Jedes Wort ist eine Erzählung

Zsuzsanna Gahse mäandriert in ihrem neuen «Südsudelbuch» durch Europa und macht erneut die Sprache zur Hauptfigur. Dieter Langhart

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Zsuzsanna Gahse (Bild: dl)

Zsuzsanna Gahse (Bild: dl)

Notizen vom Unterwegsein verheisst der Titel «Südsudelbuch»: nicht hingesudelt, sondern Gedankensplitter, Randbemerkungen, Erinnerungsfetzen. Zsuzsanna Gahse legt erneut ein Werk vor, das vom wirklichen Reisen und von dem in Gedanken erzählt; das sich dem Alpenbogen lang spannt und eigentlich die Welt meint. Eine Welt voller Sprachen und Wörter, voller Menschen – Durchreisende wie Heimatlose –, voller Begegnungen.

Zwei Südsudelbücher sind es (Reverenz an Cervantes' zweiteiligen «Don Quijote», den Gahse sehr schätzt?). Eine Norditalienische und vier Sudelsagas stecken auch drin, als Erzählinseln bezeichnet, wie schon Gahses Reden an der Chamisso-Poetikdozentur 2008 in Dresden hiessen, in denen es ihr um das Schreiben zwischen den Sprachen ging. Diese Inseln sind nicht in Gefahr, auseinanderzutreiben, denn die Sprache hält sie zusammen, die eigentliche Hauptfigur in ihren Büchern.

War Grossvater in Granada?

So hebt das Buch an: «Ein Reisetagebuch, bei dem es nicht auf die einzelnen Tage ankommt.» Keine Chronologie also, eine assoziative Kette aus präzisen Beobachtungen auf einer ausschweifenden Europareise. Die Ich-Erzählerin spürt mit Tokoll, einem befreundeten Fotografen und wie sie aus Ungarn geflohen, ihrem Grossvater Endre nach, der in Granada als Barpianist aufgetreten sein soll.

Sie hält sich in Vals auf, den Horaz in der Hand, und vor ihrem Fenster liegen «monsterhafte Riesen»: Berge, die auf sie bedrohlich wirken, ein wiederkehrendes Motiv bei Zsuzsanna Gahse. Sie machen in Madrid oder Toledo, Budapest oder Bozen oder Wien halt. Bisweilen sind sie in Felden, wie Müllheim genannt wird, und erinnern sich an den Besuch der Schauspieler, «weil wir glaubten, eine Commedia dell'Arte in Felden aufführen zu können» – eine hübsche Reminiszenz an «durch und durch» über Zsuzsanna Gahses Wohnort Müllheim an der Thur, wo sie das Theatervorhaben angedacht hatte.

«Alle sind unterwegs», sagt die Erzählerin, die sich als Reisephilosophin bezeichnet und Wörter liebt wie «Mittelmeermund» und Wörter erfindet wie «Satzmeister» für den Verleger. Im zweiten Südsudelbuch werden die Erzählinseln knapper, wird die Zeit dichter. Figuren tauchen auf und verschwinden wieder, Geschäftsreisende wie Flüchtlinge, die unfreiwillig Reisenden. «In halb Europa sind Ausländer nicht willkommen», sagt die Erzählerin, hingegen «salonfähige Migrationsromane, die gefeiert werden». Man denkt unweigerlich an Melinda Nadj Abonji.

Die ausgebliebenen Wörter

Die Erzählerin meint, dass man Gespräche führen und fortsetzen muss, «sie nämlich sind die eigentlichen Geschichten». Von «armen ungedachten Wörtern» redet sie und dass Gemeinsamkeiten «höchstens durch die Sprachen» aufkämen». Und zum Schluss gibt sie uns dies mit: eine «kleine Auswahl der ausgebliebenen Wörter», «weil Wörter (nicht alle, aber viele) selbständige Geschichten sind».

Buchvernissage: So, 23.9., 11.00, Bodmanhaus, Gottlieben. Zsuzsanna Gahse: Südsudelbuch. Edition Korrespondenzen, Wien 2012. 173 Seiten.