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Jekaterinburg probt den Aufstand

In der Uralstadt protestieren Tausende gegen den Bau einer Kathedrale auf einer zentralen Grünfläche. Die Behörden wollen das Projekt trotzdem durchziehen.
Stefan Scholl, Moskau
Demonstranten versammelten sich auch am Mittwoch vor dem Bauzaun der geplanten Kathedrale. Bild: Anton Basanayev/AP (Jekaterinburg, 15. Mai 2019)

Demonstranten versammelten sich auch am Mittwoch vor dem Bauzaun der geplanten Kathedrale. Bild: Anton Basanayev/AP (Jekaterinburg, 15. Mai 2019)

Vor dem Zaun stehen Einsatzpolizisten in schwarzen Kampfanzügen und Sturzhelmen, mehrere junge Männer reden auf einen kleinen, rundlichen Ordnungshüter ein. «Werden Sie auf das Volk schiessen?», fragt ihn ein bärtiger Demonstrant. «Werden Sie dabei Spass haben?» Der kleine Einsatzpolizist murmelt «kein Kommentar» und lächelt verlegen. «Euch wird das Lachen vergehen, wenn hier nicht ein paar Tausend, sondern ein paar Hunderttausend stehen», schimpft der Mann mit dem Bart.

Jekaterinburg probt den Aufstand. Schon am vergangenen Montag kam es im Stadtzentrum zu Unruhen. Mehrere tausend Menschen versammelten sich auf einer Grünfläche neben dem Dramatischen Theater, um gegen den Bau der neuen JekaterinenKathedrale auf der Parkanlage zu protestieren. Eine gleichnamige Kirche war 1930 von den Bolschewisten einige hundert Meter weiter zerstört worden. Ihr 50 Millionen Euro teurer Wiederaufbau, der laut TV Doschd hauptsächlich von den regionalen Dollarmilliardären Andrei Kosyzin und Igor Altuschin finanziert wird, ist umstritten, scheiterte bereits an zwei anderen Standorten wegen Bürgerprotesten.

Volksabstimmung gefordert

Aber diese eskalierten jetzt auf der Grünfläche neben dem Theater. In der Nacht auf Montag war dort ein Bauzaun aus Maschendraht aufgetaucht, die Demonstranten rissen ihn ab, wurden aber selbst von Athleten einer Kampfsportakademie abgedrängt, die laut dem Portal meduza.io der Magnat Altuschin gegründet hat. Am Dienstag kamen Polizisten und Nationalgardisten zum Einsatz, es gab wieder Handgreiflichkeiten. Nach Angaben der Polizei wurden 29 Personen festgenommen, einem 17-Jährigen brach man dabei laut dem Portal zona.media die Nase, drei Menschen landeten im Krankenhaus. Am Donnerstag gingen die Proteste weiter, junge Frauen sangen zu Gitarrenmusik, andere beschimpften die Bauarbeiter, die mithilfe eines Krans Pfosten für eine neue ­Absperrung aus schweren Eisenplatten in den Rasen rammten.

Die Gegner der Kathedrale werfen den Behörden vor, sie seien bei der Genehmigung des Baus nicht zu Wort gekommen, und fordern eine Volksabstimmung. Befürworter sagen, sie hätten die Baustelle der Kathedrale um des lieben Friedens willens schon zweimal verlegt, nun verlangten sie von der Gegenseite ebenfalls Kompromissbereitschaft. Allerdings befanden sich alle diskutierten Standorte direkt im Zentrum der 1,4-Millionen-Stadt, wo schon ein Dutzend Kirchen steht, darunter die Blutkathedrale, die 2003 an dem Ort eingeweiht wurde, wo 1918 die Zarenfamilie ermordet worden war. Die Jekaterinen-Kathedrale soll das 66 Meter hohe Pilger- und Touristenzentrum noch um neun Meter überragen.

Bauherren und Behörden wollen das Projekt durchziehen. Gebietsgouverneur Jewgeni Kuiwaschew debattierte am Dienstag zwei Stunden mit Vertretern beider Seiten, verkündete danach: «Es gibt keine gesetzlichen Gründe, den Bau abzubrechen.» Gegen eine der Wortführerinnen der Demonstranten, die Jugendchorleiterin Anna Baltina, wurde am selben Tag ein Verfahren wegen Anstiftung zu einer nicht genehmigten Kundgebung eröffnet.

«Verantwortungsgefühl für Umgebung wächst»

Kremlsprecher Dmitri Peskow nannte das Vorgehen der Behörden in Jekaterinburg korrekt, der Staats-TV-Moderator Wladimir Solowjow aber beschimpfte die Demonstranten als «1500 Missgeburten». In den vergangenen Monaten häufen sich regionale Proteste. In Inguschetien protestierten Einwohner wochenlang gegen eine Korrektur der Grenze zur Nachbarrepublik Tschetschenien, in Archangelsk gegen eine Grossmüllkippe, die Öffentlichkeit Sankt Petersburgs wehrte sich vergangenes Jahr entschlossen gegen die geplante Übergabe der staatlichen Isaakskathedrale an die Russisch-Orthodoxe Kirche. «Auch wenn die Anlässe unterschiedlich sind, flammen diese Unruheherde nicht zufällig auf», sagt der Moskauer Oppositionspolitiker Sergei Dawidis unserer Zeitung.

«Das Verantwortungsgefühl der Menschen für ihre Umgebung wächst, auch die Bereitschaft, dafür auf die Strasse zu gehen.» Allerdings stellten diese Proteste noch keine direkte Bedrohung für die Staatsmacht dar. «Sie macht kosmetische Zugeständnisse, doch sie will unbedingt den Eindruck verhindern, dass man in Russland etwas mit Protesten ­erreichen kann.»

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