Putsch in Simbabwe
Jean Ziegler über Sturz von Mugabe: «Dass China dahinter steckt, ist durchaus möglich»

Der Genfer Soziologe Jean Ziegler kennt Simbabwes Diktator Robert Mugabe persönlich. Im Interview spricht er über seine Gefühle für Mugabe und die Katastrophe in Simbabwe.

Samuel Schumacher
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Robert Mugabe (93).

Robert Mugabe (93).

REUTERS

Kein Schweizer kennt Robert Mugabe besser als der Genfer Soziologe und ehemalige SP-Nationalrat Jean Ziegler (83). Ziegler hat den Despoten, der sich hartnäckig an der Macht zu halten versucht, zweimal persönlich getroffen – in seiner Funktion als Sonderberichterstatter der UNO. Erst kürzlich hat Ziegler Simbabwe wieder besucht. Das Land, sagt er, sei in einer «Teufelsspirale der Perversion» gefangen.

Robert Mugabe wurde in der Nacht auf Mittwoch von den Streitkräften seines Landes faktisch abgesetzt. Ein Freudentag für Simbabwe?

Das kann man noch nicht definitiv sagen. Sicher ist, dass Mugabes Regime über die vergangenen Jahre stets korrupter wurde. Die Situation im Land ist schlimm. Mugabe hätte längst zurücktreten und die Macht an eine demokratisch gewählte Regierung übergeben sollen. Ob die Generäle, die jetzt an den Schaltern der Macht sitzen, im Gesamtinteresse handeln, wird sich weisen.

Jean Ziegler Jean Ziegler, fotografiert zuhause in Russin bei Genf, am 11. Oktober 2017.

Jean Ziegler Jean Ziegler, fotografiert zuhause in Russin bei Genf, am 11. Oktober 2017.

SEVERIN BIGLER

Warum passiert dieser «Putsch» gerade jetzt?

Die Korruption in Simbabwe hat einen Grad erreicht, der nicht mehr tolerabel war. Das Land steuerte auf eine soziale Katastrophe zu.

Sie kennen die Situation aus erster Hand. Wie zeigt sich diese Katastrophe im Land?

Ich war kürzlich im Rahmen einer UNO-Mission in Simbabwe. Vielerorts sieht man hungernde Kinder. In Bulawayo, der zweitgrössten Stadt des Landes, sah ich überall Bettler.

Beobachter sagen, die Streitkräfte hätten die Macht übernommen, weil sie verhindern wollen, dass Mugabes Frau Grace dessen Nachfolge antreten kann. Ist da etwas dran?

Grace Mugabes Machtanspruch hat sicher auch eine Rolle gespielt. Sie ist eine Inkarnation der Korruption Simbabwes. Auch Fremdeneinfluss ist aber nicht ganz auszuschliessen. Simbabwe ist ein strategisch wichtiges Land mit einem unglaublich fruchtbaren Boden und zahlreichen Bodenschätzen. Die Amerikaner, die Briten oder auch multinationale Gesellschaften könnten den Machtwechsel befördert haben.

Simbabwes Militärchef war vergangene Woche bei Chinas Verteidigungsminister Chang Wanquan in Peking zu Besuch. Es gibt Fotos des Treffens. Purer Zufall?

Dass China hinter der Entwicklung steckt, ist durchaus möglich. Das Land hat einen unglaublichen Hunger nach afrikanischen Rohstoffen und wendet alle Methoden an, um sich Handels- und Abbaurechte in Afrika zu sichern.

Ein Interesse an Mugabes Absetzung hat der vergangene Woche gefeuerte und geflohene Vizepräsident Emmerson Mnangagwa, der offenbar bereits ins Land zurückgekehrt ist. Was würde die Machtübernahme durch ihn für Simbabwe bedeuten?

Grundsätzlich ist jede Entwicklung, die das Mugabe-Regime beendet, willkommen. Ob Mnangagwa dem Land guttun würde, kann man derzeit nicht sagen. Festhalten muss man aber auch, dass in der ganzen Entwicklung eine gewisse Tragik steckt.

