EM-Qualifikation
Ivan Bogdanov - die Fratze von Genua

Der serbische Fussball hat mit dem Abbruch des EM-Qualifikationsspiels in Genua eine herbe Niederlage erlitten. Dahinter stehen Nationalisten, die den jungen Staat destabilisieren wollen.

Sven Zaugg
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Keystone

Ein Kerl wie ein bulliger Hüne, auf dem T-Shirt ein Totenkopf, den recht Arm zum Hitlergruss in die Fernsehkameras gereckt. Als die italienische Polizei Ivan Bogdanov noch in der gleichen Nacht aus einem abfahrtbereiten Reisebus zerrte, war der Schaden bereits angerichtet - sportlich und materiell.

«Diese Tyrannen sind eine Schande für unser Land», klagte Serbiens Sportminister Snezana Samardic-Markovic nach den Ausschreitungen in Genua. Offensichtlich wolle jemand beweisen, dass Serbien weder bereit noch reif ist für Europa», schob Slobodan Homen, Staatssekretär im Justizministerium, nach. Tatsächlich unterscheiden sich die wüsten Krawalle im Stadio Luigi Ferraris von den üblichen - nicht minder gefährlichen - Ausschreitungen in und um europäische Stadien. Serbische Politiker vermuten eine «politische Sabotage», gar «einen Angriff auf den Staat». Was reichlich pathetisch klingt, ist in Serbien traurige Wahrheit: Die politische Instrumentalisierung des serbischen Fussballsports hat Tradition.

Der Kriegsverbrecher Željko Ražnatović auch bekannt als «Arkan», war Anführer der paramilitärischen Organisation Srpska dobrovoljačka garda während der Jugoslawienkriege. Ihm wurde vorgeworfen, Völkermord und Vertreibungen an Nicht-Serben befehligt zu haben. Am 11. Oktober 1990 gründete Ražnatović die paramilitärische Serbische Freiwilligengarde (Srpska Dobrovoljačka Garda). Der Kern dieser Truppe stammte aus den Reihen der Hooligans von Roter Stern Belgrad, Ražnatović war ihr Kommandant (sza)

Der Kriegsverbrecher Željko Ražnatović auch bekannt als «Arkan», war Anführer der paramilitärischen Organisation Srpska dobrovoljačka garda während der Jugoslawienkriege. Ihm wurde vorgeworfen, Völkermord und Vertreibungen an Nicht-Serben befehligt zu haben. Am 11. Oktober 1990 gründete Ražnatović die paramilitärische Serbische Freiwilligengarde (Srpska Dobrovoljačka Garda). Der Kern dieser Truppe stammte aus den Reihen der Hooligans von Roter Stern Belgrad, Ražnatović war ihr Kommandant (sza)

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Faschisten und Orthodoxe

Beleuchtet man das Umfeld des 29-Jährigen, so scheinen sich die Annahmen der serbischen Behörden zu bestätigen. Bogdanov - Rufname Coi - gilt gemäss serbischen Ermittlungsbehörden als führendes Mitglied der extremistischen Fan-Gruppe des «FK Roter Stern Belgrad» wie auch der «Ultra Bojs». Ebenfalls soll er Mitglied der «Bewegung 1389» sein - einer radikalen Rechten, deren Triebkraft die «Säuberung» des serbischen Territoriums von «Nicht-Serben» ist. 1389 steht als Jahreszahl für ein historisches Ereignis in der serbischen Geschichte: die Schlacht auf dem Amselfeld. Bis heute wird die damals erlittene Niederlage der Serben durch die Osmanen politisch Instrumentalisiert und der Bevölkerung als Rechtfertigung für die Vertreibung der muslimischen Gesellschaft aus Serbien dargelegt. Nationalisten und die serbisch-orthodoxe Kirche kämpften hierbei nicht selten Seite an Seite.

So auch am vergangenen Wochenende in Belgrad. Bei der zweiten Gay-Pride-Parade durch Serbiens Hauptstadt kam es zu schweren Krawallen zwischen rechtsextremen Gruppierungen aus dem Umfeld des «FK Roter Stern Belgrad», der klerikal-faschistischen Bewegung «Obraz», flankiert von der serbisch-orthodoxen Kirche und rund 1000 Teilnehmern der Gay-Pride-Parade. 250 Personen wurden nach Informationen serbischer Medien festgenommen. Es sei davon auszugehen, dass sich Bogdanov ebenfalls an den Ausschreitungen in Belgrad beteiligt habe. Genua könnte man quasi als Nachfolgeschlacht betrachten, berichten serbische Medien.

Geldstrafe oder Ausschluss

Bogdanov, der bereits mehrmals mit den Behörden in Konflikt kam, soll nach der Unabhängigkeitserklärung vom Kosovo an Demonstrationen und Ausschreitungen genauso beteiligt gewesen sein wie nach der Verhaftung und Auslieferung von Kriegsverbrecher Radovan Karadzic. Die «Ultra Bojs» besetzten aber auch schon eine Polizeistation und stürmten den Hauptsitz des Fernsehsenders RTS.

Die Euopäische Fussball-Union (UEFA) hat nach den hässlichen Ausschreitungen umgehend eine Ermittlungsverfahren eingeleitet und wird voraussichtlich am 28. Oktober über mögliche Sanktionen entscheiden. Diese reichen von einer Geldstrafe über Stadionverbot bis zum Ausschluss aus laufenden oder künftigen Wettbewerben, teilte die UEFA nach dem zweiten Spielabbruch der EM-Geschichte mit.