JAPAN: Verzweifelt gegen das Vergessen

Hiroshima mahnt eine Welt ohne Atomwaffen an. Doch am Jahrestag des Atombombenabwurfs wächst in Japans Bevölkerung derweil die Angst vor der nuklearen Bedrohung aus Nordkorea.

Angela Köhler, Tokio
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Mit Laternen wird vor der Gedenkstätte in Hiroshima der Opfer des Atombombenabwurfs gedacht. (Bild: Kimimasa Mayama/EPA (5. August 2017))

Mit Laternen wird vor der Gedenkstätte in Hiroshima der Opfer des Atombombenabwurfs gedacht. (Bild: Kimimasa Mayama/EPA (5. August 2017))

Angela Köhler, Tokio

Auf einmal ist es still. In der flirrenden Augusthitze zirpen nur die Zikaden. Schulkinder, die eben noch kreischend aus dem Bus kletterten, verharren in Ehrfurcht und Disziplin. Am 6. August 1945 um 8.13 Uhr erschien hier das amerikanische Flugzeug «Enola Gay», zwei Minuten später erreichte es das angepeilte Ziel im Zentrum von Hiroshima. In 9450 Metern Höhe wird die Bombe ausgeklinkt, in 580 Metern erfolgt die Detonation. Die gewaltige Druckwelle schiesst in Sekundenschnelle in alle Richtungen, Tausende Menschen sterben unter Höllenqualen.

Wer den Friedenspark in Hiroshima heute betritt, kämpft mit Emotionen, erlebt eine fast schon überwältigende Spannung zwischen Trauer und Hoffnung. Der dumpfe Klang der Bronzeglocke, die regelmässig zur Erinnerung an die Toten geschlagen wird, der süssliche Geruch von Weihrauch, das gelb-weisse Chrysanthemen-Meer mahnen bewegend an den ersten nuklearen Holocaust der Weltgeschichte.

«Dieser Fehler wird sich nie wiederholen»

An der wichtigsten Gedenkstätte des japanischen Architekten Kenzo Tange verneigen sich Alte wie Junge und falten die Hände zum Gebet. Vor diesem symbolischen Grabmal mit dem weltberühmten Satteldach lodert die ewige Flamme, die so lange brennen soll, bis die letzte Atomwaffe auf der Welt beseitigt ist. Am Turm für die Seelen der Opfer steht als Versprechen geschrieben. «Ruhet in Frieden. Dieser Fehler wird sich nie wiederholen.»

Fast jeden Tag betet Hiroshi Harada an dieser Stelle und bittet um Vergebung. Warum? Der ehemalige Direktor des Atombombenmuseums hat sich Jahrzehnte mit dem Horror des 6. Augusts 1945 auseinandergesetzt, Tausende Besucher durch die ergreifende Ausstellung geführt, die auch ein differenziertes Bild der japanischen Geschichte zeigt. Und dennoch fällt es ihm schwer, über seine eigenen Erlebnisse zu sprechen. Er war damals knapp sechs Jahre alt und allein, als bei der panischen Flucht vor der Feuerwelle auf einer kleinen Strasse seiner Heimat Hiroshima eine Frau versuchte, sein Bein zu fassen. Sie bettelte um Wasser. Von dem Arm, der versuchte, ihn zu packen, fiel ein blutiges Stück Fleisch. «Aber ich hatte keine Wahl, ich musste den Flammen entkommen.» Er kann es sich noch immer nicht verzeihen.

Resignation verbreitet sich

Diese schreckliche Erinnerung der Überlebenden teilen viele, auch wenn es von Jahr zu Jahr ­weniger werden. Nach offiziellen Angaben waren Ende März noch 164 621 Hibakusha registriert – zu Deutsch etwa: Menschen, die unerträgliches Leid ertragen haben. Mehr als 5500 Opfer sind in den vergangenen zwölf Monaten verstorben, meist direkt an den Spätfolgen ihrer radioaktiven Verstrahlung. Durchschnittlich ist ein Hibakusha heute 81,41 Jahre alt.

Zum 72. Mal schon gedachte Hiroshima gestern des ersten Atomangriffs der Menschheitsgeschichte. In das Gedenken mischte sich diesmal spürbare Ratlosigkeit und Resignation. Eine Welt ohne Atomwaffen wird immer unwahrscheinlicher, auch wenn sich gerade 122 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen darauf verständigt haben. Hiroshimas Oberbürgermeister Kazumi Matsui appellierte bei der wie immer bewegenden Zeremonie im Friedenspark an die japanische Regierung, einen Atomwaffenbann zu unterstützen. Premierminister Shinzo Abe, dessen Regierung diese UNO-Initiative ebenso wenig wie die offiziell schon Kernwaffen besitzenden Staaten befürwortet, ging auf diesen Appell nicht einmal ein.

Regierung lanciert Evakuierungspläne

Immerhin bekräftigte er Japans drei nichtnukleare Prinzipien – keine Produktion, kein Besitz und keine Verbreitung auf japanischem Territorium. Am Ende der 90-minütigen Zeremonie blieb das Fazit: Die Überlebenden von Hiroshima werden immer weniger und ihre mahnenden Stimmen verlieren sich im Lauf der Zeit. Immer mehr Japaner befürchten stattdessen, dass sich durch die nordkoreanische Bedrohung dieses nukleare Inferno wiederholen könnte. Für eine gewisse Panik sorgt auch die japanische Regierung. Sie lanciert Pläne zur Evakuierung von Städten, die im Bereich nordkoreanischer Atombomben liegen könnten. Beispielsweise die Provinzstadt Oga in der nordwestlichen Präfektur Akita. Für den Überlebensdrill hatten sich die Behörden Grundschüler ausgesucht, um an den gesellschaftlichen Beschützerinstinkt der Japaner zu appellieren.

Die amtliche Nervosität macht auch vor dem Alltag nicht Halt. Bei einem nordkoreanischen Raketentest stoppte Ende April die Tokioter U-Bahn für 10 Minuten. Bisher blieb es bei dieser einmaligen Panikmache. Seither bemühen sich die Be­hörden, die Bevölkerung zu beruhigen. Zum Glück sind Japans moderne Abwehrsysteme perfekt genug, um einen Raketentest rechtzeitig von einem tatsächlichen Angriff unterscheiden zu können.