Wie meinen Sie das?

Mugabe, von Haus aus ein armer Dorfschullehrer, war einst ein Revolutionär mit einer grossen, bewundernswerten Energie. Er hat im Exil im benachbarten Moçambique die Befreiungsarmee aufgebaut und mit seinen Truppen erfolgreich gegen die weisse Minderheitsregierung gekämpft, die unter dem Tabakpflanzer Ian Smith in den 70er-Jahren die Macht im Land innehatte – unterstützt vom Apartheidsregime in Südafrika.

Dafür bewundern Sie Mugabe. Das hat Ihnen einige Kritik eingebracht.

Mugabe gewann den Krieg gegen die unterdrückerische Regierung von Ian Smith unter schrecklichen Opfern. Nach seiner Machtübernahme 1980 entwickelte er sich aber mehr und mehr von einem bewundernswerten Befreiungsführer zu einem Despoten. Die Teufelsspirale der Perversion drehte sich immer schneller, Menschenrechte wurden aufs Schwerste verletzt.

Mugabe ist nicht der einzige – eine Auswahl der übelsten Tyrannen:

Jean-Bédel Bokassa, Zentralafrika Erst französischer Elite-Soldat, dann Kaiser. Als 100 Schulkinder gegen neue Schuluniformen protestierten, liess Bokassa (* 1921) sie totprügeln, kurz nach seiner Machtübernahme. Im Keller seines Palastes in der Zentralafrikanischen Republik ging es fürchterlicher zu als in Stalins Folterkammern. Einige Gefangene soll Bokassa buchstäblich aufgefressen haben. Zwar wurde er 1979 vom Thron gejagt, aber er konnte sich auf seine europäischen Freunde verlassen. Drum starb der Schurke 1996 friedlich im Bett und hinterliess 17 Frauen mit ungefähr 50 Kindern.
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Idi Amin, Uganda Der Fettwanst verfütterte Gegner an Krokodile ... nein, nicht als Bösewicht im James-Bond-Film. Er zwang Unglückliche, sich mit dem Vorschlaghammer gegenseitig den Schädel einzuschlagen. Mindestens 300 000 Menschen liess er umbringen. Wurde er je zur Rechenschaft gezogen? Idi Amin (1928–2003), «Big Daddy», wie ihn Freunde nannten, galt in Europa allenfalls als Blödmann und Faxenschneider. Nach seinem Sturz lebte er noch 25 Jahre in der saudischen Hauptstadt, mit ordentlicher Apanage und den neusten Limousinen. Er war ein guter Muslim.
Mswati III. Makhosevite, Swasiland Er ist der letzte noch absolutistisch regierende Herrscher Afrikas und seit 1986 König. Ausgebildet in England, spielt er Schicksal in einem der ärmsten Länder der Welt. Seine segensreiche Weisheit erschöpft sich im Luxus – für sich selbst. Oder mit viel Empathie für seine Frauen. 2005 liess er für sie zehn Paläste bauen. Er kaufte ihnen BMWs, selber fährt er Maybach oder Mercedes. Als Ausgleich lebt die Mehrheit seines Landes mit weniger als einem Dollar pro Tag; Massenproteste wurden niedergeschlagen. Die Lebenserwartung im Land beträgt 51 Jahre.
Charles Taylor, Liberia Der Typ Warlord unter Diktatoren, immerhin ein Schuft, der mal angeklagt wurde als Kriegsverbrecher. Taylor (* 1948) hat fast in industriellem Ausmass gemordet. Allein der Bürgerkrieg in Liberia, wo er den Impresario gespielt hatte, kostete 250 000 Menschen das Leben. Dazu kamen Opfer in Guinea und Sierra Leone. Taylors «Small Units» waren berüchtigt dafür, Gefangenen Gliedmassen abzuhacken. 2003 setzte er sich ab nach grauenvollen Gemetzeln und lebte fortan in einer Villa in Calabar. 2006 wurde er verhaftet, 2012 in den Niederlanden schuldig gesprochen.
Muammar al-Gaddafi, Libyen Zum Zeitpunkt seines Todes waren 80 Prozent der Leute in Libyen noch unter seiner Herrschaft geboren worden. 1969 hatte er die Macht übernommen. Damit erlebte auch die Verfolgung von Juden in Libyen ihren Höhepunkt. Als 1988 bei einem Terroranschlag auf ein amerikanisches Flugzeug 270 Menschen starben, übernahm Libyen «die Verantwortung für die Handlungen seiner Offiziellen». Gaddafi unterhielt gute Beziehungen zu Rechtsradikalen, u.a. zu Jörg Haider. Die genauen Umstände seiner Tötung im Oktober 2011 sind bis heute nicht geklärt.
Alfredo Stroessner, Paraguay Noch ein Ausflug in die politische Halloween-Gilde von Lateinamerika: Der deutschstämmige Stroessner (1912– 2006) in Paraguay kleidete und führte sich auf wie sein Idol Hermann Göring. Bereits als Sechzehnjähriger trat er ein beim Militär und machte Karriere. Mit 36 war er General. 1954 entmachtete er den Präsidenten und war dann selber Präsident, nicht weniger als acht Mal. Er beschützte die 40 000 Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg einwanderten; auf der anderen Seite gingen zwei Millionen Einheimische ins Exil. Wie er schliesslich auch, 1989.
Rafael Trujillo, Dominikanische Republik Ihn nennen wir, weil zu diesem karibischen Caligula-Zwerg ein Roman erschienen ist von Maria Vargas Llosa: «Das Fest des Ziegenbocks». Das Buch zeigt exemplarisch, wie es keinen Diktator geben kann, nirgends auf der Welt, ohne Scharen von Feiglingen, Kriechern, Befehlsempfängern, Speichelleckern in seiner Entourage. Bei Trujillo ging das so weit, dass die Höflinge es sogar duldeten, wenn der Sexsüchtige ihre Frauen und Töchter schändete. Nicht zuletzt darum wurde er aus der Entourage 1961 erschossen. Der Westen hatte ihn geschätzt als Kommunistenfresser.
Eskalation in Simbabwe

