Analyse

«It's Joe Time!» Die Demokraten feiern die offizielle Nominierung von Biden – am mangelnden Enthusiasmus ändert das nichts

Viel Pathos und ein neuer Versprecher des 77-jährigen demokratischen Präsidentschaftskandidaten prägten den zweiten Abend des Parteitages.

Samuel Schumacher
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Joe Biden mit seiner Frau Jill und seinen Enkeln: Sie feierten die Nominierung in der Bibliothek der High School von Bidens Heimatstadt Wilmington.

Joe Biden mit seiner Frau Jill und seinen Enkeln: Sie feierten die Nominierung in der Bibliothek der High School von Bidens Heimatstadt Wilmington.

Keystone

Seit Wochen steuerten die US-Demokraten unaufhaltbar auf diesen Moment zu. Jetzt ist es offiziell: Joe Biden ist der demokratische Herausforderer von Präsident Donald Trump im Rennen ums Weisse Haus.

Am zweiten Abend des Parteitages der Demokraten, der wegen der Coronapandemie nur virtuell stattfindet, gaben die Vertreter der Partei in allen Bundesstaaten ihre Voten bekannt. Ein Grossteil der Delegiertenstimmen ging an Biden, ein kleiner Teil an seinen längst aus dem Rennen geschiedenen sozialistischen Kontrahenten Bernie Sanders. Per Videocall schalteten sich die Parteisprecher aus allen Landesecken zu und verkündeten mit viel Inbrunst: «It’s Joe Time!» Der Vertreter aus Rhode Island präsentierte aus Anlass des Freudentages stolz einen Teller frittierter Calamari (die lokale Spezialität), die Parteioberen aus Michigan posierten zu Ehren von Joes Vater (einem Autoverkäufer) vor drei auf Hochglanz polierten Boliden, die Sprecherin aus Montana stellte sich auf eine Weide voll grasender Kühe und Nevadas Demokraten posierten in bester Roadtrip-Manier vor dem blinkenden «Welcome»-Signet in Las Vegas.

Viel Americana, viel Pathos – und dann die Liveschaltung in die Bibliothek der High School von Joe Bidens Heimatstadt Wilmington, von wo aus der frischgekürte Kandidat mit seiner Frau Jill in die Kamera strahlte. Im Hintergrund jubelten seine Enkel und bewarfen den Opa mit Girlanden und farbigen Ballons. Seinen offiziellen «Acceptance Speech» gibt Biden erst am Donnerstag. Gestern Nacht aber sagte er schon mal: «Das bedeutet die Welt für mich und meine Familie.» Auf Twitter verkündete er später, die Nominierung als Präsidentschaftskandidat sei «die Ehre meines Lebens».

Kamalas Kapuzenpulli und Jill Bidens «Ja»-Wort

Damit ist der Hauptakt des demokratischen Parteitages vollzogen. Der Parteiheld ist gekürt, die Reihen sind geschlossen, die Politschlacht gegen die republikanischen Machthaber kann beginnen. An Kampfbereitschaft mangelt es den Demokraten nicht. Das haben sie gestern bewiesen – trotz der online kursierenden Bilder von Bidens Vizepräsidentschaftskandidatin Kamala Harris (55), die die Feier im Kapuzenpulli zuhause auf ihrem Sofa beiwohnte und einen etwas gar relaxten Eindruck hinterliess.

Wie tauglich das demokratische Geschütz für den Sturm auf das republikanisch besetzte Weisse Haus aber ist, das ist auch nach dem zweiten Abend des demokratischen Parteitages nicht völlig klar. Biden wirkte einmal mehr leicht verwirrt und sagte zu seiner Frau Jill nach deren Ansprache schlicht «Komm her. Wie geht’s dir?» Danach stellte er sie vor als «zukünftige First Lady Lady Lady Lady». Jill lächelte. Genau wie im Home-Video, das die Veranstalter des virtuellen Parteitages zuvor abspielen liessen. Darin sieht man das Ehepaar Biden auf dem Sofa sitzen und in Erinnerungen schwelgen. Joe erzählt, wie er Jill mehrfach um ihre Hand anhalten musste.

«Ich sagte ihr: So, jetzt frage ich dich zum letzten Mal. Willst du mich heiraten? Dann sagte sie: Okay.»

Auch in diesem Moment lächelte Jill. Ihr Ja-Wort gab sie Joe Biden 1977. Seither hat sich ihr Ehemann dreimal als demokratischer Anwärter auf das Präsidentschaftsamt beworben. 1988 und 2008 hats nicht geklappt. 2020 schliesslich hat jetzt auch Amerika – wie einst Jill – «Okay» gesagt.

Untermalt wurde das OK von Zuschaltungen mächtiger älterer Herren, die Biden ihre Unterstützung zusagten. Ex-Präsident Bill Clinton (74) sagte, das Oval Office müsse wieder ein Kommandozentrum werden und dürfe nicht länger das «Zentrum des Chaos» bleiben. Ex-Aussenminister John Kerry (76) sagte, die USA bräuchten einen Präsidenten, zu dem man aufschauen könne, statt über ihn zu lachen. Und schliesslich meldeten sich auch altgediente Republikaner wie Ohios Ex-Gouverneur John Kasich (68) und George W. Bush’s Aussenminister Collin Powell (83) zu Wort und sagten: Parteizugehörigkeit hin oder her, Trump muss weg!

Der Superstar kriegte 90 Sekunden Redezeit

Ältere Herren, die einem älteren Herren den Rücken stärken. In starkem Kontrast dazu stand der Auftritt des demokratischen Jungstars Alexandria Ocasio-Cortez (30), die 90 Sekunden Redezeit erhielt und diese dazu nutzte, ihre Unterstützung für Bidens einstigen Herausforderer Bernie Sanders deutlich zu machen. Dieser hatte am Montagabend Präsident Trump mit dem römischen Kaiser Nero verglichen, der einst auf seiner Laute spielte, während er Rom niederbrannte. Für Biden – das machte der Kurzauftritt von Ocasio-Cortez überdeutlich – brennt niemand so richtig, mindestens nicht die junge Generation der Demokraten.

Die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus New York gilt als künftiger Superstar der Partei. Die 30-Jährige erhielt gerade mal 90 Sekunden Sprechzeit.

Die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez aus New York gilt als künftiger Superstar der Partei. Die 30-Jährige erhielt gerade mal 90 Sekunden Sprechzeit.

Keystone

Dass die «Dems» durchaus frischere Kräfte als den 77-jährigen Biden in ihren Reihen gehabt hätten, wurde gestern Nacht noch einmal deutlich. Unter den virtuellen Sprechern waren neben Alexandria Ocasio-Cortez auch Pete Buttigieg (38), Ex-Mitbewerber um die demokratische Nominierung, oder Stacey Abrams (46), die als schwarze Frau beinahe die Sensation geschafft hätte, zur Gouverneurin des konservativen Bundesstaates Georgia gewählt zu werden.

Parteitage sind immer auch eine Art Casting-Bühne für zukünftige politische Leitfiguren. Das weiss auch Joe Biden. Und wenn er einige von ihnen mit an Board holt und mit einflussreichen Ämtern versieht, ja wenn er vielleicht sogar über die Parteigrenzen hinweg die Hände ausstreckt und moderate Republikaner mit in seine Regierung nimmt, dann könnte der Funke vielleicht doch noch auf die Massen überspringen. Bislang – und darüber konnte auch das virtuelle Gejubel am zweiten Abend der «Democratic National Convention» nicht hinwegtäuschen – lodert das Feuer für Joe Biden äusserst verhalten.

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