JAHRESTAG: Frankreich ist nicht mehr «Charlie»

Die Anschläge auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» erschütterten vor einem Jahr ganz Frankreich. Seither hat sich das Land verändert: In Paris herrscht nun der Geist des Front National.

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Zehntausende kamen am 7. Januar 2015 in Paris zusammen, um der Terroropfer zu gedenken. (Bild: AP/Thibault Camus)

Zehntausende kamen am 7. Januar 2015 in Paris zusammen, um der Terroropfer zu gedenken. (Bild: AP/Thibault Camus)

Stefan Brändle, Paris

Schon ein Jahr! Morgen, am 7. Januar, ist es genau ein Jahr her, dass zwei Brüder namens Chérif und Saïd Kouachi in die Redaktionssitzung des Satireblattes «Charlie Hebdo» eindrangen und mit ihren Kalaschnikows ein Blutbad anrichteten. Einen Tag später brachte ihr Komplize Amédy Coulibaly eine Polizistin im Pariser Vorort Montrouge um; am dritten Tag, einem Freitag, nahm und erschoss er in einem jüdischen Kleinmarkt sodann mehrere Geiseln, während die Polizei gerade die Kouachis in einer Fabrik östlich der Hauptstadt stellte.

Ein Land steht unter Schock

17 Personen plus die drei Terroristen liessen dabei ihr Leben. Frankreich stand unter Schock: Am Sonntag vor einem Jahr gingen in Frankreich spontan vier Millionen Menschen auf die Strasse und beschworen die Solidaritätsdevise «Je suis Charlie». An der Spitze der Pariser Demo, die so riesig war, dass sie in drei Züge geteilt werden musste, marschierten gut 40 Staats- und Regierungschefs von Angela Merkel bis Viktor Orbán. Nur die Rechtspopulistin Marine Le Pen war unerwünscht und musste an einen Front-National-Umzug in der fernen Camargue ausweichen.

In den Wochen danach ging Frankreich in sich und fragte sich, wie es so weit hatte kommen können; Premierminister Manuel Valls gelangte gar zur Einsicht, dass die Banlieue-Jugend in einer sozialen, schulischen und geografischen «Apartheid» lebe. Der französische Präsident François Hollande erklärte, die Republik sorge sich um alle Bürger aller Religionen.

Satire versus Religion

Bald zeigten sich aber Risse im schönen Bild nationaler Eintracht. Die Polizei nahm in ihrem Eifer nicht nur verdächtige Islamisten fest, sondern zum Beispiel auch einen Achtjährigen, der etwas von Dschihad faselte. Im Frühling erschien posthum ein Essay des erschossenen «Charlie»-Zeichners Charb, das die umstrittenen Mohammed-Karikaturen rechtfertigte. «Aufgrund welcher verdrehten Theorie ist Humor weniger vereinbar mit dem Islam als mit einer anderen Religion?», fragte der frühere Vordenker des Satireblattes, um sich gegen den Vorwurf der Islamophobie zu verteidigen. Danach warf der Soziologe Emmanuel Todd der «Charlie»-Gemeinde in einer Streitschrift vor, sie bestehe nur aus der «weissen, katholischen Mittelschicht». Diese sei bemüht, «ihre Privilegien und insbesondere ihr gutes Gewissen gegen Ausgeschlossene, alteingesessene Arbeiter oder Kinder von Einwanderern zu verteidigen».

Luz, ein Überlebender und tragender Pfeiler von «Charlie Hebdo», der nach dem Anschlag das kongeniale Cover mit dem weinenden Propheten («alles ist verziehen») entworfen hatte, brach ein langes Schweigen und erklärte, er sei es «müde», weiter Mohammed zu zeichnen und falsch verstanden zu werden. Im September verliess er die Redaktion.

Bestseller kultivieren Ängste

Ein Bestseller wirkte weiter: Michel Houellebecq beschrieb in der Politfiktion «Unterwerfung» einen islamistischen Wahlsieg in Frankreich. Der Plot entspringt eher den Fantasien und Ängsten eines hoch neurotischen Autors als der wahlpolitischen Realisierbarkeit, doch das tat nichts zur Sache: Dass das Buch zufällig und ausgerechnet am Tag der «Charlie»-Anschläge erschienen war, verlieh ihm von Beginn an Kultstatus.