Jean-Bédel Bokassa, Zentralafrika Erst französischer Elite-Soldat, dann Kaiser. Als 100 Schulkinder gegen neue Schuluniformen protestierten, liess Bokassa (* 1921) sie totprügeln, kurz nach seiner Machtübernahme. Im Keller seines Palastes in der Zentralafrikanischen Republik ging es fürchterlicher zu als in Stalins Folterkammern. Einige Gefangene soll Bokassa buchstäblich aufgefressen haben. Zwar wurde er 1979 vom Thron gejagt, aber er konnte sich auf seine europäischen Freunde verlassen. Drum starb der Schurke 1996 friedlich im Bett und hinterliess 17 Frauen mit ungefähr 50 Kindern.

HO

Die Besitzverhältnisse im Land blieben aber vorerst dieselben. Die weisse Minderheit behielt das gute Land, die schwarze Mehrheit litt weiterhin.

Der Friedensvertrag, das Lancaster-House-Abkommen, sicherte der weissen Minderheit die Besitzrechte zu. Mugabe hat vor sechs Jahren schliesslich trotzdem durchgegriffen und die weissen Bauern enteignet. Statt das Land an die von Armut geplagte Bevölkerung zu verteilen, schanzte er es aber seinen eigenen Kumpanen zu. Das zeigt die Perversion des Systems Mugabe. Viele, die ihm bis dahin loyal waren, wandten sich von ihm ab. Die Entwicklungen der letzten Tage sind die längst fällige Spätfolge davon. Simbabwe hat eine unerhört arbeitsame, pluriethnische, uralte, kultivierte Bevölkerung. Ihr wäre eine Zukunft des Glücks und der Menschenwürde zu gönnen.

Jean Ziegler berichtet in seinem Buch «Der schmale Grat der Hoffnung» (Bertelsmann 2017) von seinen Erfahrungen als Mitarbeiter der UNO und Berater des Menschenrechtsrats.