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Japans geliebte Automaten

Verkaufsautomaten spielen in Japan eine grosse wirtschaftliche und soziale Rolle. Mehr als 5,5 Millionen davon sind im Land aufgestellt. Und sie liefern nicht nur Snacks und Getränke.
Angela Köhler, Tokio
Spielzeugautomat vor einem Laden in Kioto. (Bild: Asanka Brendon Ratnayake/Getty)

Spielzeugautomat vor einem Laden in Kioto. (Bild: Asanka Brendon Ratnayake/Getty)

So genannte Jidohanbaiki stehen beinahe an jeder Ecke – und Japans Verkaufsautomaten leisten immer mehr oder Ausgefallenes. Sie gehen mit der Zeit und passen sich selbst den digitalen Launen ihrer Benutzer an. Der beliebteste Gag eines grossen Getränkeherstellers: Wer eine Dose Bier oder Tee kauft, wird mit einem «Selfie» belohnt. Ausgerüstet mit einem grossen LCD-Display und einer Kamera schiessen die neuen Geräte, mit denen das Unternehmen Kirin um Kundschaft wirbt, erstklassige Fotos. Bedenken über Datenschutz oder gar eventuellen Missbrauch spielen offenbar keine Rolle.

Der Kunde kann verschiedene Figuren und Hintergründe wählen, drei Mal darf er abdrücken, dann wird das beste digitale Foto über eine mobile Messaging-App an sein Smartphone gesendet. Dafür muss man nicht einmal Japanisch beherrschen – das System funktioniert auch in Englisch, Chinesisch und Koreanisch.

Entwickelt hat der Kirin-Konzern diese «Vendorphoto»-Generation mit dem Dienstleister Line, den die meisten jungen Japaner für ihre Handys benutzen. Bei dieser Idee standen die ja­panischen Foto-Boxen Purikura Pate, in denen sich Nippons Töchter und Söhne leidenschaftlich und kollektiv knipsen lassen. «Wir wollen nicht nur simple Selbstbedienungsautomaten anbieten, sondern Fun und Freude», heisst es bei Kirin.

Leih-Regenschirme, Wi-Fi und Apfelschnitze

Mit einer anderen Idee punktet ein weiterer Getränkeproduzent. An ausgewählten Automaten von Dydo können neuerdings auch kostenlos Regenschirme ausgeliehen werden. Dazu muss der Passant nicht einmal eine Dose ziehen. Fängt es an zu regnen, darf er sich einen Schirm nehmen, den er wünschenswerter­-weise an irgendeinem anderen ähnlich ausgestatteten Apparat wieder abgibt. Der Dydo-Konzern, der rund 280000 Getränkeautomaten betreibt, setzt auf die Ehrlichkeit seiner Landsleute und auf den Werbeeffekt. Auf jedem Schirm steht gross der Name der Firma.

Die extrem wachsende Zahl von ausländischen Besuchern brachte mehrere Betreiber auf die Idee, Verkaufsautomaten mit Wi-Fi auszurüsten. In touristischen Hot Spots stehen neuerdings Maschinen, in deren 30- Meter-Umkreis ein freies Internet zur Verfügung steht.

Auf den grossen Bahnhöfen in Tokio und Osaka liefern spezielle Automaten frisches Obst. Apfelscheiben mit oder ohne Schale? Ein Stück Melone oder einen Becher Himbeeren? Besonders bei jungen Frauen sind diese Offerten ein sehr beliebter Snack, der auf dem Weg zur oder von der Arbeit mitgenommen wird.

Verkaufsautomaten spielen in Japan eine viel grössere wirtschaftliche und soziale Rolle als in den meisten anderen Ländern. Die rund um die Uhr verfügbaren «stillen Diener» der ortsüblichen 24-Stunden-Läden bieten miniaturisierte Varianten ihres Angebots zudem in Büros, Krankenhäusern und auf Parkplätzen an. Das Unternehmen Familymart packt bis zu 60 verschiedene Waren in eine solche Maschine. Kunden finden hier Alltags-Lebensmittel wie Sandwiches sowie die beliebten Reisbällchen, aber auch Dinge des täglichen Bedarfs wie Strumpfhosen und Socken. 1520 solche Automaten versorgen die Kundschaft per Knopfdruck und zu ähnlichen Preisen wie im Laden. Das Geschäft boomt, sagt Familymart und plant pro Jahr 500 weitere Einheiten.

Generell gibt es fast nichts, was es in Japans Automaten nicht gibt. Und man findet diese meist knallbunten Selbstbedienungsgeräte an fast jeder Strasse, in jedem Einkaufszentrum und garantiert auf jedem Bahnhof. Die Tag- und Nacht-Versorger sind aus dem Leben der Japaner nicht mehr wegzudenken. Vor allem Getränkediener stehen im Abstand von selten mehr als 100 Metern, oft sogar mehrere davon. Quälender Durst ist quasi unmöglich, und die Preise sind moderat.

Grösste Automatendichte der Welt

Bei kaltem Wetter und im Winter sehr beliebt sind alle Arten von Heissgetränken in Dosen. Mancherorts finden sich auch Automaten, die Fertiggerichte anbieten. Nicht nur die üblichen Sandwiches und Snacks, sondern als Alternative auch heisse Suppen – ohne Löffel allerdings, sondern zum Trinken aus der Dose. Am beliebtesten ist die Geschmacksrichtung Mais, aber auch Fertignudeln mit Fleisch oder Pizza sind im Angebot.

Japan verfügt definitiv über die grösste Automatendichte der Welt. Statistisch betrachtet kommt auf je 23 Japaner ein Automat! Mehr als 5,5 Millionen dieser Apparate sind im ganzen Land aufgestellt, rund die Hälfte davon mit Getränken gefüllt. Auf diesem Terrain scheint selbst die Erfindernation USA mit 35 Köpfen pro Verkaufsapparat fast schon «unterentwickelt».

Helfer im Katastrophenfall

Der älteste, intakte Automat stammt aus dem Jahr 1904 und vertreibt noch immer Postkarten und Briefmarken. Fast immer funktionieren die Geräte einwandfrei. Da Vandalismus und Raub in Japan äusserst selten vorkommen, sind die Maschinen auch relativ sicher vor Einbrüchen und Graffiti-Attacken.

Auch für den Horror der Japaner – Naturkatastrophen wie Erdbeben, Tsunami oder Vulkanausbrüche – werden die Maschinen immer praktischer. So kann eine zunehmende Anzahl von Automaten im Notfall sogar kosten­-los Getränke abgeben, weil sie schnell umprogrammiert werden können. Auf den neuesten Bildschirmen erscheinen bei Notsituationen wichtige Informationen und Instruktionen zur Lage.

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