Ebenso erfolgreich war «Der französische Selbstmord» des Reaktionärs Eric Zemmour – ein Pamphlet, das den neuen Vormarsch des fremdenfeindlichen Front National bei den Regionalwahlen von Mitte Dezember vorwegnahm.

Martialischer Ausnahmezustand

Doch zuerst erzitterte Frankreich ein zweites Mal in seinen Grundfesten, als ein Terrorkommando am 13. November die Gäste von Pariser Bistroterrassen und des «Bataclan»-Lokals mit ihren Sturmgewehren niedermähte. 130 Tote blieben zurück, 350 wurden teils schwer verletzt. Darunter der «Charlie»-Geist: Versöhnlichkeit, Brüderlichkeit und republikanisches Zusammenstehen sind in Frankreich nicht mehr aktuell. Hollande gab sich martialisch und dekretierte den nationalen Ausnahmezustand; der frühere Banlieue-Bürgermeister Valls äusserte kein Verständnis mehr für die Banlieue-Kids, sondern sprach von einem «Krieg der Zivilisationen».

Auch sonst erinnerte das Vorgehen der beiden Sozialisten eher an den amerikanischen «Patriot Act» nach den Nine-Eleven-Anschlägen auf die New Yorker Twin Towers. Frankreich drapiert sich in die Trikolore; die Armeepatrouillen in den Strassen gehören heute ebenso zum Alltag wie die bereits über 3000 Hausdurchsuchungen, die in Wohnvierteln ohne richterliche Ermächtigung vorgenommen wurden und weiter werden.

Fremd im eigenen Land

In der französischen Politik hat es «Charlie» nicht leichter. Die Dezemberwahl, die den Front National (FN) als führende Partei Frankreichs bestätigte, ist vorbei, doch Hollande portiert weiter FN-Vorschläge wie die Aberkennung der Staatsbürgerschaft für Terroristen. Der Philosoph Alain Finkielkraut tönte wie ein Le-Pen-Echo, er fühle sich angesichts der Immigration fremd im eigenen Land.

Das gilt allerdings mindestens so sehr für Hunderttausende junger Franzosen der zweiten und der dritten Einwanderergeneration: Im Vorstadtzug werden sie misstrauisch angeschaut, bei der Ankunft im Pariser Gare du Nord von der Polizei gefilzt. Die Zahl islamfeindlicher Akte – Anschläge auf Moscheen und dergleichen – ist 2015 auf über 400 hochgeschnellt. Die IS-Terrorstrategen im fernen Syrien reiben sich die Hände.

Wütender Mob aus dem Nichts

Als an Weihnachten ein paar Ban­lieue-Rowdys in der korsischen Stadt Ajaccio Feuerwehrleute mit Steinen bewarfen, versammelte sich im Stadtzentrum aus dem Nichts ein Mob. Zum Ruf «Arabi Fora!» (Araber raus!) zogen ein paar hundert Korsen zu einem muslimischen Gebetsraum und verwüsteten ihn. Dann verbrannten sie Exemplare des Koran, von dem die Steinewerfer wohl noch keinen Buchstaben gelesen hatten. In einigen anderen Städten hatten muslimische Verbände am Heiligabend hingegen mitgeholfen, Kirchen vor befürchteten Anschlägen zu schützen. «Wir leben zusammen, wir sind alle Brüder», sagte Organisator Hachim El Jazouli in Lens (Nordfrankreich). Die Kirchenbesucher spendeten der symbolischen Aktion dankbar Applaus. Vielleicht erinnerten sie sich kurz an die Zeit, als in Frankreich noch der «esprit Charlie» geweht hatte.

«Ein magischer Moment, der nicht von Dauer sein konnte»

Terrorsbp. Dominique Moïsi (69, Bild) ist einer der bekanntesten Politologen Frankreichs. Der Spezialberater des französischen Institutes für internationale Beziehungen (IFRI) war Professor an der Pariser Elite-Uni Sciences Po sowie in Harvard. Auf Deutsch erschien von ihm zuletzt «Kampf der Emotionen: Wie Kulturen der Angst, Demütigung und Hoffnung die Weltpolitik bestimmen».

