Katastrophe In Japan
Japan: Weiterhin kein Licht am Ende des Tunnels

Vor 100 Tagen zerstörte ein Jahrhundert-Tsunami Japans Nordostküste. Die Opfer, 125000 Obdachlose, hausen weiter in Turnhallen, Gemeinschaftszentren oder kommen bei Verwandten unter.

Daniel Kestenholz
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Inspektoren begutachten den Zustand des havarierten Reaktors Nr. 3 (Foto: Keystone)

Inspektoren begutachten den Zustand des havarierten Reaktors Nr. 3 (Foto: Keystone)

Es war vor 100 Tagen, als ein Jahrhundert-Tsunami Japans nordöstliche Küste zerstörte. Vor 100 Tagen wurde das Japan der Perfektionisten, wo Züge sekundengenau fahren, zum Opfer einer Naturkatastrophe, wie sie eine Industrienation noch nicht gesehen hat. 24000 Menschen starben, 8000 bleiben vermisst. Zehntausende Gebäude wurden zerstört, ein ganzer Landstrich muss ganz von neu anfangen.

Dem Tod durch Erdbeben und Tsunami nicht genug, bleibt Japan auf einer nuklearen Zeitbombe sitzen. Das explodierte AKW Fukushima, wo in den dramatischen Stunden nach dem 11. März gleich drei Kernschmelzen erfolgten, kann Betreiber Tepco zufolge frühestens im Januar 2012 unter Kontrolle gebracht werden. Tagtäglich tritt weiter giftige Strahlung aus. 100000 Tonnen hochgradig verseuchtes Wasser müssen dekontaminiert werden.

Japan hat in Fukushima seine besten Leute im Einsatz und berät sich mit den namhaftesten Spezialisten der Welt. Doch niemand weiss, ob das Gebiet innerhalb der 20-Kilometer-Sperrzone um das Todes-AKW je wieder bewohnbar wird. Und doch gibt es Hoffnungsschimmer. In der Ortschaft Iitate, rund 30 Kilometer von den Katastrophen-Meilern entfernt, liegen die Strahlungswerte stabil unter 3 Mikrogray pro Stunde. Die Strahlenbelastung scheint gering, doch den Behörden ist nicht nach riskanten Experimenten.

Niemand denkt an Rückkehr

Noch darf niemand an eine Rückkehr denken. Japans neue «Hibakusha», wie man die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki nennt, und die Erdbeben- und Tsunami-Opfer: Japans 125000 Obdachlose vom 11. März hausen weiter in Turnhallen, Gemeinschaftszentren oder kommen bei Verwandten unter. Von 60000 geplanten Notunterkünften stehen bisher erst 30000. Doch auch diese Behausungen sind bloss temporär. Und was dann?

Man hat es selbst aufgegeben, Regierung und Behörden Vorwürfe zu machen. Unlängst wurden Rufe im Land laut, dass man das Unglück den Amerikanern zu verdanken habe. Von denen stamme schliesslich das Design der Diesel-Notgeneratoren. Diese waren nach dem 9.0-Erdbeben auch augenblicklich angesprungen, hatten aber ebenso schnell den Geist wieder aufgegeben, als die gigantischen Wassermassen die Anlagen schluckten. Nach einem Bericht des japanischen Informationsdienstes für Raumwissenschaft erreichten Wellen eine Höhe von 23 Metern und überspülten 400 Quadratkilometer. Die einzige Schutzmassnahme, um an dieser erdbebenreichen und Tsunami-gefährdeten Küste einen atomaren GAU zu verhindern, wäre ein AKW-Bauverbot gewesen. Die Ingenieure, die Fukushima entwarfen, konnten in ihren kühnsten Berechnungen keine 23-Meter-Monsterwelle voraussehen, weil eine solche Welle noch nie je beschrieben worden war.

Das renommierte Wissenschaftsjournal «Nature» hat soeben eine Studie publiziert, wonach das Beben tektonische Kräfte freisetzte, die sich im Verlauf von Jahrhunderten ansammeln. Demnach waren am 11. März gigantische Erdplatten von 400 Kilometer Länge und 200 Kilometer Breite um bis zu 50 Meter abgerutscht. Zum Vergleich dazu: Beim massiven 9.4-Erdbeben 2004 im Südindischen Ozean mit 230000 Toten glitten die Erdplatten «bloss» rund 25 Meter ab, die Wellen waren kleiner.

Schwierige Topografie

Nur gerade Japans hügelige, zerklüftete Küste schützte vor noch grösseren Zerstörungen. Doch gerade die schwierige Topografie ist es, die jetzt auch den Wiederaufbau behindert. Bauland ist knapp, allenthalben liegen noch immer Berge von Müll und Schutt herum, woraus weiter einsame Gebäuderuinen ragen. Bereits ein Viertel sei geräumt, sagen die Behörden, die mit drei Jahren rechnen, bis alle Spuren der Zerstörungen weg sind.

In der Ruinenlandschaft vergraben liegen noch immer die Leichen von zahllosen Menschen. Polizisten und Soldaten suchen weiter die Küste ab, während in Fukushima ein Wettlauf mit der Zeit andauert. Eine Versiegelung mit Kaltabschaltung erfolgt frühestens in sieben Monaten. Solange das verseuchte Kühlwasser nicht dekontaminiert werden kann, können Arbeiter auch die Anlagen weder reparieren noch stabilisieren.

Aus Fukushima-Daiichi steigen weiter giftige Strahlenwolken auf, während Menschen nichts als die Hoffnung geblieben ist, die bekanntlich zuletzt stirbt. Sagt Tarayasu Kumada, einer der Vertriebenen in einem Auffanglanger in der Provinz Miyagi: «Niemand von uns hat eine Ahnung, was als Nächstes zu tun ist.» Den Menschen fehlt selbst die Kraft, an morgen zu denken. Man lebt vor sich hin, ohne Pläne, ohne Job, in riesigen Wohngemeinschaften ohne jede Privatsphäre.

Das geschäftige Tokio hat der Alltag wieder. Der traumatisierte Nordosten sieht weiter kein Licht am Ende des Tunnels.