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ITALIEN: Lange Haftstrafen für Roms Mafia, die keine ist

Im Prozess gegen die sogenannte «Mafia Capitale» sind die Angeklagten zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Laut dem Gericht handelt es sich bei der Bande aber nicht um eine Mafia im Wortsinn.
Dominik Straub, Rom
Die Richter verkünden das Urteil im sogenannten «Mafia Capitale»-Prozess. (Bild: Massimo Percossi/EPA (Rom, 20. Juli 2017))

Die Richter verkünden das Urteil im sogenannten «Mafia Capitale»-Prozess. (Bild: Massimo Percossi/EPA (Rom, 20. Juli 2017))

Die insgesamt 46 Angeklagten waren bei zwei Grossrazzien im November 2014 und im Juni 2015 festgenommen worden. Die Liste der Verhafteten las sich wie ein «Who is who» der Römer Lokalpolitik der letzten Jahre: Ins Gefängnis wanderten ehemalige Fraktionschefs, Chefbeamte und Geschäftsleute.

Die «Mafia Capitale», wie das Syndikat in den Medien genannt wurde, hatte jahrelang die Stadtverwaltung unterwandert und sich bei der Betreuung von Flüchtlingen bereichert: Die Bande hatte dafür gesorgt, dass die öffentlichen Vergaben für die Betreibung von Flüchtlingsunterkünften an die richtigen Personen und Kooperativen gingen. Aber die Flücht­linge waren nicht das einzige Business: Der Ex-Chef der Müllabfuhr, Franco Panzironi, stand mit einem Monatslohn von 5000 Euro auch auf der Gehaltsliste der Hauptstadt-Gangster.

Ehemaliger Rechtsterrorist zu 20 Jahren Haft verurteilt

Mit 20 Jahren Gefängnis die höchste Strafe erhielt der Kopf der «Mafia Capitale», der ehemalige Rechtsterrorist Massimo Carminati, genannt «der Einäugige». Den Übernamen verdankt er seiner Augenbinde: In den Achtzigerjahren war Carminati bei einem Fluchtversuch von einer Polizeikugel am linken Auge getroffen worden.

Der heute 58-jährige Ex-Terrorist war damals führendes Mitglied der neofaschistischen Gruppe «Bewaffnete revolutionäre Zellen» (NAR) gewesen, die für 30 politische Morde verantwortlich gemacht wurde. Später wechselte er zur «Magliana-Bande», einem berüchtigten Römer Verbrecherkartell. Er sitzt in einem Hochsicherheitsgefängnis.

Die Nummer 2 der «Mafia Capitale», Salvatore Buzzi, wandert für 19 Jahre ins Gefängnis. Er stammt aus dem entgegengesetzten politischen Milieu, jenem der linken Genossenschaften. Diese sind immer dann gefragt, wenn mit staatlichen Millionenbeträgen Sozialwohnungen gebaut, Flüchtlingsheime betrieben oder andere öffentliche Aufgaben wahrgenommen werden. Buzzis Genossenschaften waren in Rom in den letzten Jahren auffallend oft zum Zug gekommen. Laut der Staatsanwaltschaft hatten Buzzi und Carminati reihenweise Stadtpolitiker und Chefbeamte geschmiert – und dafür im Gegenzug die gewünschten Millionenaufträge erhalten. «Wenn du eine Kuh melken willst, musst du ihr vorher zu fressen geben», beschrieb Buzzi einmal in einem von der Polizei abgehörten Telefongespräch sein Geschäftsmodell.

Besonders leicht konnten Carminati und Buzzi die Behörden von 2008 bis 2013 infiltrieren, als Gianni Alemanno auf dem Kapitol regierte. Auch Ex-Bürgermeister Alemanno von der Ber­lusconi-Partei Forza Italia hatte eine Vergangenheit als neofaschistischer Schläger vorzuweisen und in seiner Amtszeit Hunderte von Freunden bei den Stadtbetrieben untergebracht, darunter auch Dutzende ehe­maliger «Kameraden» aus der rechtsextremen Szene.

«Kriminelle Vereinigung» – ohne verschärfenden Zusatz

Die zentrale Frage vor dem Strafgericht lautete, ob es sich bei den in Rom aufgedeckten Zuständen «nur» um eine systematische und allgegenwärtige Korruption handelt – oder ob sich in Rom eine richtige Mafia eingenistet hatte. Der Staatsanwalt bejahte diese Frage, obwohl den Angeklagten keine Gewalttaten oder Einschüchterungen nachgewiesen werden können. Das Römer Strafgericht bezeichnete die Gruppe gestern als «kriminelle Vereinigung», aber ohne den strafverschärfenden Zusatz «ma­fiösen Typs».

Fest steht, dass die «Mafia Capitale» nicht die alleinige Schuld am erbärmlichen Zustand des öffentlichen Dienstes in Rom trägt. Das belegt der Umstand, dass seit den beiden Verhaftungswellen auch unter der neuen Bürgermeisterin Virginia Raggi von Beppe Grillos Protestbewegung keine Verbesserung eingetreten ist. Wie sollte sie auch: In dieser Woche hat die Römer Staatsanwaltschaft bekanntgegeben, dass derzeit gegen weitere 70 der insgesamt 190 kommunalen Chefbeamten der Ewigen Stadt Ermittlungen laufen.

Dominik Straub, Rom

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