Neustart
Japans heikle Rückkehr zur Atomkraft

Obwohl eine grosse Mehrheit dagegen ist, wird heute in der japanischen Küstenstadt Satsumasendai der erste Reaktor nach Fukushima wieder hochgefahren. Der Neustart ist nicht nur in politischer Hinsicht ein Wagnis.

Susanne Steffen, Tokio
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Soll nach viereinhalb Jahren wieder ans Netz: das Atomkraftwerk Sendai in der südjapanischen Präfektur Kagoshima.Keystone

Soll nach viereinhalb Jahren wieder ans Netz: das Atomkraftwerk Sendai in der südjapanischen Präfektur Kagoshima.Keystone

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Knapp viereinhalb Jahre nach dem Fukushima-Unfall wird heute in Japan ein erster Atomreaktor wieder in Betrieb genommen. Um 10.30 Uhr Ortszeit werden die Steuerstäbe im Atomkraftwerk Sendai ausgefahren und die Kernspaltung beginnt. Wenn alles nach Plan läuft, soll die nukleare Kettenreaktion knapp zwölf Stunden später die kritische Schwelle überschreiten, ab der die Kernspaltungsreaktion nicht mehr von selbst erlischt.

Ein gewagtes Experiment

Der 30 Jahre alte Reaktorblock 1 des AKW Sendai im südjapanischen Kagoshima ist nur einer von insgesamt 25 eingemotteten Reaktoren, die die Genehmigung für einen Neustart beantragt haben. In den kommenden Monaten könnte also gut die Hälfte der insgesamt 48 Atomreaktoren des Landes wieder ans Netz gehen.

Japans Super-GAU

Durch ein schweres Erdbeben und einen darauffolgenden Tsunami wurde das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi am 11. März 2011 so stark beschädigt, dass es in den Blöcken 1 bis 3 zu Kernschmelzen kam. Es kam zu mehreren Explosionen und Bränden. Vier der sechs Reaktorblöcke wurden zerstört. Grosse Mengen an Radioaktivität verstrahlten Böden, Luft und Wasser. Insgesamt mussten etwa 160 000 Menschen dauerhaft oder vorübergehend umgesiedelt werden. Der Rückbau dürfte bis zu 40 Jahre dauern und weit über 100 Milliarden Euro kosten. Mehrfach kam es bei der Sicherung der Atomruine zu Zwischenfällen wie dem Austreten von radioaktiv verseuchtem Kühlwasser ins Meer. Der Unfall wurde auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse gleich dem Super-GAU von Tschernobyl 1986 mit der Höchststufe 7, «katastrophal», eingeordnet. (RHE)

Auch die nach dem Fukushima-Unfall neu gegründete Atomsicherheitsbehörde mahnt den Betreiber Kyushu Electric zur Vorsicht. Das Unternehmen versucht zu beruhigen. Der Reaktor werde nicht sofort auf Höchstleistung gebracht, sondern über einen Monat hinweg Stück für Stück hochgefahren, um zum Beispiel die Leitungen auf mögliche Schäden zu inspizieren, so Kyushu Electric.

Der Neustart des Sendai-Reaktors ist auch ein politischer Sieg für Ministerpräsident Shinzo Abe. Dieser drängt seit seinem Amtsantritt im Dezember 2012, die Atomreaktoren des Landes wieder ans Netz zu nehmen. Damit will er die Wirtschaft von dem Kostendruck durch vermehrte Gas- und Ölimporte befreien. In ihrem langfristigen Energiekonzept setzt die Regierung Abe darauf, dass die Atomkraft im Jahr 2030 wieder 20 bis 22 Prozent des Stroms der drittgrössten Industrienation der Welt liefert. Vor dem Fukushima-Unfall waren es 30 Prozent. «Wir lassen nur Reaktoren ans Netz, die die strengsten Sicherheitsstandards der Welt erfüllen», kommentierte Abe am Wochenende die Nachricht, dass der Sendai-Reaktor hochgefahren wird.

Mehrheit gegen Atomstrom

Nachdem Japan knapp zwei Jahre ganz ohne Atomstrom auskam, steht die Mehrheit der Bevölkerung einer Rückkehr skeptisch gegenüber. Laut einer Umfrage der Tageszeitung «Mainichi Shinbun» vom vergangenen Wochenende sind 57 Prozent der Befragten gegen den Neustart.

Auch Hiroyuki Endo zweifelt an den Sicherheitsbeteuerungen der Regierung. Nach dem Fukushima-Unfall hat der 49-Jährige seine Frau und seine drei Kinder aus der Sperrzone in unmittelbarer Nähe der Fukushima-Ruine ins 1000 Kilometer entfernte Kagoshima evakuiert. Als Angestellter eines Subunternehmens des Fukushima-Betreibers Tepco blieb Endo noch drei Monate, um bei den Aufräumarbeiten in der Atomruine zu helfen. Mittlerweile hat sich die Familie ein neues Leben im Süden des Landes aufgebaut – knapp 50 Kilometer von dem Sendai-Reaktor entfernt. «Ich weiss nicht, ob wir den neuen Sicherheitsversprechen der Regierung wirklich trauen dürfen», erklärte Endo in der Lokalzeitung seiner neuen Heimat.