten – Politiker, Unternehmer und hohe Funktionäre – haben ausgesorgt: Sie werden für die eigenen Kinder, aber auch für diejenigen der Verwandten und der Freunde und der Freunde der Freunde immer einen schönen Posten finden.