Terroranschläge, Vormarsch des Front National: Was ist mit Frankreich los?
Dominique Moïsi: Dass Frankreich 2015 Schauplatz mehrerer Terrorangriffe wurde, hat zwei Gründe. Von den EU-Staaten kämpft Frankreich heute fast allein im Irak, in Syrien und Afrika. Der Flugzeugträger «Charles de Gaulle» im östlichen Mittelmeer hat dabei nicht nur symbolische, sondern auch operative Schlagkraft, trug doch seine Luftwaffe zum Fall der IS-Hochburg Ramadi bei. Dazu kommt das Gewicht der französischen Geschichte – der unverdaute Algerien-Krieg, die ungelöste Integration der nordafrikanischen Zuwanderer, die Banlieue-Zonen, die der republikanischen Kontrolle entgleiten.

Davon profitiert der Front National?
Moïsi: Durchaus, obschon sein Vormarsch natürlich schon früher begann. Sein Erfolg bei den jüngsten Regionalwahlen im Dezember muss zudem relativiert werden: Auch wenn erstmals fast sieben Millionen Franzosen FN gewählt haben, eroberte die Partei im zweiten Wahlgang keinen einzigen Regionalrat. Die Partei lebt von den Ängsten in der Bevölkerung, macht aber den Franzosen selber Angst.

Vor einem Jahr demonstrierten Millionen zum Slogan «Je suis Charlie». Was wurde aus der Solidarität?
Moïsi: Das war ein kurzer, fast magischer Moment, der nicht von Dauer sein konnte. Die Franzosen mögen und brauchen solche Zelebrationen, die sehr schön sind, aber auch etwas künstlich wirken. Es war eine spontane und sehr breite Reaktion auf den ersten Schock. Man wusste nicht, dass ein zweiter folgen würde.

Die Franzosen fragen sich: Gibt es so etwas wie einen Attentatsrhythmus?
Moïsi: Anschläge erfolgen oft nach militärischen IS-Niederlagen auf dem Feld. Nach dem Fall von Kobane in Nordsyrien kam es zu Terrorattacken in Istanbul, Beirut, dann Paris. Man kann sich fragen, ob der Fall von Ramadi eine neue Anschlagsserie auslösen wird. Die IS-Chefs wollen in ihrem psychologischen Krieg beweisen, dass sie brandgefährlich bleiben. Damit suchen sie nicht zuletzt neue Mitstreiter im Mittleren Osten, in Nordafrika und auch Europa zu mobilisieren.

Welche Rolle spielt dabei der Islam?
Moïsi: Viele sagen, der IS radikalisiere den Islam. Ich glaube im Gegenteil an eine «Islamisierung der Radikalität». Mehrere Studien zeigen, dass die jungen Dschihadisten den Islam kaum kennen; sie interessiert einzig die Gewalt. Diese Kultur der extremen Gewalt nährt sich in den europäischen Vorstädten vom allgemeinen Gefühl der Entfremdung, der Zurückweisung und der Erniedrigung. Erfolg kann eine solche Kultur trotzdem nicht haben. Auch in Syrien und im Irak ist der IS auf Dauer zum Scheitern verurteilt.

Die explosive Lage in den Vorstädten wird aber andauern. Was ist zu tun?
Moïsi: Zunächst ist auf jeden Fall mehr Entschiedenheit und Autorität nötig. Der Staat muss alle Zonen dem Drogenhandel und anderen Kriminellen entreissen und unter seine Kontrolle bringen. Mittelfristig muss der Staat aber auch dem Gebot der Brüderlichkeit nachleben, die Schulen fördern, um diesen Territorien wieder eine Zukunft zu geben und die massive Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen.

Sind Populisten à la Le Pen ein europäisches Phänomen?
Moïsi: Man muss unterscheiden zwischen Ost- und Westeuropa. Der Osten hat wenig Erfahrung mit der demokratischen Kultur. Die Lage in Polen halte ich, was die Durchdringung der Gesellschaft durch diese Kräfte anbelangt, für noch beunruhigender als in Frankreich.

Frankreich scheint blockierter und damit anfälliger als etwa Deutschland.
Moïsi: Ja, der Unterschied ist frappant. Deutschland hat in Angela Merkel eine richtige Leaderin, die Risiken eingeht, dazu eine erfolgreiche Wirtschaft; und jetzt wird es auch noch zu einem moralischen Modell. Natürlich gibt es auch dort Probleme. Aber verglichen mit Deutschland fällt die gegenwärtige Mittelmässigkeit Frankreichs nur noch mehr auf.