Islamischer Staat
Italien im Visier des IS: «Sind jetzt im Süden von Rom»

Die islamistische Terrororganisation Islamischer Staat rückt in Libyen vor und stösst deutliche Warnungen an Italien aus. Sorge bereiten den Italienern auch die Hundertausende Flüchtlinge, die in der ehemaligen Kolonie auf eine Überfahrt warten.

Dominik Straub, Rom
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Italienische Polizisten auf dem St-Petersplatz in Rom.

Italienische Polizisten auf dem St-Petersplatz in Rom.

Keystone

Am Sonntag ist die italienische Botschaft in Tripolis vorübergehend geschlossen worden, als letzte westliche Vertretung in der libyschen Hauptstadt. Das Personal wurde zusammen mit weiteren italienischen Staatsbürgern in der Nacht auf gestern per Schiff nach Italien gebracht. Als Begründung gab Rom die verschlechterte Sicherheitslage an, die sich aus dem Vorrücken der Kämpfer des Islamischen Staats (IS) ergeben habe.

Schon nach der Eroberung der Stadt Sirte im Osten Libyens durch den IS in der letzten Woche hatte die Regierung die italienischen Staatsbürger in Libyen aufgefordert, das Land zu verlassen. Vor allem der Energieriese ENI beschäftigt zahlreiche Italiener in Libyen.

IS-Flagge auf dem Petersplatz

Eine Fotomontage mit IS-Flagge auf dem Obelisk auf dem Petersplatz in Rom ziert die Titelseite des IS-Propagandamagazins.

Eine Fotomontage mit IS-Flagge auf dem Obelisk auf dem Petersplatz in Rom ziert die Titelseite des IS-Propagandamagazins.

Zur Verfügung gestellt
Ausschnitt aus dem letzten IS-Enthauptungsvideo an der libyschen Küste. Bis nach Italien sind es nur etwa 300 Kilometer.

Ausschnitt aus dem letzten IS-Enthauptungsvideo an der libyschen Küste. Bis nach Italien sind es nur etwa 300 Kilometer.

Keystone

Renzi warnt vor Hysterie

Libyen ist für Italien fast ein Nachbarland: Bis zum Zweiten Weltkrieg war das nordafrikanische Wüstenreich eine italienische Kolonie; die italienische Insel Lampedusa liegt nur rund 300 Kilometer vor der libyschen Küste. Am Wochenende haben sowohl Aussenminister Paolo Gentiloni als auch Verteidigungsministerin Roberta Pinotti laut über eine Intervention in Libyen nachgedacht, gegebenenfalls unter italienischer Führung. Inzwischen haben beide erklärt, dass ein Militäreinsatz selbstverständlich im Rahmen eines UNO-Mandats erfolgen müsste.

Auch Regierungschef Matteo Renzi zeigte sich besorgt, betonte aber gestern nach einem Telefonat mit Ägyptens Präsident al-Sisi, dass es verfehlt wäre, nach der bisherigen Gleichgültigkeit gegenüber Libyen jetzt in Hysterie zu verfallen. In dem «ausser Kontrolle geratenen Land» müsse verantwortlich und vorsichtig vorgegangen werden.

Die italienische Diplomatie drängt die UNO und die Europäische Union seit längerem darauf, die Situation in Libyen als «absoluten Notfall» zu betrachten, der den gesamten Westen betreffe und die gleiche Priorität wie die Ukraine verdiene, wie Innenminister Angelino Alfano am Montag gegenüber der Zeitung «Repubblica» betonte. Alfano warnt in diesem Zusammenhang ausdrücklich vor einem neuen Flüchtlingsstrom, der durch das Vorrücken des IS in Libyen entstehen könnte. Und er mahnt zur Eile: «Die Milizen des Kalifats rücken derzeit schneller vor, als auf internationaler Ebene Entscheide gefällt werden.»

Auch Flüchtlinge fürchten sich

Laut dem italienischen Innenministerium befinden sich in Libyen derzeit etwa 200 000 Flüchtlinge in fünf Auffanglagern, die auf eine Gelegenheit für die Überfahrt nach Italien und damit nach Europa warten. Weitere 400 000 Flüchtlinge könnten nun angesichts des Vorrückens des IS hinzukommen, warnen italienische Geheimdienste. Mit der Zahl der Flüchtlinge steige ausserdem die Gefahr der Infiltration der Flüchtlingsströme durch IS-Kämpfer.

Dass am Wochenende erneut über 2100 Flüchtlinge trotz schlechter Wetterbedingungen von der Küste Libyens losgefahren waren und von der italienischen Küstenwache gerettet werden mussten, wird in Rom als Indiz dafür gewertet, dass die Angst vor dem IS unter den Flüchtlingen in Libyen inzwischen beträchtlich ist.